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Blickpunkt

Keine Arbeit, kein Essen in Armenvierteln

Guatemala

Andreas BouekeBei Familie Gonzales im Armenviertel La Comunidad in Guatemala-Stadt bleiben die Töpfe zurzeit öfter leer.

Guatemala ist das Land mit den wenigsten Krankenhäusern auf dem amerikanischen Kontinent. Wenn die Fallzahlen dort steigen, bekommen die meisten schwer kranken Covid-19-Patienten keine ausreichende medizinische Versorgung. Gleichzeitig führt der Lockdown dazu, dass Menschen hungern.

Andreas BouekePater Pater Abel Villegas registriert bedürftige Familien.

»Viele Menschen sind verzweifelt«, sagt der guatemaltekische Sozialarbeiter Cesar Puac. »Covid-19 hat den Bewohnern der ärmsten Viertel um Guatemala-Stadt alle Hoffnung genommen.« Der schlanke Mann mit den Gesichtszügen der indigenen Maya-Bevölkerung arbeitet in La Comunidad, einem Stadtteil im Westen der guatemaltekischen Hauptstadt. Dort leben mehr als 70 000 Menschen – viele in extremer Armut. »Besonders Eltern von kleinen Kindern machen sich Sorgen, nicht so sehr um das Virus, sondern um die Ernährung. Sie wissen nicht mehr, was sie den Kleinen zu essen geben sollen.«

Auvilio Gonzales wollte sein Leben beenden

»Hier kann man den Bluterguss sehen, wo ich mir das Seil um den Hals geschlungen habe.« Mit dem Zeigefinger zieht der 40-jährige Auvilio Gonzales die bläuliche Linie auf seiner Haut nach. »Dort drüben habe ich mich aufgehängt. Warum? Weil ich nicht wusste, wie es weiter gehen soll. Als mein Sohn reinkam, hatte sich die Schlinge schon zugezogen. Ich war bewusstlos, als er das Seil durchschnitt. Dann schlug er so lange auf meine Brust, bis die Feuerwehrleute kamen.«
Die Holzhütte der Familie Gonzales steht direkt neben dem steilen Abhang im Norden von La Comunidad. Keine zehn Meter Luftlinie entfernt, aber mindestens 30 Meter tiefer, fließt ein verschmutzter Bach. Der Geruch nach Kloake dringt bis nach oben. Don Auvilios Frau, Maria Luisa, ist wütend auf ihren Mann. Sie kann nicht verstehen, warum er sie gerade jetzt mit den Kindern allein zurücklassen wollte: »In dieser Krise musst du doch alles für deine Kinder tun. Sie dürfen keinen Hunger leiden. Dafür sind sie noch viel zu klein. Irgendwo kann man immer etwas zu essen auftreiben. Obwohl, manchmal haben wir auch gar nichts. Dann fühlt man sich krank, zu kraftlos um weiter zu kämpfen.«

Was in Deutschland funktioniert, kann in Guatemala tödlich sein

Anfangs haben die meisten Regierungen in Lateinamerika kopiert, was die reichen Länder in Europa vorgemacht haben. Doch eine Strategie, die in Deutschland funktioniert, lässt sich nicht einfach auf ein Land wie Guatemala übertragen, wo fast die Hälfte der Kinder chronisch unterernährt sind. Die Aussicht einer Hungersnot wirft einen Schatten auf das Argument, die Infektionskurve müsse durch einen Lockdown abgeflacht werden. Gut möglich, dass die wirtschaftlichen Konsequenzen der Krise in Lateinamerika weitaus tödlicher sein werden als das Virus selbst.
2017 gaben die Staaten Lateinamerikas nach Berechnungen der Weltgesundheitsorganisation pro Kopf 1076 Dollar für Gesundheit aus, weniger als ein Fünftel der Investitionen in Deutschland. In Guatemala lag diese Summe bei nur 240 Dollar. »Wir sind nicht gut ausgerüstet«, klagt die Krankenschwester Ludvi Santos in dem Gesundheitsposten von La Comunidad, »obwohl wir ständig Kleinkinder sehen, die unterernährt sind. Da können wir nicht viel machen. Wir sind darauf angewiesen, dass die Eltern zu Hause genug zu Essen haben. Aber das hatten viele schon vor der Krise nicht.«

Je größer der Hunger, desto unsicherer die Gegend

Keine 200 Meter von der Gesundheitsstation entfernt steht die Kirche des Heiligen Petrus Nolasco. Vor der Eingangstür hat Pater Abel Villegas einen Schreibtisch aus Blech auf den staubigen Boden gestellt. Er registriert die Namen hilfsbedürftiger Menschen, die in der Hoffnung auf Unterstützung zu ihm kommen. »Wir sind hier in einer sehr armen Gegend. Wir als Kirche versuchen zu unterstützen, soweit wir können.«
La Comunidad gilt als gefährliche Gegend. Je mehr Menschen Hunger leiden, desto größer ist die Gefahr. Auch für diejenigen, die helfen wollen. »Es gibt hier Leute, die jemanden töten, um essen zu können«, sagt der Priester. »Viele von uns haben Angst, in die engen Gassen zu gehen. Plötzlich wirst du überfallen und dein Leben ist in Gefahr. So können wir die ärmsten Familien nicht erreichen. Sie müssen zu uns kommen.«

Die katholische Kirche gibt Lebensmittel aus

In einem Saal neben dem Gebäude der Kirche des Heiligen Petrus Nolasco stapeln sich Säcke und Kisten voller Lebensmittel. Pater Abel Villegas bringt Ordnung in das Chaos: »Mit diesen Spenden können wir etwa 400 Familien helfen. Sie bekommen Grundnahrungsmittel und Sachen wie Seife, Chlor und Toilettenpapier.«
Die Nachricht, dass die katholische Kirche Nahrungsmittel ausgibt, hat sich schnell herumgesprochen. Viele der Wartenden vor dem Eingangstor der Kirche stehen nicht auf der Liste des Paters. Vermutlich werden sie leer ausgehen. Alle Wartenden tragen eine Schutzmaske, doch die wenigsten achten auf Abstand. Ein Polizist fordert sie zur Ordnung auf.

Helles Licht vor Augen vor lauter Hunger

Zwei Stunden später trägt Maria Luisa Gonzales eine Kiste voll Lebensmittel in die Hütte ihrer Familie. Auvilio Gonzales schaut zufrieden in den Kochtopf. In den letzten Tagen hat ihm der Hunger ziemlich zugesetzt. »Man fühlt sich kraftlos und müde. Wenn du lange nichts isst und immer nur Wasser aus dem Hahn trinkst, dann siehst du irgendwann ein helles Licht vor Augen. Du bist zu schwach, dich zu bücken.« Mit den ersten Löffeln Suppe blinkt wieder ein wenig Hoffnung aus seinen Augen.

Von Andreas Boueke

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