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Meinung

Was bringt’s?

Was bringt es mir, Mitglied einer Kirche zu sein? Nichts, lautet die Antwort, die sich immer mehr Menschen geben. So einfach ist das – und doch so kompliziert.

eszChefredakteur Wolfgang Weissgerber

Was bringt mir das? Das fragt sich jeder Mensch, bevor er sein Geld für etwas ausgibt. Was bringt es mir, Mitglied einer Kirche zu sein? Nichts, lautet die Antwort, die sich immer mehr Menschen geben. So einfach ist das – und doch so kompliziert.

Die Hoffnung, bei einem Unfall oder einer Panne schnell Hilfe zu bekommen, bewegt viele Menschen zur Mitgliedschaft in einem Automobilclub. Der größte in Deutschland, der ADAC, hat allein fast 22 Millionen Mitglieder. Etwa so viele, wie die evangelische und die katholische Kirche jeweils auch.

Nur: Der ADAC gewinnt Jahr für Jahr etwa noch eine halbe Million Mitglieder dazu. Lediglich im Skandaljahr 2014 gab es eine Delle, als Vorwürfe über Korruption, Vetternwirtschaft, Selbstbedienung und Manipulationen bekannt wurden. Anschließend ging der Aufstieg weiter.

Die beiden großen christlichen Kirchen hingegen haben im vergangenen Jahr zusammen fast eine halbe Million Mitglieder verloren. Diese verbinden mit der Zugehörigkeit zur Kirche offensichtlich keine Hoffnung auf irgendetwas. Die vage Aussicht auf einen Platz im Paradies zieht schon lange nicht mehr. Angst vor Hölle und Fegefeuer ist ebenfalls aus der Mode gekommen. Im modernen Marketing-Sprech heißt das, die Kirche hat ihren USP verloren – ihren »Unique Selling Point« , das Alleinstellungsmerkmal auf dem großen Markt der Möglichkeiten.

Was die Kirchen sonst noch zu bieten haben, können andere genauso gut oder sogar besser: Sinn stiften, ein Gemeinschaftsgefühl wecken, schöne Feste feiern, Halt in Krisensituationen geben. Diese Erkenntnis ist nicht neu. Das Führungspersonal der Kirchen, ihre Mitarbeiter und die vielen Ehrenamtlichen unternehmen alles Erdenkliche, um sich dagegenzustemmen.


Ihre Mitgliederkommunikation geht mit der Zeit. Neben den Gemeindebrief, kirchliche Zeitschriften und Rundfunksendungen sind das Internet und soziale Medien wie Twitter, Facebook und Co. getreten; allmählich lösen sie die klassischen Medien ab, drängen sie zumindest in den Hintergrund. Was sich in den meisten Gemeinden alles tut, ist mit Worten kaum zu beschreiben – Gottesdienst, Bibelkreis, Frauenhilfe und Jugendarbeit sind nur noch ein winziger Ausschnitt davon. Ein »Event« jagt das nächste, Jugendkirchen machen Angebote nach der Konfirmandenzeit und, und, und...

Genützt hat es nichts. Die Reaktionen der Kirchenleute auf die neuen Zahlen reichen von tiefer Enttäuschung bis hin zur absoluten Ratlosigkeit. Gegen den demografischen Wandel ist kein Kraut gewachsen. Die Gesellschaft wird älter, mehr Menschen sterben als geboren werden.

An die Stelle einer jahrhundertealten Selbstverständlichkeit, Mitglied der Kirche zu sein, ist eine kühle Kosten-Nutzen-Rechnung getreten. Eine schöne Hochzeit in einem romantischen alten Kirchlein nehmen junge Leute noch gerne mit, aber danach steht den 50, 100 oder noch mehr Euro Abzug auf dem Gehaltszettel kein attraktiver Gegenwert gegenüber. Nicht einmal ein Kindergartenplatz in der kirchlichen Kita ist den Mitgliedern sicher – wozu also drinbleiben? Die Oma kriegen wir auch mit einem freien Trauerredner anständig unter die Erde.


Gute Ratschläge für die Kirchen gab es jetzt genug zu hören. Sie sollten sich auf ihre Kernkompetenz der Seelsorge konzentrieren und authentisch sein statt beliebig. Das ist sicher hilfreich. Von heute auf morgen den Trend umkehren wird es aber sicher nicht.

Bis 2060 werden die beiden großen christlichen Kirchen aller Voraussicht nach die Hälfte ihrer Mitglieder und entsprechend an Finanzkraft verlieren. Dieser bitteren Erkenntnis müssen sie sich stellen. Strukturen straffen, Verwaltungen verschlanken, Gebäude aufgeben – nicht aber ihre Aufgaben in Seelsorge und Verkündigung. Auch wenn die frohe Botschaft nur wenige hören wollen. Stand heute.

Wolfgang Weissgerber

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