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Meinung

Leben oder sterben

In Deutschland scheint die Corona-Krise derzeit noch einigermaßen beherrschbar. Aber wird es auch so bleiben?

eszChefredakteur Wolfgang Weissgerber

Noch ist alles ..., nun ja, nicht gut, aber zumindest scheint die Corona-Krise noch einigermaßen beherrschbar. In Deutschland. Aber wird es auch so bleiben?

Bislang sind hier weniger als 100 000 Menschen nachgewiesen von dem Virus Covid-19 befallen, einige hundert haben nicht überlebt. Die Sterblichkeitsrate liegt damit bei etwa 0,6 Prozent. Ob auch uns Schreckensszenarien drohen wie in Italien und Spanien, wo Tausende Tote zu beklagen sind, ist ungewiss. Doch im Grunde haben die Regierungen von Bund und Ländern, Kommunen, Behörden und Unternehmen früh und umfassend geeignete Maßnahmen ergriffen.

Interessanterweise befürchteten Ende März 51 Prozent der Menschen in Deutschland, sich mit dem Corona-Virus zu infizieren. Auch wenn das elf Prozent mehr waren als noch zur Monatsmitte, muss man sagen: lediglich 51 Prozent. Denn nach der verbreiteten Auffassung von Fachleuten und Behörden steht zu erwarten, dass sich mindestens 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung anstecken werden. Maßnahmen von Homeoffice bis Kontaktsperre sollen Ansteckungen also nicht in erster Linie verhindern, sondern vor allem über einen längeren Zeitraum strecken.

Dann ist gewährleistet, dass die Zahl der Plätze zur Intensivbehandlung ausreicht. Im internationalen Vergleich steht Deutschland mit 34 Intensivbetten pro 100 000 Einwohner zwar besser da als beispielsweise Italien (12,5). Steigen die Infektionszahlen jedoch ungebremst an, ist auch das deutsche Gesundheitssystem überfordert.
Was dann kommt, bedeutet nicht nur den Tod unzähliger Patienten, die unter anderen Umständen womöglich überlebt hätten. Es bedeutet, das Ärztinnen, Ärzte und Pflegepersonal zu Entscheidungen gezwungen werden über Leben und Tod. Ab dem Moment, da die Zahl der behandlungsbedürftig Infizierten, die beatmet werden müssen, die Zahl der Beatmungsgeräte übersteigt, muss das medizinische Personal entscheiden, wer an die lebensrettenden Geräte angeschlossen wird – und wer nicht.

Krankenhäuser und Ärzteverbände haben schon klargemacht, dass diese Entscheidung wohl weniger schematisch ausfallen wird als in Frankreich oder Italien. Dort gilt teilweise allein die Altersgrenze 80 Jahre. In Deutschland sollen auch andere Umstände – beispielsweise Vorerkrankungen und Allgemeinzustand – berücksichtigt werden. Grundsätzlich urteilt die Katastrophenmedizin jedoch schlicht nach anderen Kriterien als die Notfallmedizin. Während Krankenhäuser nach Unfällen oder Bränden die Patienten in der Reihenfolge der Dringlichkeit behandeln, zählt im Fall einer Katastrophe, die in kurzer Zeit zu einer großen Zahl Erkrankter oder – wie im Krieg – Verletzter führt, die Überlebenschance. Wessen Tod ohnehin wahrscheinlich ist, der wird gar nicht oder zuletzt behandelt.
Niemand möchte in der Haut der Ärztin stecken, die dann entscheiden muss: Dieser Patient hat gute Chancen, geheilt zu werden – ihn schließe ich ans Beatmungsgerät an. Jenen aber muss ich ohne Behandlung seinem Schicksal überlassen. Selbst dieser Horror – für die Kliniken ebenso wie für die Patienten – ist noch steigerungsfähig: Dann nämlich, wenn in eine voll belegte Intensivstation weitere Schwerkranke gebracht werden.

In so einem Dilemma gibt es keine guten, keine richtigen Entscheidungen. Lasse ich einen Corona-Kranken trotz guter Chancen sterben, nur weil gerade kein Gerät frei ist? Oder klemme ich den Patienten mit mittelprächtiger Prognose ab, weil mir die Behandlung des Neuankömmlings vielversprechender erscheint? Das eine ist so furchtbar wie das andere.

Noch haben wir in Deutschland gute Chancen, dass es so weit nicht kommt. Deshalb gilt weiterhin nicht nur: Bleiben Sie gesund! Sondern vor allem: Bleiben Sie daheim!
Von Wolfgang Weissgerber

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