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Meinung

Kirche und Politik

Foto: Nicole Kohlhepp

Die evangelische Kirche gilt als links. Jedenfalls bei all jenen, die die SPD (noch immer) für eine linke Partei halten. Doch dem EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm schlägt unverhofft Kritik aus jener Ecke entgegen, in der er sich eigentlich selbst verortet fühlt – von sozialdemokratischen Theologen. Die finden, er mische sich als Kirchenmann allzu sehr in die Politik ein. Gerecht wird solche Kritik, die dem politischen Protestantismus üblicherweise von rechts in die Parade fährt, seinen Äußerungen allerdings nicht.

Bedford-Strohm hat sich zufrieden darüber geäußert, dass Union und SPD sich auf einen Koalitionsvertrag verständigt haben. Diejenigen, die über diesen nun zu befinden haben, forderte er auf, eine verantwortungsvolle Entscheidung zu treffen und Partei-Interessen zurückzustellen. Das war zwar an alle gerichtet, aber besonders gemeint fühlten sich offenbar jene Teile der SPD, die eine erneute Beteiligung an einer Großen Koalition ablehnen, und zwar vollkommen unabhängig vom Inhalt des Koalitionsvertrags. Und sie waren es wohl auch.

Aber was soll Bedford-Strohm denn anderes sagen? Soll er sich aus der Politik heraushalten, obwohl – oder gerade weil – er ein politischer Mensch ist? Ja, er ist SPD-Mitglied, wie vor ihm schon Wolfgang Huber. Wie dieser lässt er als EKD-Ratsvorsitzender seine Parteimitgliedschaft ruhen. Nun erinnert er Politiker und Parteimitglieder daran, dass es um mehr geht als ihre persönlichen Befindlichkeiten. Soll er stattdessen schweigen und im stillen Kämmerlein dafür beten, dass der Herr es richten möge? Diese Form des unpolitischen Christseins wäre das Ende einer lebendigen Kirche, sie bezöge sich dann wirklich nur noch auf sich selbst.

Die SPD ist derzeit tatsächlich drauf und dran, Partei-Interessen über das Gemeinwohl zu stellen. Das hat Bedford-Strohm richtig erkannt. Die Optionen, die die SPD unmittelbar nach der Wahl noch hatte, gibt es nicht mehr. Da hatte sie festgestellt, dass ihr zwei Große Koalitionen, von 2005 bis 2009 und von 2013 bis 2017, jeweils verheerende Wahlniederlagen beschert hatten. Ein viertes Mal (nach 1966 bis 1969) wollte sie das auf Bundesebene daher lieber nicht riskieren.

Doch eine Regierung, zu der sie in Opposition treten könnte, gibt es nicht und wird es nicht geben. Das verdanken Deutschland und die SPD dem blanken Egoismus der FDP und ihres Vorsitzenden, der an einer Jamaika-Koalition mit Union und Grünen wohl nie wirklich interessiert war. Christian Lindner ist noch keine 40 und hat Zeit. Er schaut seelenruhig zu, wie sich andere aufreiben. Wenn die meisten der derzeit Handelnden im Polit-Ruhestand sind, allen voran Angela Merkel, ist er immer noch ein junger Politiker.

Die Option, eine Minderheitsregierung zu tolerieren, gibt es ebenfalls nicht. Sofern die Kanzlerin sich überhaupt darauf eingelassen hätte: Dann hätten die S PD und ihr glückloser Einjahreschef Schulz schon Sondierungsgespräche gar nicht erst aufnehmen dürfen. Nun zu kneifen bedeutete eine Schwächung für ganz Europa, das neben dem dynamischen Franzosen Emmanuel Macron auch ein führungsstarkes Deutschland braucht, um aus seiner Dauerkrise herauszufinden. Es würde zwangsläufig zu Neuwahlen führen.

Die würden nicht nur die politische Agonie verlängern. Sie könnten sogar das Ende der SPD bedeuten, wie wir sie seit 155 Jahren erleben. Das Schicksal der weggefegten französischen Sozialisten sollte Warnung genug sein.

All das hat Bischof Heinrich Bedford-Strohm in einem einzigen Wort zusammengefasst: Verantwortung. Mit der Kritik daran kann er leben. Wirklich bedrückend ist etwas anderes: Der Gegenwind kommt aus allein akademischen Zirkeln in der Kirche. Einer breiten Öffentlichkeit und der veröffentlichten Meinung ist diese Äußerung des obersten Repräsentanten der Evangelischen Kirche in Deutschland schlicht egal.

Wolfgang Weissgerber

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