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Meinung

Mein Gott!

esz/N. KohlheppWolfgang Weissgerber

Das Bild vom fröhlich-freundlichen Papst Franziskus hat Risse bekommen. »Wunden sind neu aufgebrochen«, klagt der katholische Ökumene-Bischof Gerhard Feige. Was ist geschehen? Franziskus hat die katholische Deutsche Bischofskonferenz zurückgepfiffen, die Regeln zur Teilnahme evangelischer Ehepartner von Katholiken am Abendmahl erlassen wollte. Darüber entscheidet nun der Vatikan.

Tja. Gerade in Deutschland war der neue Papst nach der Eiszeit seines erzkonservativen deutschen Vorgängers Benedikt XVI. mit viel Hoffnung bedacht worden. Zeigt nun auch Franziskus dessen reaktionäre Fratze? Die deutschen Bischöfe hatten sich von ihm doch geradezu ermuntert gefühlt, eine Lösung für das Abendmahl konfessionsverschiedener Ehepartner zu finden. Das haben sie im Frühjahr mit großer Mehrheit auch getan. Aber eben nur mit großer Mehrheit, nicht einstimmig.

Die unterlegenen Bischöfe unter Führung des rückwärtsgewandten Kölner Kardinals Rainer Maria Wölki wandten sich darauf an den Papst mit der Bitte, er möge doch der reinen Lehre weiterhin Geltung verschaffen, wonach ein katholisches Abendmahl allein Katholiken vorbehalten ist. Die Uneinigkeit des deutschen Episkopats ist nun der Anlass für den Papst, das Verfahren an sich zu ziehen.

Aber ist das jetzt schlimm? Um kein weiteres Porzellan zu zerschlagen, wiegeln evangelische Kirchenführer erst einmal ab. Der Papst bremse überhaupt nicht, so der pfälzische Kirchenpräsident Christian Schad. Vielmehr habe er die Vatikanbehörden gebeten, auf dem Weg zur Einheit voranzuschreiten.

Auch der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm sieht keinen Rückschlag, sondern wittert sogar die Chance, die Zulassung von Protestanten zum katholischen Abendmahl weltweit zu klären. Das wäre zu schön, um wahr zu sein. Der hessen-nassauische Kirchenpräsident Volker Jung ist zumindest »irritiert«. Nur der frühere EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber spricht Klartext: »eine Illusion weniger«.

Nun kann man natürlich die Hände ringen. Oder als evangelische Kirche stolz darauf verweisen, dass zu ihrem Abendmahl jeder Christ zugelassen ist. Man kann aber auch einfach die Wirklichkeit zur Kenntnis nehmen. Die sieht anders aus, als der Dogmatismus des Vatikan es wahrhaben will. Bei keinem katholischen Abendmahlsgottesdienst muss der Taufschein vorgezeigt werden. Viele Priester laden selbstverständlich die evangelischen Schwiegereltern eines verstorbenen katholischen Gemeindeglieds nach der Beisetzung zur Eucharistiefeier ein.

Mehr noch: Protestantische Vielfalt kehrt in den deutschen Katholizismus ein: Denn dem Vernehmen nach entscheidet vorerst der zuständige Bischof im Einzelfall über die Zulassung zum Abendmahl. Was der gestrenge Wölki verbietet, wird der liberale Kardinal Marx also womöglich zulassen. Halleluja!

Wir glauben an denselben Gott, bringen es aber nicht fertig, uns gemeinsam seines gekreuzigten Sohnes zu erinnern. Genauer: Ein Teil der katholischen Führung verhindert das. Was die nichtkatholischen Kirchen Europas gerade auf ihrer Tagung in Novi Sad veranstaltet haben, ist aber auch nicht viel besser. Sie leben in getrennten Welten. Orthodoxe Serben geißeln die »moralische Dekadenz« des Westens, der seinerseits befremdet auf die verstockten bärtigen Brüder schaut, die mit Homo-Ehe und Frauenordination so rein gar nichts anzufangen wissen.

Eine stetig säkularer werdende Welt erlebt irritiert, wie die – in Europa – schrumpfende Christenheit sich an internem Zwist aufreibt. »Die haben Sorgen«, mag denken, wer mit Kirche nichts am Hut hat. Doch schon sehr bald werden die von Mitgliederschwund und sinkender Finanzkraft gebeutelten Kirchen ganz andere Sorgen haben.

Von Wolfgang Weissgerber

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