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Meinung

Sintflut neben uns

Nils Sandrisser ist Redakteur der Evangelischen Sonntags-Zeitung.

E ine neue Studie des Kriminologen Christian Pfeiffer untersucht den Anstieg der Gewaltkriminalität um zehn Prozent zwischen 2014 und 2016. Weit überwiegend sei dieser Anstieg auf junge Migranten zurückzuführen, sagt Pfeiffer. Natürlich triumphieren jetzt alle, die schon immer gewusst haben wollen, dass man mit all den Flüchtlingen nur Probleme ins Land gelassen habe. Als Fanal gilt der Fall des Afghanen, der im pfälzischen Kandel seine Ex-freundin erstochen hat.

Aber jedem sei empfohlen, die Studie genau zu lesen. Denn Pfeiffer begründet den Anstieg nicht ethnisch, sondern vor allem statistisch und soziologisch. Zunächst einmal werden gewalttätige Migranten doppelt so häufig angezeigt wie Alteingesessene. Außerdem führt der Kriminologe die gewaltfördernden Verhältnisse in den Flüchtlingsunterkünften an – und bemerkt nebenbei, dass der Familiennachzug die Lage entspannen könnte, weil Frauen nun einmal weniger zu Gewalt neigen und auf ihre Männer einwirken. Das ist das Gegenteil dessen, was Politiker von AfD bis CDU fordern. Zudem stellt Pfeiffer fest, dass vor allem Menschen ohne Bleibeperspektive gewalttätig werden, meist Nordafrikaner. Syrer und Afghanen hingegen sind in der Statistik unterdurchschnittlich vertreten.

Der Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz bringt in seinem neuen Buch »Das falsche Selbst« einen weiteren Aspekt ins Spiel: die Erziehung. Viele der Migranten, schreibt er, kämen aus einer -repressiv-patriarchalischen Gesellschaft, in der Kinder ganz selbstverständlich misshandelt werden. Denn das ist das verbindende Element fast aller Gewalttäter: Sie sind selbst Gewaltopfer. Für Soziologen, Psychologen und Kriminologen ist das eine Binse. Zwischen 2007 und 2015 ging die Jugendgewalt um mehr als 50 Prozent zurück, was Experten darauf zurückführen, dass Kinder bei uns nicht mehr geschlagen werden dürfen.

Insofern gilt tatsächlich, dass die Flüchtlinge auch ihre Probleme mit ins Land gebracht haben. Viele können offensichtlich mit Frust und Zurückweisung nicht umgehen – wie jener Afghane aus Kandel. Aber was folgt daraus? Niemanden mehr hereinlassen? Wer inhaltlich der AfD nahesteht, wird hier vermutlich begeistert Ja rufen und darauf bestehen, dass Deutschland für die sozialen Probleme von Entwicklungsländern ja nicht verantwortlich sei.

Genau das stimmt aber nicht. Klar, Gewalt ist inakzeptabel, mag die Kindheit des Täters noch so schwer gewesen sein. Aber an der Entstehung von Gewalt sind wir nicht unbeteiligt: Einmal durch die koloniale Vergangenheit, die rückständige Gesellschaften erst rückständig hat werden lassen. Und durch unsere Lebensweise, die nach billigen Rohstoffen giert. Nur weil wir reich sind, hängen Menschen anderswo in Kreisläufen aus Armut und Gewalt. Irak und Afghanistan fechten nicht ihre Kriege aus, sondern unsere.

Sogar wenn wir es gut meinen, machen wir uns schuldig, wie das Beispiel der Altkleider zeigt, die Wohlmeinende spenden und damit die Textilindustrie in Afrika ruinieren. »Neben uns die Sintflut« lautet der Titel eines Buchs des Soziologen Stephan Lessenich, in dem er diese Zusammenhänge beschreibt. Aber jene, die sich »Migrationskritiker« nennen, ignorieren diese Zusammenhänge oft beharrlich. Diese Ignoranz ist das Resultat des altbekannten psychologischen Mechanismus aus Abspaltung und Projektion. Man nimmt das Böse an sich selbst nicht wahr und identifiziert andere damit, wo es sich leichter bekämpfen lässt.

Wenn man psychologisch reifer sein und seine Verantwortung wahrnehmen will, wird man nicht darum herumkommen, Flüchtlinge weiter aufzunehmen. Es gibt ja auch ein Grundgesetz, das uns dazu verpflichtet. Aber Konsequenzen müssen dennoch sein. Prävention ist der beste Opferschutz. Das heißt: Mehr psychosoziale Betreuung und mehr Familiennachzug, auch wenn das für manchen schwer zu verstehen ist. Das alles ist nicht unbegrenzt leistbar, daher muss man sich genauer aussuchen, wen man ins Land lässt. Ein Einwanderungsgesetz muss also her.

Nils Sandrisser

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