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Süd-Nassau

Klatschmohn und Hakenkreuz

Vortrag zeigt Zusammenhang zwischen Jugendstil und völkischem Denken

Rainer PietschSusanne Claußen beschäftigt sich intensiv mit der teils nationalsozialistischen Vergangenheit einiger Jugendstilkünstler.

WIESBADEN. Einige bekannte Jugendstilkünstler haben eine zweite Karriere unter den Nationalsozialisten erlebt. Einige kamen aus Wiesbaden.

Stadtarchiv WiesbadenChefredakteur des Wiesbadener Tagblatts, Walther Schulte vom Brühl (1858–1921) veröffentlichte antisemitische Romane.

»Klatschmohn und Hakenkreuz« – So lautete der Titel des Vortrages, den Susanne Claußen, Bildungsreferentin des Dekanats Wiesbaden, im Stadtmuseum hielt. Der Vortrag fand in einer Ausstellung im Stadtmuseum mit dem Titel »Stadt-Jugend-Stil« statt. Es geht nicht nur um Kunst, sondern um die Stichworte »Jugendstil und Lebensreform«. Claußen stieß auf überraschende Zusammenhänge, die zeigten, dass es hier nicht immer nur um die Sehnsucht nach mehr Natur und mehr Freude am Körper ging. Wohl schufen Künstler in dieser Zeit ästhetisch ansprechende Gestaltungen prominenter Gebäude wie im Kurhaus oder in der Kaiser-Friedrich-Therme – daher der »Klatschmohn«, denn Blumenmotive finden sich oft.

Völkische Bewegung war auch in Wiesbaden präsent

Aber das Hakenkreuz taucht auch schon auf. »Lebensreformer wie Nationalsozialisten bezogen sich auf eine konstruierte ideale Vergangenheit, in der die Menschen natürlich, edel, rein, unvermischt, gesund lebten. Diese Ideale sind es, die Lebensreformbewegung und völkische Gruppen in Teilen kompatibel machen« sagt Claußen.

Wiesbaden sei zwar kein »hot spot« der Lebensreform oder früher völkischer Bewegungen gewesen. »Aber meine Forschungen zeigen, dass beide Bewegungen auch hier präsent waren. Im allgemein verbreiteten Bild von Wiesbaden gilt die Stadt vor 1914 als die elegante Weltkurstadt, mondän und dem Vergnügen gewidmet. Das war sie auch. Aber ein Teil der Stadt war eben auch damals schon völkisch-nationalistisch-antisemitisch. Der Boden für die nationalsozialistische Ideologie war, wie in Deutschland überall, auf ganz vielfältige Weise bereitet.«

Die Forschung gewinnt langsam an Aufmerksamkeit

In der historischen Forschung werde erst seit kurzer Zeit auf das Thema der Wurzeln völkischen Gedankenguts im alternativkulturellen Milieu der Lebensreform eingegangen, sagte die Bildungsreferentin. Sie bekomme zurzeit Aufwind, »da die neuen Rechtsextremen gerne an Narrative anknüpfen, die auch schon vor den Nazis da waren«. Es gelte, wachsam zu sein und genau zu schauen, was sich möglicherweise dahinter verbirgt – das könne man heute daraus lernen, sagte die Referentin, der es hier darauf ankam, das Thema auf Wiesbaden herunterzubrechen.

Der Maler »Fidus« etwa , bürgerlich Hugo Höppner (1868–1948), dessen Bild »Lichtgebet« in zahlreichen Fassungen sehr bekannt geworden ist. Er malte bevorzugt blonde »Lichtgestalten«, und stand mit vielen Menschen in Wiesbaden in Kontakt »Das, was Fidus betrieb, hatte nichts speziell mit Wiesbaden zu tun, aber es passierte auch nicht in einem anderen Universum. Völkisches Gedanken gut war für viele Menschen präsent.« Noch 1947 rechtfertigte Fidus seine Faszination für Hitler als »Lebensreformer«.

Von Anja Baumgart-Pietsch

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