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Frage nach Ursache für Judenhass bleibt

Zu: »Nicht vergangen«; Evangelische Sonntags-Zeitung Nr. 18 vom 3. Mai 2020.

In seinem Kommentar zur Erinnerung an das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren geht Nils Sandrisser auf den grassierenden Antisemitismus in unserer Zeit ein. Dabei beschreibt er den Antisemitismus als eine Spielart des Hasses auf Minderheiten. Mit Berufung auf den Historiker Wolfgang Benz schreibt er: »Für den Hass auf Minderheiten ist es unerheblich, um welche Minderheit es geht.« Hierin liegt für mein Empfinden ein Zirkelschluss nach dem Muster: Minderheiten werden gehasst, Juden sind eine Minderheit, also werden Juden gehasst, weil sie eine Minderheit sind. Überspitzt könnte man sagen: Briefmarkensammler sind auch eine Minderheit, werden aber – gottlob – nicht gehasst. Das Merkmal, einer Minderheit anzugehören, erklärt noch keinen Hass. Die Frage nach der Ursache des Antisemitismus bleibt damit bestehen.
Für die betroffene Minderheit ist es auch keinesfalls »unerheblich, um welche Minderheit es geht«. Judenhasser hassen Juden und keine Briefmarkensammler. Judenhasser hassen auch nicht zwangsläufig Muslime, wie es der Kommentar glauben machen könnte.
Wir sind es den Opfern des Antisemitismus und auch unserer eigenen Redlichkeit schuldig, das Problem des Antisemitismus klar zu benennen anstatt es zu verallgemeinern. Im Antisemitismus äußerst sich nicht ein allgemeiner Hass auf Minderheiten, sondern eine gezielte Judenfeindschaft, die Ablehnung jüdischer Menschen unabhängig von dem, was sie tun oder nicht tun. Diese Ablehnung, die beileibe nicht nur auf Seiten der politischen »Rechten« zu finden ist, speist sich nicht zuletzt aus der jahrhundertealten Geschichte der christlichen Judenfeindschaft.
Es ist wahr: »Das Vergangene ist nicht tot. Es ist nicht einmal vergangen.« Das Zitat, das der Kommentator Christa Wolf zuschreibt, stammt übrigens von dem amerikanischen Schriftsteller William Faulkner.
Pfarrer Peter Remy; Alsfeld

Herr Remy hat recht, das Zitat »Das Vergangene ist nicht tot. Es ist nicht einmal vergangen« stammt aus William Faulkners »Requiem für eine Nonne« (1951). Christa Wolf hatte es übernommen.esz

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