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Corona und Geld

Ärmere Familien und ihr Alltag während Corona

gettyimages/sanya_smFamilien mit wenig Geld trifft Corona schwer.

WIESBADEN. Die Corona-Pandemie geht an keiner Familie spurlos vorbei. Besonders Familien mit wenig Geld fragen sich: Wie geht es weiter – auch nach der Krise?

Noch fünf Minuten, dann meldet sich Farina K. (Name geändert) wieder, ruft die dreifache Mutter in den Telefonhörer. Im Hintergrund weint eines der Kinder. Es gibt gleich Essen. Später entschuldigt sich die Wiesbadenerin vielfach für die Verspätung. Aber es sei anstrengend mit drei kleinen Kindern allein zu Hause, sagt sie. 

Wegen Corona sind die Kitas größtenteils noch geschlossen, auch der Schulunterricht nimmt nur langsam wieder Fahrt auf. Bei Farina K. kommt noch eine weitere Sorge hinzu: Die Sache mit dem Geld. »Die Angst war immer da«, erzählt die junge Mutter.

Mann darf weiterarbeiten, Geld reicht trotzdem nicht

Schon seit Jahren müssen ihr Partner und sie sparsam leben, auf vieles verzichten. Ihr marrokanischer Mann arbeitet bei der Müllabfuhr. »Gott sei Dank¬, sagt Farina K., denn er habe einen festen Vertrag, darf trotz Corona weiterarbeiten. »Ansonsten wüsste ich überhaupt nicht, was ich machen soll«, erzählt die 31-Jährige. Trotzdem: Viel verdiene ihr Mann nicht. Zumindest nicht, um eine Familie mit drei Kindern üppig zu versorgen. Fast jedes Wochenende und an den Feiertagen sei er unterwegs, um noch ein bisschen Geld zusätzlich in die Familienkasse zu bringen, erzählt Farina K. Und mit der Freude darüber, dass er weiterhin arbeiten kann, wächst auch die Sorge, dass er sich anstecken könnte. Dann würde zumindest der Zusatzbetrag von den Schichten an den Wochenenden wegfallen. Ein Ausfall, der die junge Familie in Bedrängnis bringen würde. 

Armut in Deutschland nimmt zu

Fast zwei Millionen Kinder leben in Familien, die Grundsicherung erhalten, so die aktuellste Statistik der Bundesagentur für Arbeit vom Juni 2019. Laut Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung ist zudem klar: Die Armut in Deutschland wächst. Betroffen sind vor allem kranke und alte Menschen, Niedriglohn-Empfänger und Arbeitslose, kinderreiche Familien und Alleinerziehende. Hierzulande ist von »relativer Armut« die Rede: Wer deutlich weniger besitzt als der Durchschnitt, gilt als arm. Experten befürchten, dass die Corona-Krise Armut und bestehende Ungerechtigkeiten weiter verschärfen könnte. 

Besonders in Ballungs-Gebieten wie dem Rhein-Main-Gebiet ist die Lage umso schwieriger. Die Wohnungen und der Lebensunterhalt sind teuer. Auch in Wiesbaden, beklagt Farina K., die mit ihrer Familie auf etwa 70 Quadratmetern in der Siedlung Gräselberg in Biebrich lebt. Der Stadtteil gilt als sozialer Brennpunkt.

Kleine Wohnungen sorgen für Konflikte

Doch auch außerhalb der Wiesbadener City ist Wohnraum knapp, die Mieten hoch. Das ist nach Einschätzung von Hella Wagner derzeit das größte Problem sozial benachteiligter Familien. Die Wohnungen seien oftmals sehr klein, da sie sonst unbezahlbar wären, berichtet die Sozialarbeiterin der Evangelischen Familienbildung im Dekanat Wiesbaden. Oftmals betreffe das Familien mit Migrationshintergrund, berichtet die 57-Jährige. Viele lebten von Hartz IV. 

Zumindest dieses Geld fließe trotz Corona weiter, erklärt Wagner. Daher rücke die finanzielle Sorge bei einigen erst einmal in den Hintergrund. Schlimmer sei vor allem für die meisten Mütter derzeit die beengte Wohnsituation. Ausländische Familien hätten nicht selten fünf bis sechs Kinder. Die alle auf engstem Raum – da sei Streit vorprogrammiert, weiß die Familienexpertin. Wagner befürchtet, dass die häusliche Gewalt in den kommenden Wochen zunehmen könnte. Davon sind auch entsprechende Initiativen überzeugt. 

Die ersten Wochen waren die Schlimmsten

Für Farina K. waren die ersten Woche der Krise die Schlimmsten, wie sie erzählt. Vor allem die Bilder und Berichte von Hamstereinkäufen: »Ich hatte echt Panik!« Gerne hätten ihr Mann und sie auch einiges auf Vorrat besorgt – zumindest etwas Mehl und Öl, wie sie erzählt. »Aber das konnten wir uns nicht leisten, so viel auf einmal zu kaufen.« In der Woche stehen der Familie ungefähr 30 Euro für den Einkauf zur Verfügung, wie die junge Frau erzählt. 

Immerhin, so betont Farina K., wüssten ihr Mann und sie inzwischen gut, wie sich sparen lässt. Insofern fühlen sie sich auf Corona und die Zeit nach der Pandemie vorbereitet. Von der Regierung allerdings ist die Mutter eher enttäuscht. »Die können mich auch nicht beruhigen«, erzählt sie. »Wir haben Angst, was auf uns zukommt.« Eigentlich soll ihr ältester Sohn dieses Jahr eingeschult werden, aber auch das sei zurzeit nicht mehr sicher, wie Farina K. niedergeschlagen erzählt. Dabei spare das Ehepaar schon seit Monaten auf einen Schulranzen.

Unterricht von zu Hause wird zur Herausforderung

Für herkunftsbenachteiligte Familien mit schulpflichtigen Kindern komme noch eine weitere Belastung hinzu, berichtet Shala Nasrian. Die Kinderbetreuerin, die ebenfalls für die Wiesbadener Familienbildung arbeitet, kümmert sich um den Nachwuchs von Flüchtlingsfamilien. Die Eltern könnten oft selbst kaum Deutsch. Da die meisten Vor-Ort-Sprachkurse derzeit ebenfalls auf Eis liegen, erschwere das die Lage, wie Nasrian sagt. Die Hausaufgaben für die Schüler schickte die Mehrzahl der Lehrer per WhatsApp oder E-Mail. Viele Kinder der betroffenen Familien hätten jedoch keinen Computer oder Laptop, oftmals gebe es auch kein W-LAN im Haushalt. Für diese Fälle gebe es die Möglichkeit, sich die Aufgaben in der Schule abzuholen – machbar und doch eine etwas mühsamere Alternative. 

Inzwischen dürfen Kinder wieder auf Spielplätze. Auch Kitas und Schulen öffnen bis zum Sommer schrittweise. Das dürfte auch Farina K. freuen. Ihr Ältester frage immer wieder nach seinen Freunden und wann er sie endlich wieder sehen könnte. Darauf kann sie ihm dann endlich eine zufriedenstellende Antwort geben. »Das ist die Hauptsache, dass meine Kinder glücklich sind«, sagt die Mutter entschlossen.

Von Carina Dobra

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