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Wirken der Stille

Annenchor in der Büdinger Marienkirche ist ein Ort karger Schönheit

Corinna WillführDas Kreuz im Annenchor ist aus Stahl gefertigt. Basis für die golden leuchtende Scheibe ist Büdinger Lehm.

BÜDINGEN. Werden und vergehen sind die Themen, mit denen sich die Bildhauerin Madeleine Dietz beschäftigt. Dieser produktive Kontrast ist im Annenchor der Büdinger Marienkirche zu sehen.

Zwei Stufen nur sind es, über die Besucherinnen und Besucher unter einem ehemaligen Triumphbogen aus Sandstein gehen müssen, um den Annenchor in den Büdinger Marienkirche zu betreten. Haben sie zur Rechten des Eingangs das Schild »Annenchor 1377« wahrgenommen, fallen ihnen sofort in der kleinen Seitenkapelle ein weiteres auf. »Stille« ist auf diesem zu lesen. Kein »Bitte Ruhe« oder gar »Reden verboten« – einfach nur: »Stille«.

Raum lässt mit karger Schönheit innehalten

Es ist nicht allein der kaum 20 Quadratmeter große, helle Raum mit seinem Netzgewölbe, der in seiner kargen Schönheit erst einmal innehalten lässt. Es ist vor allem das schwarz schimmernde, mannshohe Kreuz, das einen glänzenden Kreis erstrahlen lässt. Das Material des Kreuzes ist schnell als Stahl zu identifizieren. Doch Basis für die im Licht golden leuchtende Scheibe ist Lehm, dessen Struktur die des Bodens nach langer Trockenheit angenommen hat. Die Arbeit stammt von Madeleine Dietz.

Künstlerin beschäftigt sich mit Werden und Vergehen

Die 1953 in Mannheim geborene Bildhauerin lebt und arbeitet in Landau in der Pfalz. Sie ist unter anderem Trägerin des Ernst-Barlach-Preises der Stadt Hamburg und des Kulturpreises Kunst und Ethos. Zurzeit sind ausgewählte Exponate von ihr in Gemeinschaftsausstellungen in Galerien in Baltimore und in Houston in den USA zu sehen. Seit einer Afrika-Reise bewegt die Künstlerin die Auseinandersetzung mit dem »Werden und Vergehen«. Die Erfahrung, dass aus langer durch Dürre ausgetrockneten Böden wieder etwas wachsen kann, habe sie so beeindruckt, dass sie Lehm mit Stahl in einen »produktiven Kontrast« setzt.

Lang und durchaus wechselvoll ist die Geschichte der Bü dinger Seitenkapelle. Das Schild am Eingang mit der Zahl 1377 weist auf den ältesten Schlussstein in der Marienkirche hin. Er zeigt über der Inschrift eine segnende Hand. Seit 1817 dient die spätgotische Hallenkirche den beiden unierten Konfessionen als Gotteshaus.

Wenig ehrenvolle Geschichte im 20. Jahrhundert

Wenig ehrenvoll ist die Geschichte des heutigen Annenchors im 20. Jahrhundert. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er privat als Kohlenkeller genutzt. Jahre sollte es dauern, bis ein Beschluss gefasst wurde, nach der erforderlichen Sanierung der kleinen Kapelle um die Jahrtausendwende diese für ihre zukünftige Nutzung umzugestalten.

Spenden ermöglichten nun eine erneute Renovierung des Raums. Dem Andachtsbuch ist zu entnehmen, dass dieser gern zur inneren Einkehr angenommen wird. Neben vielen Danksagungen und vom Glauben an Gott getragenen Wünschen auf Gesundheit und Beistand ist dort etwa zu lesen: »Was für ein wunderschöner Ort der Stille.«

Zahl der Teelichter nimmt im Laufe des Tages zu

Im Laufe eines Tages nimmt die Zahl der Teelichter zu, die auf einem ebenfalls von Madeleine Dietz gestalteten halbkreisförmigen Tisch entzündet werden können. In ihm nimmt die Bildhauerin Stahl und Lehm als Arbeitsmaterialien wieder auf. Mit jeder neuen kleinen Kerze verändert sich die Wahrnehmung auf das industrielle Produkt Stahl und den natürlich getrockneten Stoff Lehm. Aber vielleicht ist es auch die Stille, die aufmerksamer und achtsamer macht.

Von Corinna Willführ

www.buedingen-evangelisch.de

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