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Urlaub in der Heimat

Regionalpark-Radroute bietet Weinberge, Kloster und Kirchen

Matthias PierenGemeinsam unterwegs auf der Regionalparkroute, wie hier auf historischem Kopfsteinpflaster der Linden-Allee bei Hattersheim

Während Corona haben viele Menschen das Fahrrad für sich entdeckt. Auch jetzt in den Sommerferien, da viele den Urlaub zu Hause verbringen, lässt sich die Vielfalt der Rhein-Main-Region auf dem Sattel erkunden – zum Beispiel auf den Regionalpark-Radwegen. Matthias Pieren hat es ausprobiert.

Stadt HochheimOberhalb der Weinberge liegt mit der katholischen Pfarrkirche St. Peter und Paul das Wahrzeichen der Stadt Hochheim.

Irgendwo im Nirgendwo legen wir auf unserer Fahrradtour auf einer Brücke zwischen Weilbach und Wicker  einen Halt ein: unter uns donnern Lastwagen auf der A3, ICE rauschen vorbei. Unentwegt ziehen Jets vom nahen Flughafen über unsere Köpfe hinweg. 

Schwenkt man aber den Blick um 180-Grad gen Norden, so wandern die Augen über weite Felder, Wiesen und den Turm der 1875 eingeweihten katholischen Pfarrkirche Maria Himmelfahrt von Weilbach hinweg zur Hügelkette des Naturpark Taunus – mit dem Großen Feldberg.

Von allem etwas dabei: Industrie und Natur

»Auch hier zeigt sich unsere Region mit all ihren Gegensätzen, den charmanten und den kantigen Aspekten«, sagt Kjell Schmidt. Der 40-Jährige ist als Geschäftsführer der Regionalpark Ballungsraum Rhein-Main GmbH. 

Seit 2011 ist im Rhein-Main-Gebiet ein Netz aus Radwegen entstanden, welches altbekannte, verborgene oder neu inszenierte Sehenswürdigkeiten miteinander verbindet. Das rote Dreieck als Regionalpark-Logo leitet Radfahrer. Heute werden wir einen Teil dieses Radwege-Netzes mit Kjell Schmidt und Radtouren-Guide Michael Lederer entdecken, die uns am S-Bahnhof in Hattersheim empfangen. 

Was vor dem Neubau war

Vom Bahnhofsvorplatz aus werden sie uns bis Hochheim auf einer 20 km langen Fahrradtour begleiten und über Land und Leute erzählen. In Sichtweite des Bahnhofs führt die L3011 nur zweihundert Meter entfernt über die Bahngleise. Noch ein letzter Blick zurück auf die Kleinstadt und die den Ort dominierende katholische Pfarrkirche St. Martinus. 

Gleich hinter der Brücke sehen wir rechterhand eines der vielen Neubaugebiete, die in Hattersheim in den vergangenen Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen sind. Schmucke Reihenhäuschen gruppieren sich dort um einen mächtigen Schornstein aus Klinkerstein. »Auf diesem Areal stand einst die Sarotti-Schokoladenfabrik, von der neben dem 1884 errichteten Schornstein nur noch zwei weitere unter Denkmalschutz stehende ehemalige Werksgebäude übriggeblieben sind«, sagt Schmidt. Dort, wo das Neubaugebiet endet, weist ein Schild den Weg zum Rosarium.

Kopfsteinpflaster-Weg mit Blumenpracht

Wir erreichen das blühende Kleinod auf einem Kopfsteinpflaster-Radweg zwischen Linden, der Wasserwerk-Allee. 6500 Rosen von 100 verschiedenen Rosenarten erinnern an die Zeit, als in Hattersheim Schnittblumen angebaut wurden, die über den Frankfurter Großmarkt in die ganze Welt exportiert wurden.
Zurück auf der Linden-Allee fahren wir weitere 700 Meter, bis wir auf einer alten Brücke erneut die Bahnlinie überqueren. Hier am Waldrand zweigt die Route bald nach rechts zum Naturschutzhaus Weilbacher Kiesgruben ab. 

Tour führt durch ehemalige Kiesgruben

Wir fahren durch die unwirkliche Landschaft der ehemaligen Kiesgruben, die einer Kraterlandschaft ähnelt. In tiefen Gruben dröhnen vereinzelt noch die Motoren von Muldenkippern und schweren Baggern. Der abgetragene Kies wird von monoton ratternden Förderbändern abtransportiert. 

»Für den Bau der Limesstadt in Schwalbach wurden hier zwischen 1962 und 1973 die Baumaterialen gewonnen«, sagt Tourenführer Lederer. »Später wurden die Kiesgruben wieder mit dem Aushub vom Frankfurter U-Bahnbau verfüllt. Über mehrere Jahrzehnte hinweg wurden sie wieder renaturiert und sind heute unter Naturschutz gestellt.« 

Wir fahren weiter auf der Strecke nach Weilbach und zu der eingangs beschriebenen Radwegbrücke, auf der wir die Autobahn und die ICE-Linie queren.

Mitten in der Weinanbauregion Rheingau

Dahinter liegt Bad Weilbach, das mit einer Parklandschaft, dem klassizistischem Kurhaus, alten Badeanlagen und Schwefelbrunnen-Pavillon von der kurzzeitigen Blüte des Kurbetriebs Ende des 19. Jahrhunderts erzählt. 

Entlang einer Skulpturen-Allee rollen wir nach Wicker. Hinter dem Ort öffnet sich der Blick über die Weinreben der hier beginnenden Weinanbauregion Rheingau. Von der direkt am Radweg gelegenen Flörsheimer Warte genießen wir den Ausblick über die Weinberge hinunter zur Mainebene. Ab der Rekonstruktion des einstigen Wehrturms aus dem 15. Jahrhundert folgen wir der Ausschilderung in Richtung St.Anna-Kapelle und Eisenbaum. 

Am Wegekreuz vor der 1715 erbauten St. Anna-Kapelle gabeln sich die Radwege. Hier brechen wir zum ausgeschilderten Mainufer-Radweg auf. Nach Unterquerung der L 3028 radeln wir weiter geradeaus in Richtung Main-Radweg, auf den wir an der Bahnlinie stoßen. Während aus Flörsheim die Spitze der Pfarrkirche St. Gallus grüßt, fahren wir auf dem R3 in die andere Richtung. Flussabwärts rollen die Räder am Fuß der Hochheimer Weinberge parallel zur Bahn in Richtung Hochheim. 

Der Wein schmeckte auch der britischen Königin 

Seit über 1200 Jahren wird hier Wein angebaut. Wir passieren das mitten in den Weinbergen gelegene Königin Victoria –Denkmal. »Auf ihrer Rheinreise besuchte die britische Königin Victoria im Jahr 1845 auch die Wein- und Sektstadt Hochheim. Seit dieser Zeit wird der Hochheimer Wein bis heute in regelmäßigen Abständen an das englische Königshaus geliefert«, weiß Schmidt zu berichten. 

Bald schon sind der Hochheimer Bahnhof, wie auch die Stadt selber ausgeschildert. Nun steht man vor der Qual der Wahl, ob man hier die Tour beendet und mit der S-Bahn zurück nach Hattersheim fährt, oder den Radausflug im Weinstädtchen ausklingen lässt. 

Matthias Pieren

Matthias Pieren: Radeln in Rhein-Main Per Pedale die Region entdecken; Societäts-Verlag 2019; 340 Seiten; 18 Euro. 

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