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Euthanasie

Das Schuldgefühl bleibt

Dieter FluckDie Initiatoren der Hadamarer Gespräche: Jan Erik Schulte (links), Leiter der Gedenkstätte Hadamar, und Christoph Waldecker (rechts), Leiter des Limburger Stadtarchivs, begrüßen den Historiker Uwe Kaminsky von der Ruhr-Universität Bochum.

Hadamar . Laut protestiert haben Vertreter der Kirchen gegen die systematische Ermordung von Menschen mit Behinderung in der NS-Zeit nicht. Sie sahen sich eher als Teil denn als Gegner des Staates.

Informationen zum neuesten Stand der Forschung über die Gräueltaten in der Zeit der Nazi-Herrschaft sind Gegenstand der »Hadamarer Gespräche«. Zu ihnen lädt die Gedenkstätte Hadamar in Zusammenarbeit mit dem Limburger Stadtarchiv ein. Namhafte Historiker aus dem Bundesgebiet beleuchten seit 2014 im Sitzungssaal des Limburger Rathauses die näheren Umstände. Wie konnte es dazu kommen? Wer waren die Menschen, die das NS-Regime stützten und den unsäglichen Massenmord ermöglichten?

Eine »deutsche Katastrophe«

Was haben die beiden großen Kirchen gegen die NS-Euthanasie getan – oder sind sie gar mitschuldig? Eine Frage, mit der sich schon früh kirchliche Repräsentanten beschäftigt haben. Beide Kirchen sahen darin nach der »deutschen Katastrophe« einen wichtigen Schlüssel zur Bekräftigung ihres moralischen Führungsanspruchs.

Einrichtungen wollen nicht mit der Sprache heraus

Mit der Aufarbeitung der NS-Medizinverbrechen hat sich im voll besetzten Rathaussaal Uwe Kaminsky von der Ruhr-Universität Bochum befasst. »Aus katholischen Einrichtungen wissen wir noch verhältnismäßig wenig«, verriet er. Ausgehend vom Limburger Euthanasie-Prozess habe die evangelische Kirche bereits 1964 »Dokumente zur Ermordung der ›unheilbar Kranken‹ unter der nationalsozialistischen Herrschaft in den Jahren 1939 bis 1945« vorgelegt. Doch was die Forscher dort an Quellen zusammengetragen hatten, sei sehr dünn gewesen. »

»Eine sittliche Pflicht«

Kaminsky zeichnete ein differenziertes Bild. Die Innere Mission als Vorläuferin des Diakonischen Werks habe das im Juni 1933 verabschiedete »Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses« begrüßt. »Die Innere Mission glaubte, dass sie nicht nur das Recht hatte, sondern die sittliche Pflicht zur Sterilisation – aus Nächstenliebe mit dem Erbkranken und aus Verantwortung für künftige Generationen.« Die Unfruchtbarmachung Betroffener sei als Fürsorge verstanden worden, die die biologische Auslese der Menschen auch sozial und moralisch verbessern könne.

Eine öffentliche Stellungnahme bleibt aus

Spätere Krankenmorde beziehungsweise eine Beteiligung im Rahmen der so genannten T4-Aktion, also die systematische Ermordung von Menschen mit geistigen oder körperlichen Behinderungen, habe die evangelische Kirche intern entschieden abgelehnt.Das protestantische Grundmuster sei nicht der öffentliche Protest und die Kirche zu unentschlossen gewesen, sich mit einer Stimme öffentlich zu äußern. »Man sah Verfehlungen Einzelner, aber nicht des Staates, setzte auf förmliche Eingaben an Ministerien und vertrauliche Gespräche mit Regierungsbeamten.«

Die Glaubwürdigkeit der Kirche retten

Der evangelische Pastor Friedrich von Bodelschwingh der Ältere habe sich intern gegen die Krankenmorde ausgesprochen, aber eine öffentliche Stellungnahme abgelehnt. Er sei der Meinung gewesen, ein öffentliches Wort der Kirche könne nur stören. »Um die Glaubwürdigkeit der Kirche und Inneren Mission zu retten«, sei Pastor Paul Gerhardt Braune in die Offensive gegangen. Als Leiter der Anstalt Lobetal und als Vizepräsident des Zentralausschusses der Inneren Mission, habe er in jeder Hinsicht das Recht des Staates auf die Sterilisation behinderter Menschen verneint. Braune habe am 9. Juli 1940 eine Denkschrift gegen die Tötung von Kranken verfasst, die Hitler vorgelegt werden sollte. Bezeichnend sei gewesen, dass Braune diese Denkschrift alleine unterschrieben habe, obwohl andere kirchliche Behördenvertreter daran mitarbeiteten.Dieter Fluck

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