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Mit jüdischer Kopfbedeckung in Frankfurt

Der Kippa-Versuch

Gabriela Reff-KösterEin Mann steckt einem anderen eine Kippa am Kopf fest.Jens Bayer-Gimm (links) und Martin Vorländer beim Befestigen der Kippa.

Ein junger Mann beschimpft und schlägt in Berlin auf der Straße zwei andere, die Kippa tragen. Diese und weitere antisemitische Attacken haben viele schockiert. Der Frankfurter Bürgermeister Uwe Becker hat dazu aufgerufen, dass am 14. Mai Frauen und Männer in der Mainmetropole Kippa tragen. Das soll ein Zeichen gegen Antisemitismus setzen. Mit Kippa an einem normalen Tag in Frankfurt unterwegs – wie fühlt sich das an? Jens Bayer-Gimm und Martin Vorländer haben es ausprobiert.

Gabriela Reff-KösterZwei Männer mit Kippa laufen durch die Stadt.Jens Bayer-Gimm (links) und Martin Vorländer auf dem Weg in die Frankfurter Innenstadt.

Um das Ende vorweg zu nehmen: Wir sind nicht beschimpft worden. Wir sind in keine brenzlige Situation geraten. Darauf haben wir es auch nicht angelegt. Es ging nicht darum zu provozieren. Wir wollten am eigenen Kopf erfahren: Wie ist es, mit einer Kippa in Frankfurt unterwegs zu sein? Unsere Eindrücke sagen nichts darüber aus, ob man mit Kippa im Bahnhofsviertel oder auf der Zeil gefährlich lebt oder nicht. Wir tragen sie nicht jeden Tag, sondern nur für einen Nachmittag.

»Der Tag hat eher einen symbolischen Charakter«

Darf man das? Sich das Glaubenszeichen anderer überstülpen nur zum Ausprobieren? »Natürlich!«, sagt Jalda Rebling, jüdische Kantorin in Berlin. »Wer sollte es Ihnen verbieten, als Nicht-Jude Kippa zu tragen oder am Freitagabend die Schabbat-Kerzen anzuzünden, wenn Sie jüdisches Lebens kennenlernen wollen.« Leo Latasch, Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, sagt im Blick auf die Kippa-Aktion am 14. Mai: »Wir sind uns aber im Klaren, dass der Tag einen eher symbolischen Charakter hat.« Als Bekenntnis der Solidarität gebe es jedoch keine Einwände – auch nicht dagegen, dass Frauen am 14. Mai die Kippa tragen.

Wo bekommen wir eine Kippa her?

»Haste mal ’ne Kippa?«, titelte Ende April die »taz«, als in Berlin eine ähnliche Aktion stattfand. Das war auch unsere erste Frage. Bürgermeister Uwe Becker hat angekündigt, man könne eine Kippa über sein Büro bekommen. Wir fragen nach. Die Sammelbestellung ist zwar aufgegeben, aber noch nicht im Römer eingetroffen. Nächste Möglichkeit: Das Museum Judengasse liegt gleich um die Ecke. Der Mann an der Kasse bedauert: »Wir verkaufen leider keine Kippa. Aber schauen Sie doch im Internet!« Noch einfacher geht es über die Jüdische Gemeinde Frankfurt: »Klar haben wir eine Kippa für Sie – kommen Sie vorbei!«, sagt die Frau vom Gemeindebüro am Telefon. Ein evangelischer Kollege steuert noch seine blaue, silbern bestickte Kippa bei, die er aus Israel mitgebracht hat. Wir sind ausgerüstet.

Wir kleben die Kopfbedeckung fest

Nächste Frage: Wie hält eine Kippa am Kopf? Der Kollege Jens Bayer-Gimm hat es gut. Er hat einen Haarkranz, und seine Frau hat ihm Haarklammern mitgegeben. Die Kippa ist schnell befestigt. Aber wie geht das auf einer Glatze? Beidseitig klebendes Leukoplast ist die Lösung.

Ungewohnt, ein Hingucker zu sein

»Ich komme mir schon ein bisschen verkleidet vor«, sagt mein Kippa-Kompagnon auf der Straße. Wir fühlen uns fremd in unserem Aufzug und bewegen uns entsprechend ungelenk. Wenn man normalerweise nichts Besonderes an sich hat, fallen einem die Blicke auf, die man erntet. Immer wieder bleiben Augenpaare der Passanten an unserer Kopfbedeckung hängen und mustern im Vorbeigehen den dazu gehörigen Menschen. Das löst ein Gefühl von Verunsicherung aus. Aber die Leute schauen neugierig, nicht unangenehm. Wir sind nicht die einzigen Hingucker auf der Straße. Auf der Zeil geht eine junge Frau vor uns in einem Frühlingsmantel, der wie ein Schleppe bis zum Boden reicht. Ihr schauen alle hinterher, Frauen wie Männer.

Schlange stehen für die Rindswurst

Auf der Konstablerwache ist Markt. Hier kommen mittags alle zusammen, waschechte Frankfurter und echte Frankfurter mit türkischer, arabischer oder anderer Familiengeschichte, Touristen, Shopper, Büromenschen und wir beide mit Kippa. Wir stehen Schlange am Stand für Rindswurst aus der Rhön. Ein älterer Mann an Krücken geht vorbei, als wir unsere Wurst essen, und starrt uns an.

Ein Zeichen des Glaubens oder der Solidarität?

Wir tauchen ein in die Menge im Zwischengeschoss an der Frankfurter Hauptwache und nehmen die S-Bahn zum Hauptbahnhof. Kein Aufschauen, alles selbstverständlich an den Gleisen und im Zeitungsladen. Wir gehen in die Kaiserstraße im Bahnhofsviertel. Davor hatten wir ein mulmiges Gefühl. Es gilt als ein Brennpunkt. Wir sind positiv überrascht. Auch hier ist heute Markt. Der Verkäufer am Kaffeestand grinst uns an: »Ist das ‘ne Demo?« »Ja«, antworten wir. »Ich muss meine Frage genauer stellen«, sagt er. »Bekennt ihr euch damit zu eurem Glauben oder ist das ein Zeichen für Solidarität?« Letzteres, sagen wir. Ob er von der Aktion am 14. Mai gehört habe? »Das Datum in Frankfurt kannte ich nicht, aber klar, von Berlin habe ich gehört. Kriegt man als politisch interessierter Mensch doch mit.« Wir bekommen Espresso freddo und ein Lächeln von ihm, als wir weiterziehen.

Eine Farbnote unter vielen anderen

Wir bleiben im Bahnhofsviertel und wechseln in die Münchner Straße. Hier gibt es ein türkisches Geschäft neben arabischem Friseur nach dem anderen. Es sind so viele verschiedene Leute auf der Straße, dass wir uns wie eine weitere Farbnote fühlen. An einer Ecke verkauft eine Bäckerei arabisches Fladenbrot, türkisches Baklava und afghanisches Anis-Gebäck. Nach Rindswurst und Espresso passt Süßes. Der Laden ist gut besucht. Als wir bezahlen, sprechen uns zwei Frauen an. »Die sieht gut aus«, sagen sie über die blau gestickte Kippa meines Kollegen. »Wie hält das auf der Glatze?«, fragen sie mich und lachen.

Mit der Zeit gerät die Kippa in Vergessenheit

Wir gehen zurück, mittlerweile leichtfüßig, vorbei an Goethehaus und Paulskirche durch die Touristen und frisch Getrauten auf dem Römerberg. »Mit der Zeit denke ich gar nicht mehr über die Kippa nach«, sagt mein Kollege. Für mich war die Erfahrung nicht sehr viel anders, als wenn ich als schwuler Mann mit meinem Partner Hand in Hand auf der Zeil gehe. Man gewöhnt sich und gewöhnt sich doch nicht daran, dass Leute schauen.

Jüdische Gemeinde rät nicht zum Verzicht

Leo Latasch von der Jüdischen Gemeinde sagt, die Situation in Frankfurt sei nicht mit der in Berlin zu vergleichen. Die Jüdische Gemeinde am Main habe keine Empfehlung ausgesprochen, auf die Kippa im öffentlichen Raum zu verzichten. Religiöse Mitglieder trügen sie auch auf der Straße. Hier sehe er keine Gefahr. Dennoch sei die Stimmung in der Jüdischen Gemeinde »gespannt und ängstlich«. »Wir lesen tagtäglich über Vorfälle in Deutschland«, sagt Latasch. »Wir haben die Sorge, dass sie dem friedlichen Frankfurt näherrücken.« Die Kippa-Solidaritäts-Aktion am 14. Mai könne ein Erfolg werden, wenn viele Leute mitmachen. Und, so Latasch, »wenn Menschen des öffentlichen Lebens, auch die Vertreter demokratischer Parteien, für ein oder wenige Stunden daran teilnehmen.«
Von Martin Vorländer

»Zeig Gesicht und Kippa«, Montag, 14. Mai, 18 bis 19 Uhr auf dem Römerberg in Frankfurt. Der 14. Mai ist der 70. Gründungstag des Staates Israel. Eine Kippa bekommt man bei der Stadtkämmerei ab 7. Mai, 12 Uhr, Paulsplatz 9, direkt neben der Paulskirche. Die Pforte ist von 8 bis 20 Uhr besetzt, außer am Feiertag und am Wochenende.

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