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Theologisches Seminar

Eine Schmiede fürs »Pfarrhandwerk«

epd/Rolf K. WegstAufnahme eines alten Schlosses.Das Herborner Schloss ist der Sitz des Theologischen Seminars. Anfang des 19. Jahrhunderts verfiel es und sollte sogar verkauft und abgerissen werden. Dies verhinderten jedoch die Herborner Bürger.

Herborn. Wenn heute Vikare und Vikarinnen im Herborner Schloss fit gemacht werden für den späteren Berufsalltag, dann treten sie in die Fußstapfen bedeutender Persönlichkeiten der Geschichte.

Ohne Napoleon wäre vielles sicher anders verlaufen als dies rund um die Pfarrausbildung geschah: Am 17. Dezember 1811 erließ der französische Kaiser ein Dekret, dass in Düsseldorf eine Landesuniversität für das Herzogtum Berg zu errichten sei. Freilich ist Düsseldorf weit weg, doch diese Entscheidung hatte Auswirkungen bis ins heutige Hessen: Zugunsten der Universität sollte unter anderem die »Hohe Schule« in Herborn geschlossen werden. Napoleons Abdankung 1814 kam zwar der Umsetzung des Dekretes zuvor, doch die »Hohe Schule«, eine Bildungsstätte für Philosophie, Jura, Medizin und Theologie, musste dicht machen. Die Studenten des Herzogtums Nassau verließen Herborn und studierten an anderen Universitäten weiter. Allein die Pfarramtsstudenten hatten Glück: Die theologische Fakultät überstand die Auflösung. Die Institution wandelt sich nach einigen Gesprächen zum Theologischen Seminar. Das war vor 200 Jahren.

Angehende Pfarrer mussten zwei Semester in Herborn studieren

Dank eines raffinierten Beschlusses des Herzogs von Nassau kam kein angehender Pfarrer am Seminar vorbei: Denn alle, die in seiner Grafschaft Pfarrer werden wollten, mussten zwei Semester in Herborn studiert haben. Damit war der Bestand des Theologischen Seminars gesichert.

Besondere Phase der Ausbildung

Auch 2018 werden in Herborn angehende Pfarrer und Pfarrerinnen ausgebildet. Heute unter der Trägerschaft der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN). Für die Vikare sind die Wochen in Herborn eine besondere Phase ihrer Ausbildung. Ohne Fernseher auf dem Zimmer, ohne Großstadt in der Nähe bildet sich unter den Nachwuchspfarrern oft eine enge Gemeinschaft: »Ich habe riesiges Glück mit meinem Kurs. Wir reden viel miteinander, diskutieren, unterstützen uns gegenseitig, Freundschaften sind entstanden«, sagt Vikar Thomas Reitz aus der Wormser Magnusgemeinde. »Das Herborner Schloss nennen wir scherzhaft unser Hogwarts«, berichtet Reitz in Anspielung auf die Schule des Buch- und Fernsehstars Harry Potter.

Seminar verzichtet auf Referenten

Als quasi Nachfahr der »Hohen Schule« war das Theologische Seminar von Anfang institutionell anders gestellt als sonstige Predigerseminare, berichtet Seminardirektor Peter Scherle. Es glich viel eher einer Universität. »Deshalb gestalten bei uns Professoren die gesamte inhaltliche Ausbildung von innen und verzichten wir auf Referenten von außen«, so Scherle.

Vikare reflektieren ihre Arbeit

Von den Anfangsjahren bis 1925 lehrten zwei Professoren am Seminar, später stieg die Zahl auf drei. Seit der Jahrtausendwende unterrichten zwei Professoren, eine Professorin und eine Kirchenmusikerin die Vikarinnen und Vikare eines Jahrgangs. Diese treffen sich in dreiwöchigen Kursphasen, um ihre Arbeit zu reflektieren und über gesellschaftlich-kirchliche ebenso wie theologische Fragen zu diskutieren. Zurzeit lernen rund 70 Pfarrvikare und Pfarrvikarinnen Kirchenrecht, Kirchenmusik, Seelsorge, Gottesdienst und Religionspädagogik.

Fortsetzung der Tradition der »Hohen Schule«

Das Theologische Seminar ist bis heute geprägt durch ihre Vorgängerin. Die theologische Vergewisserung und gleichzeitig die Weltzugewandtheit, zwei Markenzeichen der »Hohen Schule«, prägten die Ausbildung des Nachwuchses, sagt Scherle. Vikare wie Thomas Reitz aus Worms erhalten historische Führungen durch das Gebäude und Einblicke in die Vergangenheit des Seminars sowie der »Hohen Schule«. »Wenn ich in der Bibliothek den großen Fundus an alten Büchern sehe, ist das sehr beeindruckend«, erzählt Reitz.

Wichtige Ausbildungsstätte der Calvinisten

Graf Johann VI. von Nassau-Dillenburg gründete die »Hohe Schule« im 16. Jahrhundert. Sie bezog anfangs ihr Domizil im Herborner Schloss, zog jedoch bereits nach wenigen Jahren in das alte Rathaus. Die »Hohe Schule« war zwar universitätsähnlich aufgebaut, jedoch versagten ihr Kaiser und Papst die Anerkennung als Universität: Sie war zu klein und vor allem calvinistisch, also protestantisch. Dennoch errang die Bildungsstätte schnell einen tadellosen Ruf in ganz Europa und wurde zu einer der wichtigsten Ausbildungsstätten der Calvinistisch-Reformierten Kirche. Ein Blick in die Namensliste der Professoren bringt namhafte Theologen zu Tage: Olevian, Piscator, Textor, Althusius und Alsted. Sie unterrichteten Studenten, deren Zahl im Laufe der Jahre stark variierte: Waren es 1603 mehr als 400 junge Männer, studierten 1745 gerade einmal fünf Studenten an der »Hohen Schule«. Bis zur Schließung der Einrichtung waren es rund 5700 nicht nur deutsche Studenten, sondern auch Polen, Dänen, Tschechen, Ungarn, Schweizer, Niederländer und Schotten.

Zehntausende Werke in Präsenzbibliothek

Besondere Schätze besitzt das Theologische Seminar in seinen Bibliotheken: Die neue Bibliothek umfasst rund 68.000 Titel. Etwa 10.000 davon entstanden vor 1900. Die Präsenzbibliothek beherbergt theologische, aber auch philosophische, pädagogische, psychologische und soziologische Veröffentlichungen.

Wiegedrucke aus der Anfangszeit des Buchdrucks

Neben dieser neuen Bibliothek befindet sich im Herborner Schloss auch noch die »Alte Bibliothek« der Hohen Schule. Sie zählt gut 3650 Bände mit rund 8000 Titeln. Darunter fallen Handschriften und 67 Wiegendrucke aus der Anfangszeit des Buchdrucks.

Hessen-nassauische Kirche kaufte das Schloss

Anfang des 19. Jahrhunderts schien das unbenutzte Herborner Schloss zu verfallen. Um 1835 drohte ihm der Verkauf. So zog in das im 12. Jahrhundert erbaute Schloss 1880 schließlich das Theologische Seminar ein. 1947 kaufte die neugegründete EKHN das 1929/30 von Kirchenbaumeister Ludwig Hofmann grundlegend sanierte Schloss. Sein heutiges Aussehen erhielt es nach einer Sanierung in Abstimmung mit der Denkmalbehörde 2004.
Am Sonntag, 12. August, feiert das Theologische Seminar in Herborn einen Tag der offenen Tür.
 Stefanie Bock


Theologisches Seminar der EKHN, Nassaustrasse 36, 35745 Herborn, Telefon 02772/4717-0; www.theologisches-seminar-herborn.de

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