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Service-Proletariat

In der schönen Oase gibt es auch Schatten

Doris SticklerDekan Rolf Glaser und Prodekanin Ursula Schoen richten den Blick auf die modernen Sklaven.

Frankfurt. Täglich greifen die Menschen auf Dienstleistungen zurück. Ob beim Shoppen, beim Essen oder bei der Pflege. Doch dabei übersehen sie die Schattenseiten dieser Entwicklung.

Vor einigen Jahren noch als Servicewüste beschimpft, hat sich Deutschland längst in eine Serviceoase verwandelt. Inzwischen steht ein ganzes Heer von Adjutanten bereit, das von den Anforderungen des Alltags entlastet. So gewährleisten Babysitter den Theaterbesuch, bringen Lieferdienste Pizza, Pasta und Einkäufe ins Haus, halten Putzkräfte die Wohnung in Schuss, kümmern sich Pflegekräfte um die hinfällige Mutter. Da es nur noch einen Mausklick braucht, um ein neues Kleid, Sofa oder Buch zu erstehen, klingelten 2016 hierzulande Paketboten 2,6 Milliarden Mal an den Türen.

Desolate Arbeitsbedingungen

Gegen den Gewinn an Komfort wäre nichts zu sagen, müsste die neue Kaste von Dienstleistenden nicht desolate Arbeitsbedingungen auf sich nehmen. Deren oft an frühkapitalistische Verhältnisse erinnernde Situation nahm ein ökumenischer Gottesdienst unter dem Titel »Am Limit – Das neue Service-Proletariat« in den Blick.

Ständiger Druck, wenig Geld

Der katholische Dekan Rolf Glaser erlebte durch seine Schwester die Gepflogenheiten des Sektors hautnah mit. Wie er in der Alten Nikolaikirche erzählte, brauchte sie nach ihrer Scheidung einen Job, landete bei einem Fahrdienstleister, wo sie ständigem Druck und ungeregelten Arbeitszeiten ausgesetzt war. Bei elf Euro Stundenlohn habe sie immerhin »nicht unter den schlimmsten Auswüchse in dieser Branche« leiden müssen. »Ich will den Dienstleistungssektor nicht verteufeln, er bietet auch große Chancen«, stellte der Pfarrer klar. »Die Leute werden jedoch immer mehr zum Spielball wirtschaftlicher Interessen.« Es sei daher keine Frage, dass Regelungen vonnöten sind und die »Kirche auf Seiten der Gewerkschaften steht«.

Dienstleistung zur Ware verkommen

Besonders stark betroffen seien jene Frauen und Männer, die sogenannte Care-Arbeit leisteten. »Dienste wie etwa die Pflege von Angehörigen werden eingekauft. Die Kräfte übernehmen das, was andere nicht mehr tun wollen.« »Dienstleistungen sind zur reinen Ware geworden, Beziehungen sind hier nicht vorgesehen«, kritisierte die Prodekanin. Da in diesem Bereich ein hoher Prozentsatz Schwarzarbeit zu verzeichnen sei, habe man es zudem mit »völlig ungesicherten Jobs und absoluter Abhängigkeit« zu tun.Von Doris Stickler

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