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Kirchliches Hilfsprojekt

Indigene sind in Brasilien besonders von Corona bedroht

Gettyimages/Rawf8/fpm/FG TradeIn Brasilien gibt es verschidene indigene Völker, die von Corona bedroht sind.

In der Corona-Pandemie brauchen Indigene und andere Benachteiligte in Brasilien sauberes Wasser, Nahrungs- und Reinigungsmittel. Der Präsident des Landes unternimmt nichts, um ihre Situation zu verbessern – im Gegenteil. Ganze Völker könnten nun aussterben.

privatSônia Mota ist Direktorin der kirchlichen Hilfsorganisation Cese, die sich für indigene und andere benachteiligte Menschen in Brasilien einsetzt.

Es klingt fast so, als wollte sich die Geschichte wiederholen. Von dem Augenblick an, als vor mehr als 500 Jahren Europäer erstmals amerikanischen Boden betraten, wüteten Seuchen unter den Ureinwohnern dort. Bis zu 95 Prozent der indigenen Bevölkerung, so schätzen Historiker, könnte von Viren und Bakterien hinweggerafft worden sein, gegen die die Indigenen keine Abwehrkräfte hatten.

Sterberate unter Indigenen sehr hoch

Jetzt bedroht sie wieder ein Virus. Sars-CoV-2 ist sein Name. Anfang April wurden die ersten Corona-Fälle in Indianergemeinden im brasilianischen Amazonasgebiet gemeldet. Dort schlägt die Krankheit besonders hart zu, denn die Region verfügt über nur wenige Kliniken. Intensivbetten, wie sie bei einem schweren Verlauf der Erkrankung notwendig sind, gibt es fast gar nicht. Der staatliche Gesundheitsdienst Brasiliens für indigene Völker (Sesai) warnte, dass die Ureinwohner eine Covid-19-Erkrankung nicht überleben würden. Die Sterberate unter Indigenen liege mit 12,6 Prozent doppelt so hoch wie im Rest des Landes, schlägt die Geselleschaft für bedrohte Völker in Göttingen Alarm. Rund 300 Indianer sind bislang an Covid-19 gestorben, darunter der bekannte Aktivist Paulinho Paiakan vom Volk der Kayapó. Aus Brasilien gemeldete Zahlen sind jedoch unzuverlässig und liegen vermutlich weit höher.

Wirtschaftliche Interessen stehen im Vordergrund

Politische Entscheidungen verschlimmern die Lage. »Angesichts der Pandemie sehen wir die Unfähigkeit der Regierung, die Bevölkerung zu schützen«, kritisiert Sônia Mota. Sie ist Direktorin der Coordênadoria Ecumenica do Serviço (Cese) in Salvador da Bahia, einer von sechs Kirchen getragenen Hilfsorganisation in Brasilien. »Was wir gesehen haben, ist eine Regierung, die das Leben der Menschen wirtschaftlichen Interessen unterordnet, die alle Empfehlungen von Gesundheits- und Wissenschaftsbehörden ignoriert, was einen beängstigenden Anstieg der Infektions- und Todeszahlen im Land verursacht hat«, beklagt sie.

Ohne Arbeit keinerlei Einkommen

Im größten Land Südamerikas sind Armut und Reichtum so ungleich verteilt wie in nur wenigen anderen Ländern der Welt. Das soziale Gefälle benachteiligt vor allem Menschen mit schwarzer Hautfarbe und Indianer. Sie gehören häufig zu den armen Bevölkerungsschichten. In Brasilien, wo das Sozialsystem wenig leistungsfähig ist, bedeutet das: Wenn sie ihre Arbeit verlieren, verlieren sie auf einen Schlag fast ihr gesamtes Einkommen. Es bedeutet auch: beengte Wohnverhältnisse, schlechte medizinische Versorgung. Das Coronavirus breitet sich da besonders gut aus und fordert besonders viele Tote.

Das tägliche Essen hat absolute Priorität

Die Cese unterstützt die Ärmsten und ist dabei Projektpartner von Misereor und Brot für die Welt. Mota hält Kontakt zu Kirchenleuten in der ganzen Welt, darunter zu Gunter Volz, Pfarrer für gesellschaftliche Verantwortung des Stadtdekanats Frankfurt und Offenbach.
»In dieser langen Phase der Pandemie, in der die Wirtschaft in einer tiefen Rezession steckt und eine der Konsequenzen Arbeitslosigkeit ist, hat das tägliche Essen Priorität«, erklärt Mota. Die Cese liefert daher Nahrung und sauberes Wasser, außerdem Hygieneprodukte und Reinigungsmittel, besonders in den armen Regionen in Brasilien im Nordosten und Nordwesten, und besonders an kinderreiche Familien, denen das Einkommen weggebrochen ist, und an Menschen, die auf der Straße leben.

Kaum Schutz gegen Coronavirus

Laut der brasilianischen Indianerbehörde Funai leben in Brasilien rund 900 000 Ureinwohner von 350 Ethnien. Es gibt insgesamt 690 Schutzgebiete, die rund 13 Prozent der Landesfläche ausmachen. Diese Schutzgebiete bieten allerdings nur einen unzureichenden Schutz gegen das Coronavirus.

Illegale Brandrodung in Indianergebieten

Denn immer mehr Nicht-Indigene dringen in Indianergebiete ein. Sie fällen Holz, suchen nach Gold oder anderen Bodenschätzen, oder sie brennen den Wald nieder, um dort Rinder zu halten. Alles selbstverständlich illegal. Die Neuankömmlinge nutzen den Umstand, dass die Schutzgebiete der Ureinwohner häufig nur unzureichend oder gar nicht gekennzeichnet sind. »Mit oder ohne Pandemie«, sagt Cese-Direktorin Mota, »die Probleme, denen sich die Indigenen immer wieder gegenübersehen, haben direkt mit der Verletzung ihrer Rechte zu tun.« Die Corona-Pandemie verschärft allerdings das Problem, weil nun viele Brasilianer ihre Jobs verloren haben und nun ein Auskommen suchen – teilweise auf Kosten der Indianer.

»Militarisierung der öffentlichen Gewalt«

Der rechtsradikale Präsident Jair Bolsonaro tut alles, um die Lage noch zu verschlimmern. Mota weiß nicht recht, wo sie anfangen soll: »Mit großer Sorge beobachten wir die Militarisierung der öffentlichen Gewalt und des Bildungssystems, die Privatisierung des öffentlichen Eigentums und des Gesundheitssystems, die Zunahme von Intoleranz gegen andere Formen des Seins und Denkens.« Auf besonders viel Kritik stieß beispielsweise die Entscheidung Bolsonaros aus dem vergangenen Jahr, die Verantwortung für die indianischen Schutzgebiete der Funai zu entziehen und dem Agrarministerium zu unterstellen. Dort geben Rinderbarone und Großgrundbesitzer den Ton an, die immer schon nach indianischem Land geschielt haben.
Bezüglich der Corona-Pandemie sieht Bolsonaro auch nicht gut aus. An deren Anfang bezeichnete er sie als »kleine Grippe« und weigerte sich lange, Schutzmaßnahmen zu ergreifen. Bis heute spielt er die Gefährlichkeit des Virus herunter.

Kleine Völker könnten unbemerkt aussterben

Besonders gefährlich ist das Virus für die sogenannten unkontaktierten Völker, von denen es in Brasilien einige gibt. Meist handelt es sich bei ihnen um Völker oder Teile von ihnen, die sich vor den Zumutungen der modernen Welt in den Regenwald zurückgezogen haben. Einige wenige hatten sogar noch nie Kontakt zu Weißen. Aber gänzlich isoliert sind sie meist eben nicht: Sie treiben beispielsweise Handel mit anderen Indigenen. Und auch ihnen rücken weiße Holzfäller oder Goldsucher immer mehr auf die Pelle. Ihr Immunsystem ist auf neue Erreger komplett unvorbereitet. Das Coronavirus ist da nur einer von vielen Erregern, die tödlich wirken können. Da diese unkontaktierten Völker oft nur aus wenigen Dutzend Menschen bestehen, ist die Gefahr groß, dass ganze Völker aussterben werden – weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit.

Nils Sandrisser/mit epd

Brot für die Welt sammelt Spenden für die Cese, die damit Bedürftige in Brasilien unterstützt. Das Spendenstichwort ist »CESE – Corona Brasilien«, das Konto hat die IBAN DE10 1006 1006 0500 5005 00.

Video über Lebensmittellieferungen an eine indigene Gemeinde auf der Homepage der Cese (englisch): www.cese.org.br/en/.

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Renate Haller (rh)
Chefin vom Dienst

Tel.: 069 / 92107-444
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