Evangelische Sonntags-Zeitung

Angebote und Themen

Herzlich Willkommen! Entdecken Sie, welche Angebote der Evangelischen Sonntags-Zeitung zu Ihnen passen. Über das Kontaktformular sind wir offen für Ihre Anregungen.

AngeboteÜbersicht
Menümobile menu

Alternative: Gefängnis

Israel weist Afrikaner aus

epd/Debbie HillEin junger Mann mit dunkler Hautfarbe hält ein Papier hoch. Hinter ihm stehen Menschen in einer Schlange.Temesgen Asfaha (25) mit seinem Asylantrag vor der Migrantenbehörde in Bnei Berak bei Tel Aviv. Schon in wenigen Tagen läuft sein Visum für Israel ab. Er befürchtet, einen Ausreisebefehl zu ‧bekommen.

JERUSALEM. Ab dem 1. April droht Temesgen Asfaha die ‧Abschiebung aus Israel - wie weiteren Tausenden Afrikanern. Er will sich widersetzen und riskiert damit eine Gefängnisstrafe. Es sei denn, ein neues Gerichtsurteil zeigt Folgen.

Gleich im Anschluss an seine Nachtschicht in einem Restaurant ist Temesgen Asfaha zum Meldeamt gefahren. Seit fünf Stunden steht der junge Eritreer in der Schlange der unterbesetzten Behörde in Bnei Berak bei Tel Aviv. Schon in wenigen Tagen läuft sein Visum für Israel ab. »Ich bin sicher, dass ich einen Ausreisebefehl bekomme«, sagt der hochgewachsene orthodoxe Christ, der vor acht Jahren aus Eritrea floh, müde.

Viele Afrikaner stammen aus Eritrea und dem Sudan

Asfaha ist einer von rund 20 000 Migranten in Israel, denen noch gut drei Wochen bleiben, um zwischen Ausreise oder Gefängnis zu entscheiden. Insgesamt leben rund 40 000 in Israel offiziell als »Infiltranten« bezeichnete Afrikaner, die zumeist aus Eritrea und dem Sudan stammen.

Es ist unklar, in welches Land die Reise geht

Die umstrittene Abschiebung betrifft vorläufig nur alleinstehende Männer, die Israel ausstattet mit 3500 Dollar (rund 2800 Euro) und einem One-Way-Ticket in die Ungewissheit. »Der Staat Israel hat Vorkehrungen getroffen, die es Ihnen erlauben, Israel zu verlassen und in ein sicheres Drittland zu reisen«, heißt es in einem zweiseitigen Anschreiben auf Hebräisch. In welches Land die Reise geht, wird nicht erwähnt, nur dass dort »eine stabile Regierung« herrscht. Inoffiziell sind Ruanda und Uganda im Gespräch. Versprochen werden zudem eine »befristete Aufenthaltserlaubnis« und die Möglichkeit zu arbeiten.

Zwei Monate in einem Kerker angekettet

Auf keinen Fall will Asfaha freiwillig ausreisen, auch wenn die Alternative Gefängnis bedeutet. »In Ruanda bin ich Freiwild.« Der 25-Jährige hat sichtlich Angst. »Ich habe schon genug mitgemacht, damals im Sinai.« Den musste er auf seiner Flucht Richtung Israel durchqueren. Zwei Monate hielten ihn Beduinenbanden in einem Kerker angekettet fest und misshandelten ihn, bis seine Familie ein Lösegeld von 3000 Dollar zahlte.
Nach Eritrea kann er nicht zurück. Dort gilt er als fahnenflüchtig, riskiert Strafe und den Armeedienst, der ihn einst in die Flucht trieb. Zwölf Jahre und länger zwingt das diktatorische Regime junge Männer und Frauen zum Dienst an der Waffe.

Eritreer hoffen auf Asyl

Zum ersten Mal erkannte ein Gericht in Jerusalem jüngst einen eritreischen Deserteur als Asylbewerber an. Es bestehe »begründete Angst vor einer Verfolgung«, hieß es im Urteil. Die Hotline für Migranten in Tel Aviv hofft, dass dies bahnbrechend für Tausende Eritreer sein könnte, deren Asylanträge abgelehnt wurden. In den vergangenen Tagen wurden der Hotline zufolge allerdings die ersten sieben eritreischen Flüchtlinge von einem Camp in eine Haftanstalt verlegt. 600 hätten ihren Abschiebungsbescheid erhalten.

Ruanda will nur Freiwillige aufnehmen

Laut Urteil des Obersten Gerichts in Jerusalem darf Israel Flüchtlinge erst abschieben, wenn es ein Land gibt, das bereit ist, sie aufzunehmen. Die ruandische Regierung erklärte, sie sei entschlossen, Menschen im Exil zu unterstützten. Man werde aber nur diejenigen aufnehmen, die »freiwillig und ohne Zwang kommen«.

Piloten wollen Transport verweigern

Je näher der Stichtag 1. April für den Beginn der Abschiebungen rückt, desto stärker regt sich Protest. Kürzlich gingen etwa 20 000 Menschen in Tel Aviv auf die Straße. Israelische Menschenrechtler kündigten an, bedrohte Flüchtlinge bei sich zu verstecken. Piloten der israelischen Fluggesellschaft El-Al wollen den Transport der Migranten ins Ungewisse verweigern, und renommierte Autoren wie Amos Oz und David Grossman, appellieren an die Regierung, »moralisch, menschlich und mit Mitgefühl« zu handeln.

Viele sehen in eigener Geschichte keine Verpflichtung

Eine Umfrage des Israelischen Demokratie-Instituts zeigt jedoch, dass zwei Drittel der israelischen Bevölkerung den Deportationsplan der Regierung befürworten (69 Prozent der jüdischen und 50 Prozent der arabischen Israeli). Gut die Hälfte der jüdischen Befragten sieht in der eigenen Geschichte der Verfolgungen keine besondere Verpflichtung, die afrikanischen Flüchtlinge in Israel aufzunehmen.

Susanne Knaul/epd

Diese Seite:Download PDFDrucken

Ihre Ansprechpartnerin

Renate Haller (rh)
Chefin vom Dienst

Tel.: 069 / 92107-444
E-Mail

to top