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Liberale Moschee

»Jemand muss den ersten Schritt machen«

epd/Stefan ArendEine Frau mit kurzen, grauen Haaren spricht in ein Mikrofon.Fundamentalisten bedrohen Seyran Ateş wegen ihres Eintretens für einen liberalen Islam. Sie steht permanent unter Personenschutz.

Jahrelang wartete Seyran Ateş auf eine liberale Moscheegemeinde in Deutschland. Am Ende gründete sie selbst vor rund einem Jahr eine solche. Harald Krille sprach mit der Rechtsanwältin, Autorin und Frauenrechtlerin, die dem Islam ein anderes Gesicht geben möchte.

Die Gründung der liberalen Ibn-Rushd-Goethe-Moschee im vergangenen Jahr in Berlin hat ein enormes mediales Echo ausgelöst. Wie sind die Reaktionen Ihrer muslimischen Glaubensgenossen auf Ihre Initiative?

Ateş: Sie sind positiv und negativ. Es gibt viele Menschen, die lange Zeit auf so etwas gewartet haben. Die sind unglaublich glücklich. Das ist auch der Grund, warum wir heute immer noch existieren und schon ein Jahr bestehen. Sonst wären wir schon längst weg. Wir haben viele Unterstützer, die uns auch finanziell unterstützen. Wir leben ja von Spenden.

Und die andere Seite?

Ateş: Da gibt es eben Muslime, die sagen, das geht gar nicht, bringt all diese Leute um und tötet diese Frau. Deshalb lebe ich unter Personenschutz. Und natürlich gibt es dazwischen welche, die sagen, Religion ist für mich schon lange nicht mehr wichtig und die fanatischen Muslime spinnen sowieso. Ich lebe hier in Ruhe meine Spiritualität. Diese schweigende Mehrheit steht uns dann eher positiv gegenüber.

Gibt es außerhalb Ihrer Initiative in Deutschland oder in Europa ähnliche Bestrebungen, ähnliche Moscheen?

Ateş: Es gibt weltweit Beispiele für Privatpersonen und Moscheegemeinden, die das, was wir machen, auch praktizieren: die historisch-kritische Auslegung des Korans. Und die dann auch ihren Glauben und ihr Leben danach ausrichten. In Deutschland sind im Liberal-Islamischen Bund und im Muslimischen Forum Muslime organisiert, die für einen anderen Islam stehen. Außerhalb Deutschlands gibt es sie in Dänemark, in England, in Südafrika, in Australien, in Indien. Überall. Es gibt weltweit Menschen, die in dieser Richtung aktiv sind.
In Deutschland selbst gibt es bisher noch keine vergleichbare Moschee zu der unseren. Wir haben uns ja explizit als Moschee gegründet und nicht als Forum oder Verein. Sondern tatsächlich als ein Ort der Religionsausübung. Dafür gibt es noch kein anderes Beispiel. Aber das wird kommen. Wir sind in Deutschland die ersten. Irgendjemand muss immer den ersten Schritt machen.

Was wünschen Sie sich von der Politik in Deutschland?

Ateş: Da kritisiere ich sehr stark die Politik und insbesondere die CDU, die ja bisher immer den Innenminister gestellt und dadurch auch bestimmt hat, was mit der deutschen Islamkonferenz passiert. Mein Wunsch ist, dass die Politik einfach sieht, dass der Islam sehr viel globaler ist, als das, was die muslimischen Verbände ihnen seit Jahrzehnten erzählen und was die Politiker so gerne auch hören, weil es für sie so einfach ist. Der Eindruck entsteht, dass da eine Handvoll Männer, die auch konservativ empfinden, gemeinsam mit den Kirchen in der Islamkonferenz ausdealen, wie der Islam in Deutschland sich gestaltet. Aber das ist ein großer Fehler, denn die dort vertretenen muslimischen Verbände repräsentieren nicht die Breite des Islam und auch nicht die Mehrheit der Muslime in Deutschland. Sie sind zum Teil sogar nur der verlängerte Arm ausländischer Interessen.

Stichwort Kirchen: Was würden Sie denen gern ins Stammbuch schreiben?

Ateş: Die Kirchen leben teilweise in einer Illusion. Sie selbst haben im Zuge der Säkularisierung gelernt, als Kirche in demokratischen Strukturen zu leben und zu arbeiten. Aber sie nehmen nicht wahr, dass hier, teilweise sogar mit ihrer Unterstützung, ein Islam Verbreitung findet, der die Einführung der Scharia will, also die religiöse Macht über die weltliche Macht stellen möchte. Und da finde ich, dass die Kirchen teilweise auf einem falschen Weg sind. Zum Beispiel, wenn es um das Thema Kopftuch geht. Da sind sie sehr schnell bereit, das mit dem Kreuz zu vergleichen und für vermeintliche Religionsfreiheit einzutreten. Das enttäuscht mich sehr. Denn gerade die Kirchen sollten das doch theologisch besser wissen. Sie sollten doch sehr viel selbstbewusster sein und nicht zulassen, dass das Kreuz mit dem Kopftuch verglichen wird. Denn das eine ist das religiöse Symbol für die gesamte christliche Gemeinschaft, das andere ist eine Kleiderordnung für die Frau, welche ein sehr konservatives Rollenverständnis ausdrückt. Die Kleiderordnung ist letztlich ein bestimmtes politischen Bekenntnis.

Seyran Ateş wurde 1963 in Istanbul geboren. Sie lebt und arbeitet als Rechtsanwältin, Autorin und Frauenrechtlerin in Berlin. Wegen ihrer offensiven Kritik am fundamentalistischen Islam und ihres Eintretens für Frauenrechte wurde sie immer wieder an Leib und Leben bedroht und steht unter permanentem Personenschutz. 2017 gründete Ateş gemeinsam mit Mitstreitern die liberale Ibn-Rushd-Goethe-Moschee, in der sie selbst als Imamin agiert. Die Moschee ist derzeit in einem Nebengebäude der evangelischen Kirche St. Johannis in Berlin-Moabit untergebracht.

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