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Klaus von Dohnanyi wird 90

Mutig, couragiert, einsatzbereit

epd/Gütersloher VerlagshausEin Mann sitzt am Klavier, hinter ihm steht ein Mann der Flöte spielt. Im Hintergrund stehen zwei Kinder und ein Weihnachtsbaum.Dietrich Bonhoeffer (von links) mit den von Dohnanyi-Kindern Klaus, Barbara und Christoph sowie rechts der Freund Eberhard Bethge Weihnachten 1940 im Ettal.

Klaus von Dohnanyi ist der Spross einer berühmten Familie. Sein Vater war der Widerstandskämpfer Hans von Dohnanyi, seine Mutter Christine die Schwester Dietrich Bonhoeffers. Geboren ist er am 23. Juni 1928. Nun wird er 90 Jahre alt und blickt nicht nur zurück.

dpa/Karlheinz SchindlerPorträt von Klaus von Dohnanyi.Klaus von Dohnanyi ist ein gefragter Fachmann, hier 2017 in der ARD-Talksendung »Anne Will« über Donald Trumps Außenpolitik.

Klaus von Dohnanyi ist rank und schlank. Beweglich ist er sowieso, besonders im Kopf. Der Vorzeigejurist studierte ab 1946 Jura, legte nach fünf Semestern das erste Staatsexamen ab, wurde 1949 promoviert mit magna cum laude. Schneller dürfte das kaum gehen. Für hochbegabt hält er sich nicht. »Aber ich bin fleißig und ich hatte ein Motiv. Ich wollte so schnell wie möglich nach Amerika«, sagt er. Der junge Mann wollte die Welt sehen, die Sprache lernen. Mit einem Stipendium gelang ihm das.

16 Jahre alt, als Vater und Onkel hingerichtet wurden

Dohnanyi ist ein leidenschaftliche Politiker. Schon im zarten Alter von zwölf Jahren stand dieser Berufswunsch fest. Zu der Zeit tobte der Zweite Weltkrieg. Sein Vater Hans von Dohnanyi, ebenfalls Jurist, war einer der wichtigsten Männer im Kampf gegen Hitler. Im März 1943 beteiligte er sich an einem Attentat auf den Diktator. Aber die in Smolensk in Hitlers Flugzeug geschmuggelte Bombe versagte. Wenige Wochen später verhafteten die Nazis den Widerständler. Und mit ihm auch seinen Schwager Dietrich Bonhoeffer, der ebenfalls zum Widerstand gehörte. Als sein Vater Hans und sein Onkel Dietrich hingerichtet wurden, am 9. April 1945, war Klaus von Dohnanyi noch keine 17 Jahre alt.

Bonhoeffer musiziert mit seinen Neffen

Seine Erinnerungen an den Onkel sind deutlich. »Ich habe ihn als sehr handfest erlebt«, sagt er. Bonhoeffer ging im Hause seiner Schwester ein und aus. Er habe sehr viel musiziert mit seinem Bruder Christoph von Dohnanyi (später Dirigent) und dem Freund und späteren Biografen Eberhard Bethge. »Wir haben auch oft mit ihm Tischtennis gespielt oder sind zusammen Ski gelaufen«, erzählt der Neffe, dem die Mutter eine religiöse Ader attestierte.

Patriotismus und ethische Verantwortung

Dietrich Bonhoeffer war mehrfach in den USA, das letzte Mal 1939. Er hätte dort bleiben können. Viele Freunde rieten es ihm. »Wenn es Krieg gibt, will ich bei meinem Leuten sein«, entgegnete er. »Das war eine Mischung aus Patriotismus und ethischer Verantwortung«, urteilt der Neffe. Sein Vater hatte ihn in den Widerstandskreis geholt und sich später deswegen Vorwürfe gemacht. Für Bonhoeffer aber sei es selbstverständlich gewesen.

Von guten Mächten wunderbar geborgen

In Gestapo-Haft schrieb der Onkel am Jahresende 1944 ein Gedicht mit dem Titel »Von guten Mächten treu und still umgeben«, sein letzter bekannter theologischer Text. Die letzte Strophe lautet: »Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.« Das sei ein wundervoller Text, findet Klaus von Dohnanyi, in gewisser Weise allerdings zu »familiennah«.

Andere Meinungen achten

Die Ereignisse des Zweiten Weltkrieges haben den ehemaligen Bundesbildungsminister geprägt, keine Frage. Mut, Zivilcourage, Einsatzbereitschaft gehören zu seinem Leben. »Ich bin jemand, der sich dafür einsetzt, auch andere Meinungen zu achten«, sagt er. Als Beispiel dient ihm Martin Walsers Rede in der Frankfurter Paulskirche anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels 1998. Hierin lehnte der Autor eine »Instrumentalisierung des Holocaust« ab.
Ignatz Bubis, damals Vorsitzender des Zentralrats der Juden, bezeichnete ihn daraufhin als geistigen Brandstifter. Als Dohnanyi Walser in Schutz nimmt, bekommt er heftigen Streit mit Bubis. »Er hat sich später bei mir entschuldigt«, sagt Klaus von Dohnanyi.

Unternehmer mit 200 Beschäftigten

Mit seiner Partei, der SPD, hadert er gelegentlich. Er wünscht sich, »dass alle Sozialdemokraten der Führungsspitze einmal ein Jahrzehnt als Verantwortliche in einer kleinen Firma gearbeitet haben. Sie würden ganz anders denken.« Davon ist der ehemalige Unternehmer fest überzeugt. In den 1960er Jahren hat er in München zusammen mit einem Partner das Marktforschungsunternehmen Infratest aufgebaut, mit 200 Beschäftigten. Da habe er manche Nacht wach gelegen und gegrübelt, »Kommt der Auftrag, kommt er nicht?«

Kirche ist ihm zu nah an der Politik

Mit der Schriftstellerin Ulla Hahn, einer rheinischen Katholikin, ist er seit 1997 verheiratet – standesamtlich. Seine Frau würde gerne auch kirchlich heiraten, als Termin schwebt ihr der 23. Juni vor. »Ich kann meine Frau verstehen. Aber wir sind ja gut verheiratet. In meinem Alter sollte man nicht noch so einen herzhaften Schritt machen«, findet er. Dem Katholizismus kann er durchaus etwas abgewinnen. Das liege aber nicht an seiner Frau. »Es ist eher so, dass man den Glauben, die Religion, weit weghalten muss von den täglichen politischen Auseinandersetzungen.« Die Bischöfinnen oder Bischöfe in Hamburg sind ihm zu nah an der Politik, zum Beispiel mit der Frage, ob die Sätze für Hartz IV erhöht werden sollen. »Damit zerstört man das, was im Christentum der Mittelpunkt ist: nämlich die eigene innere Annäherung an ein Thema und nicht eine Annäherung über irgendjemanden, der eine religiöse Sache in Anspruch nimmt für eine politische Sache.«

Kirchliches Geld für Ökoenergie findet er falsch

Mit den großen ethisch-moralischen Fragen müssten sich die Kirchen beschäftigen, zum Beispiel der Flüchtlingsfrage. »Aber wenn die protestantische Kirche in Hamburg 20 000 Euro gibt, um Ökoenergie zu unterstützen, halte ich das für falsch.«
 Andrea Seeger

Ein ausführliches Porträt ist nachzulesen in der gedruckten Ausgabe der Evangelischen Sonntags-Zeitung. Im Radio ist mehr von Klaus von Dohnanyi zu hören in der Sendung »Doppelkopf« in hr2-Kultur am 21. Juni, 12.05 bis 13 Uhr (Wiederholung ab 23.05 Uhr).

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