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Spiritualität

Oasen der Stille im hektischen Alltag

Dillenburg. Die Zahlen der Kirchenaustritte steigen. Und doch sind die Menschen auf der Suche nach Spiritualität in ihrem Leben. Pfarrerin Antje Müller hat sich Zeit genommen, um das Leben und Wirken von geistlichen Kommunitäten kennen zu lernen. Dabei hat sie einige Punkte entdeckt, die Kirchengemeinden erfolgreich übernehmen könnten.

eöa/Holger-Jörn Becker-von WolffAntje Müller hat ein Buch über die Faszination und Spiritualität in Ordensgemeinschaften geschrieben.

Weiße schlichte Gewänder, mehrstimmiger Gesang von Männern und Frauen – das alles strahlt Ruhe aus. Dreimal am Tag singen und beten die Brüder und Schwestern der Monastischen Gemeinschaft von Jerusalem (FMJ) öffentlich in der Kirche Groß Sankt Martin in Köln – unweit vom Dom. In der Metropole strahlt die arme Klostergemeinschaft eine Faszination gerade auf moderne Menschen aus: Einheimische aber auch Touristen nutzen gerne das Mittagsgebet in einer der ältesten Kirchen Kölns, um zur Ruhe zu kommen.

Oasen des Gebets in den Wüsten der Städte

Manche Gemeinschaften verstehen sich als »Großstadtmönche oder -nonnen« und sehen ihren Auftrag darin, »Oasen des Gebets in den Wüsten der Städte« zu gründen – also zu den Menschen in die Städte zu gehen, sagt Pfarrerin Antje Müller. Die ehemalige Krankenhausseelsorgerin an den Dill-Kliniken Dillenburg und heutige Gemeindepfarrerin in Frücht bei Bad Ems hat verschiedene geistliche Gemeinschaften in Erfurt, Florenz, Köln, Luzern, Rom, Wien und Würzburg besucht und ihre Erfahrungen niedergeschrieben. Sie war in einer sechs Mönche kleinen Wohngemeinschaft und auch in einem Kloster mit mehr als 100 Mönchen.

Die Spiritualität in den Alltag integrieren

Alle zehn Jahre können Pfarrerinnen und Pfarrer drei Monate Studienurlaub nehmen und sich in dieser Zeit einem Thema ihrer Wahl widmen. Pfarrerin Antje Müller (53) hat sich im Rahmen ihres Studienurlaubs mit Klöstern und Kommunitäten als spirituelle Lernorte beschäftigt. Sie wollte wissen, welche Formen von christlichen Gemeinschaften gibt es außerhalb der Ortsgemeinden?
Herausgekommen ist dabei das Buch »Orte des Glaubens jenseits der Ortsgemeinden«. Auf 122 Seiten stellt Antje Müller beispielsweise die Monastische Gemeinschaft von Jerusalem (FMJ) vor, die 1975 in Paris gegründet wurde und in Köln eine Niederlassung hat. Zudem hat sie die heutigen Nachfahren der Augustinermönche, denen Luther einst angehörte, in Erfurt besucht ebenso wie die franziskanisch-dominikanische Gemeinschaft vom Lamm, die erst 1974 entstanden ist, sowie die Gemeinschaft Sant‘ Egidio, die 2018 ihren 50. Geburtstag feierte. Allesamt Gemeinschaften ohne große Besitztümer.

Die Angebote der Gemeinschaften nutzen

Im Anhang des Buches finden sich Interviews mit Ordensleuten sowie einer Pfarrerin, die sich in der Gemeinschaft Sant‘ Egidio in Würzburg engagiert. Menschen, die eine Auszeit brauchen – also mal abtauchen wollen, kann Antje Müller das Kloster sehr empfehlen. Man kann mit den Brüdern und Schwestern reden, sich aussprechen, sich ihnen anvertrauen, denn es gilt die seelsorgliche Schweigepflicht. Man könne die Angebote der Gemeinschaften nutzen oder eben nicht und für sich sein.

Armut und Gütergemeinschaft, Ehelosigkeit und Gehorsam sind die Grundprinzipien klösterlichen Lebens. Auch evangelische Gemeinschaften knüpfen meist an die Traditionen des alten Mönchtums aus Zeiten der ungeteilten Kirche an und haben nicht selten die Benediktsregel übernommen, sagt Antje Müller. Die neuen Ordensgemeinschaften aus den 1970er Jahren knüpfen wieder an das alte Ideal der Bettelorden an, verzichten auf große Klosterbauten und leben zur Miete in sozialen Brennpunkten der Städte.

Zulauf durch junge Leute

Antje Müller hat die Communität Casteller Ring bei Würzburg und die Diakonissen von Riechen bei Basel besucht. Letztgenannte haben wieder Nachwuchs, seitdem sie Gästen einen Ort der Stille und geistliche Begleitung anbieten. Apropos Nachwuchs: »In Köln hat mich überrascht, wie jung die Männer und Frauen sind, die sich für das klösterliche Leben mitten in der Großstadt entschieden haben«, erzählt Antje Müller.
Das Buch endet mit Hinweisen für die eigene Ortsgemeinde: Die vorgestellten Gemeinschaften haben die Zeichen der Zeit erkannt und orientieren sich daran, was Menschen heute brauchen. Es sei daher kein Zufall, sagt die Pfarrerin, dass eine Gemeinschaft, die auf Spiritualität setzt, Zulauf habe. Man dürfe nicht mehr ortsgemeindlich denken, müsse über den Kirchturm hinausschauen, in die Region, um zu sehen, was heute die Aufgaben und Herausforderungen sind. Dabei spiele die Ökumene eine zunehmend bedeutende Rolle. esz
Antje Müller: »Orte des Glaubens jenseits der Ortsgemeinde«; Frieling Verlag 2019; 127 Seiten; 14,90 Euro.

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