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Anfeindungen

Stationäre Altenpflege in Corona-Zeiten

epd/Jens SchulzeSvenja Siegel (links) arbeitet als gerontopsychiatrische Fachkraft im Senioren- und Pflegeheim der diakonischen Grotjahn-Stiftung in Schladen. Stiftungssprecher Benedikt Kappler (Zweiter von links) sagt, dass die vielen Überstunden für niemanden ein Problem waren, aber nach 14 Stunden falle das Abschalten schwer.
Svenja Dankers (Dritte von links) ist Altenpflegerin im Johannisheim in Stade bei Hamburg. Das Haus hat 124 Plätze und gehört zur Diakonie. Sylvia Balbuchta (rechts) leitet das Johannisheim.

SCHLADEN/STADE. Sie bekommen gerade viel Lob für ihre Arbeit, müssen aber im Kampf gegen das Coronavirus auch herbe Kritik aushalten: In den vielerorts ohnehin von Personalmangel betroffenen Altenpflegeheimen sind die Beschäftigten mehr gefordert als je zuvor.

Die Arbeit in den bundesweit etwa 14 500 Altenpflegeheimen in Corona-Zeiten fordert alle Beteiligten bis zum Anschlag, besonders die Pflegekräfte. Svenja Siegel, 41, arbeitet als gerontopsychiatrische Fachkraft in der diakonischen Grotjahn-Stiftung in Schladen bei Goslar. Dort, im Hermann-Oberschmidt-Haus am Harzrand, werden 80 Ältere versorgt und begleitet. In der Stiftung sind in den vergangenen Wochen acht Menschen an den Folgen einer Coronavirus-Infektion gestorben.
240 Kilometer weiter nördlich, in Stade bei Hamburg, ist Svenja Dankers, 33, als Altenpflegerin im Johannisheim tätig. Das Haus hat 124 Plätze und gehört ebenfalls zur Diakonie. Dort starben bisher fünf Bewohner im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie. In beiden Einrichtungen leben viele Menschen mit einer Demenz.

Auf einmal laufen alle mit Mundschutz rum

Als in der chinesischen Stadt Wuhan im Dezember vergangenen Jahres erste Fälle einer unbekannten Lungenkrankheit auftraten, »war das so ganz weit weg«, erinnert sich in Schladen Stiftungssprecher Benedikt Kappler, 35. »Und dann – auf einmal laufen alle mit Mundschutz rum, weil es immer näher kam. Da hat man sich dann schon intensivere Gedanken gemacht.«

Alles musste sehr schnell gehen

Sowohl in Schladen wie auch in Stade wurden schnell Besuche verboten, um das Infektionsrisiko zu senken. Nach ersten Ansteckungen wurden sofort Isolierstationen eingerichtet. »Da hat sich ein kleines Team aufgebaut für drei Schichten, früh, spät, nachts«, berichtet Svenja Dankers aus Stade. »Zwei Nachtwachen, fünf im Tagdienst. Das Umziehen der Bewohner von einer Station zur anderen, das musste alles schnell gehen. Das war kein Dienst nach Vorschrift, es ging teilweise zwölf Stunden und länger, tagtäglich ein anderes Erleben.« Ihre Kollegin Svenja Siegel ergänzt: »Alle waren und sind motiviert.«

Nach 14 Stunden fällt das Abschalten schwer

Benedikt Kappler, zu der Zeit noch Pflegedienstleiter, meint: »Die Überstunden waren für niemanden ein Problem. Nach 14 Stunden allerdings fällt das Abschalten schwer und man läuft weiter auf Hochtouren.« So war es auch in Stade, erinnert sich Heimleiterin Sylvia Balbuchta, 47: »Die große Frage für uns war, was ist wirklich dran an dieser Pandemie, was ist Panikmache?« Ihr Eindruck: Politik und Behörden haben Corona zuerst nicht ernst genommen. »Aber warum in Gottes Namen sollte dieses Virus in China bleiben?«
 Dann kamen die ersten Infektionen und Todesfälle. »Ich war sehr mitgenommen, sehr traurig«, sagt Svenja Dankers. »Ich und meine Kolleginnen haben hier oft genug gestanden und geweint, um den Druck loszuwerden.« Um sich selber habe sie keine Angst gehabt.

Betten blieben zunächst leer

Svenja Siegel meint: »Im Hinterkopf ist da sicherlich auch mal Angst, dass wir unter Umständen in die Bredouille kommen, wenn wir mit schwerstkranken Menschen arbeiten.« Ihr Kollege Benedikt Kappler sagt, durch den Aufnahmestopp im Isolierbereich blieben die Betten verstorbener Bewohner zunächst einmal leer, vor der Krise seien Plätze schnell wieder belegt worden. »Die Situation ist dadurch jetzt viel präsenter, die Erinnerungen bleiben länger wach.«

Infektionen im Heim waren ein Tiefschlag

Er spricht aus, was viele Beschäftigte in den Heimen umtreibt: »Wir haben alles getan, um Vorsorge zu treffen. Und dass es trotzdem Infektionen und Todesfälle gab, das war für alle ein Tiefschlag.« Auch die Ansteckungswege seien bis heute nicht klar. »Einiges kann man gar nicht so beeinflussen, Krankenhaus-Entlassungen von Bewohnern zum Beispiel. Und natürlich hat jeder Mitarbeiter ein Privatleben, kauft ein, hat Kinder.« Sylvia Balbuchta spricht von Hilflosigkeit: »Warum haben wir das gekriegt? Wir haben doch alle Empfehlungen, die das Robert Koch-Institut rausgegeben hat, früh umgesetzt.« Die ersten vier Wochen nach Ausbruch der Pandemie im Haus, »die waren die Hölle«.

Pflegekräfte beschimpft und bespuckt

Die Reaktionen außerhalb der Einrichtung sind unterschiedlich. Benedikt Kappler hört aus dem benachbarten Wolfsburg von Angriffen. Dort sind im diakonischen Hanns-Lilje-Heim mehr als 40 Bewohner an den Folgen einer Corona-Infektion gestorben. »Mitarbeiter müssen auf der Straße erdulden, bespuckt und beschimpft zu werden. Hauswirtschaftskräfte der Einrichtung, die für Ältere Einkäufe erledigen sollten, bekamen keinen Zutritt zu Supermärkten.«
Andererseits wurden Pflegekräfte zu »Helden des Alltags« ernannt, die Beifall vom Balkon bekamen. »Ein Pizza-Bäcker aus Stade hat uns zum Dank zehn Pizzen geliefert«, freut sich Svenja Dankers. »Dann gibt es aber auch Menschen, die uns über die sozialen Netzwerke anfeinden, uns die Schuld dafür geben, dass in unserem Haus Covid-19 ausgebrochen ist. Darüber war ich am Anfang sehr traurig, denn niemand kann alle Infektionswege kontrollieren. Wer so etwas sagt, soll unsere Schuhe anziehen, soll hier- herkommen, soll unsere Arbeit aufnehmen und sich dann ein Urteil bilden.«

 Gunnar Müller und Dieter Sell/epd

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