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Gewalt an alten Menschen

Tabu: Misshandlung von Pflegebedürftigen Gewalt an alten Menschen

iStock/HalfpointEine Frau hält sich beide Hände vor das Gesicht.Pflegende Angehörige sind ebenso wie Pflegekräfte in Heimen und Krankenhäusern mitunter überfordert. Kommt es dann zur Gewalt, ist das oft mit Scham verbunden. Beratungsstellen können helfen, aus einem Kreislauf von Gewalt und Verzweiflung herauszukommen.

KÖLN. Gewalt zwischen Pflegenden und älteren Patienten ist in deutschen Seniorenheimen, Krankenhäusern, aber auch zu Hause keine Ausnahme. Experten fordern, das Problem endlich ernster zu nehmen.

Jeden Morgen hatte Helga Niemann das gleiche Problem mit ihrer demenzkranken Mutter: Die 92-Jährige sträubte sich, wenn sie gewaschen und angezogen werden sollte. »Sie machte sich steif wie ein Brett.« Irgendwann riss der Tochter, die eigentlich anders heißt und namentlich nicht genannt werden möchte, der Geduldsfaden. »Ich schrie sie an und haute ihr das Handtuch um die Ohren.«

Verschiedene Studien zeigen gleiches Ergebnis

30 bis 40 Prozent der Angehörigen üben schon einmal verbale oder physische Gewalt gegenüber einem pflegebedürftigen Verwandten aus. Zu diesem Ergebnis kommen verschiedene Studien, die das Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP) zusammengetragen hat.
Ähnlich sieht es in Seniorenheimen oder Krankenhäusern aus. Das fand das Deutsche Institut für angewandte Pflegeforschung in Köln in einer im Herbst 2017 veröffentlichten Umfrage unter rund 400 Pflegekräften und Pflegefachschülern heraus. »Fast jeder dritte Befragte sagt, dass Maßnahmen gegen den Willen von Patienten, Bewohnern und Pflegebedürftigen alltäglich sind«, berichtet Institutsdirektor Frank Weidner. Zehn Prozent der Befragten hatten in jüngster Zeit konkrete Gewalterfahrungen.

Angehörige stoßen an ihre Grenzen

Das Problem: »Fast alle Angehörigen oder Pflegekräfte fangen liebevoll und idealistisch mit der Pflege an. Aber sie stoßen dann oft an ihre Grenzen«, beobachtet Gabriele Tammen-Parr, Leiterin von »Pflege in Not«, der diakonischen Beratungs- und Beschwerdestelle bei Konflikt und Gewalt in der Pflege älterer Menschen in Berlin. Die Folge seien nicht nur Handgreiflichkeiten, sondern leider leider auch immer wieder psychische Gewalt.

Auch unterlassene Hilfe ist Gewalt

Denn auch unterlassene Hilfe oder das Hinweggehen über Wünsche seien Misshandlungen, die häufig vorkämen, sagt Tammen-Parr. Etwa wenn ein Patient darum bitte, auf die Toilette gebracht zu werden, und dann zur Antwort bekomme, er möge in die Windel machen. Das sei für die Betroffenen extrem erniedrigend.

Experte fordert mehr Pflegekräfte

»Das Thema Gewalt in der Pflege ist in jüngster Zeit noch akuter geworden, als es ohnehin schon war«, stellt Tammen-Parr fest. Grund sei der zunehmende Mangel an Pflegekräften. Um mehr Pflegekräfte gewinnen und einstellen zu können, fordert Pflegeexperte Weidner von der künftigen Bundesregierung einen Masterplan für die Pflege. Dafür würden mindestens zwölf Milliarden Euro pro Jahr benötigt. »Ein Ruck durch das System ist nötig«, sagt der Experte.

Auch Pflegende werden angegriffen

Außerdem müsse das Thema Gewalt und Aggression in der Aus- und Weiterbildung einen höheren Stellenwert bekommen. Denn auch Pflegende werden häufig angegriffen. In einer repräsentativen Umfrage des ZQP gaben 40 Prozent von ihnen an, schon einmal Opfer von Aggressionen von Pflegebedürftigen geworden zu sein.

Gewalt wird nicht thematisiert

Doch obwohl Gewalt und Aggressionen im Heim- und Krankenhausalltag offenbar Normalität sind, beschäftigen sich wohl die wenigsten Einrichtungen mit dem Problem. Das Thema sei immer noch ein Tabu, beobachtet Tammen-Parr.  Claudia Rometsch/epd


Internet:Themenreport des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP): u.epd.de/wz1

Bundesarbeitsgemeinschaft der ‧Krisentelefone. Beratungs- und Beschwerdestellen für alte Menschen: u.epd.de/wz2; Telefon 02 28/63 63 22

Beratungsstelle »Pflege in Not«: www.pflege-in-not.de; Telefon 0 30/69 59 89 89

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Tel.: 069 / 92107-444
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