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Kindertransporte

Und plötzlich beginnt ein neues Leben

Doris SticklerRenata Harris ist während der Nazi-Zeit mit den Kindertransporten nach England gekommen. Heute hilft sie, die Erinnerung daran in Deutschland und der Welt wach zu halten.

Frankfurt . »Wir sehen uns in ein paar Wochen wieder«. Diese Worte sagte Renata Harris Mutter ihrer Tochter zum Abschied. Renata floh vor den Nationalsozialisten nach England. Ihre Mutter musste zurückbleiben. Wiedergesehen haben die beiden sich nie mehr.

Als die Nationalsozialisten während der Novemberpogrome 1938 ihren Vater ins Konzentrationslager Buchenwald verschleppten, wurde Renata »über Nacht zur Erwachsenen«. Als sie zehn Monate später mit den Kindertransporten nach London kam, wurde sie »von einem Tag auf den anderen englisch«.

Dabei hatte sie noch Glück

Gerade mal zehn Jahre alt war sie ihrer Kindheit, Familie und Freunde beraubt und in einer vollkommen fremden Umgebung auf sich alleine gestellt. Dabei hatte sie noch Glück. Renata landete in einem Internat, in dem sie schnell die neue Sprache lernte und eine gute Ausbildung erhielt In der Anfangszeit erfüllte sie zudem die Zuversicht, die Mutter bald wiederzusehen. Wie die heute 89-Jährige bei einer Veranstaltung zum »80. Gedenkjahr an die Hilfsaktionen zur Rettung jüdischer Kinder 1938 bis 1940« erzählte, empfand sie die Trennung deshalb als gar nicht so schlimm.

Beide leben in England, sehen sich aber nicht

Sie habe fest an die Worte ihrer Mutter geglaubt, die ihr beim Abschied am Frankfurter Hauptbahnhof im August 1939 versicherte: »Wir sehen uns in ein paar Wochen wieder.« Kurz darauf löste das NS-Regime mit dem Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg aus und machte den Plan zunichte. Adelheid Adler gelang es nicht mehr, aus Deutschland zu fliehen.

Ein gebrochener Mann

Bis 1942 schlug sie sich in Frankfurt durch, dann wurde sie ins Vernichtungslager Sobibor deportiert und ermordet. Alfred Adler hatte es im April 1939 noch geschafft, nach England zu emigrieren, nachdem er als »gebrochener Mann«, den Renata »kaum wiedererkannte« im Januar aus Buchenwald zurückgekommen war. Warum sie den Vater selten sah, obwohl beide in England lebten, begriff die Tochter erst viel später. Zum einen hatte man ihn nach Kriegsbeginn als »Enemy Alien« – als feindlichen Ausländer – auf der Isle of Man interniert. Zum anderen war Alfred Adler von der Haft im KZ, dem Verlust der Heimat, der sozialen Deklassierung und den vergeblichen Bemühungen, seine Frau nachzuholen, völlig traumatisiert.

Das Schicksal jahrelang verdrängt

Die Kunde von deren Tod gab ihm den Rest. Er starb 1954 in England im Alter von 57 Jahren. Renata Harris konnte dank der Kindertransporte zwar den Fängen der Nazis entkommen, mit den grausamen Erfahrungen jedoch lebt sie bis heute. Beruflich als Stewardess und Reiseleiterin ständig unterwegs, hat sie lange Jahre ihr Schicksal verdrängt. Seit ihrem ersten Besuch 2012 war Renata Harris nun zum siebten Mal in der Main-Metropole, die sie heute als eine »herrliche, zivilisierte Stadt« erlebt. Sie hält Vorträge, erzählt in Schulklassen von ihrem Lebensweg – und sorgte dafür, dass Frankfurt bald über eine bleibende Erinnerung an die »Kindertransport-Kinder« und ihre Familien verfügt.

Stellt doch ein Denkmal auf

Mit dem Appell »Stellt doch wie in anderen Städten auch in Frankfurt endlich ein Denkmal auf« rannte sie bei Angelika Rieber offene Türen ein. Die Vorsitzende des Vereins »Projekt Jüdisches Leben in Frankfurt«, der im Rahmen der städtischen Besuchsprogramme für gerettete Kinder die Begegnungen mit Schülern organisiert, brachte das Vorhaben dann auf den Weg.Doris Stickler

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