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Vortrag

Wie viele Gottesdienste braucht das Land?

Foto: istock/ExcaliburDie Gesellschaft verändert sich. Wie soll die Kirche darauf reagieren? Soll alles beim Alten bleiben? Soll sie jeden Sonntagmorgen um 10 Uhr zum Gottesdienst einladen oder wollen die Menschen anders angesprochen werden? Peter Scherle (unten), Seminardirektor des Theologischen Seminars in Herborn, wünscht sich statt vieler Gottesdienste lieber Veranstaltungen mit mehr Tiefgang.

Rüsselsheim . Jeden Sonntag geht es morgens um 10 Uhr in die Kirche. Das war einmal. Das Leben der Menschen hat sich verändert und damit auch ihre Einstellung zum Kirchgang.

F eiern wir zu viele Gottesdienste? Diese Frage bildete den roten Faden zu der provokanten These im Impulsvortrag von Peter Scherle, den er bei einer Veranstaltung des Dekanats Groß-Gerau-Rüsselsheim hielt. Der Herborner Theologieprofessor gab darin Anregungen, worauf sich die Kirche in einer veränderten oder, wie er es nannte, »verflüssigten Gesellschaft« konzentrieren sollte.

Gesellschaften verändern sich

Regionen und Gesellschaften veränderten sich, sie werden zu einem »Raum der Ströme« – Ströme des Geldes, der Waren, des Verkehrs, der Daten und der Menschen, sagte Scherle. Dadurch seien sie weniger greifbar, sie verflüssigten das gesellschaftliche Leben in vielfältiger Hinsicht. Dies habe Auswirkungen auf das Erleben von Räumen, der Zeit, den sozialen und personalen Lebensentwürfen sowie die Erschließung von Themen. Parallel dazu verflüssige sich auch die Gestalt der Kirchen. Die Menschen bezögen sich in ihrem Glauben und ihrer Kirchlichkeit nicht auf Organisationsstrukturen, wie die Landeskirche oder ein Dekanat, sondern auf Orte wie Kirchen, Personen, die die Gemeinde repräsentieren, Situationen wie Taufe, Hochzeit oder Trauer oder auf bestimmte Themen, so Peter Scherle. Kirche muss also, schlussfolgert er daraus, ansprechbar sein – als Kirche vor Ort, im Chor, in Bibelkreisen oder im ehrenamtlichen Engagement wie beispielsweise für Flüchtlinge.

Unser Auftrag ist es, das Gotteslob zu sichern

Diese Veränderungen der Wahrnehmung habe Folgen. Scherle machte diese Veränderungen in Form von verschiedenen Thesen deutlich: Angesichts der gesellschaftlichen »Verflüssigung« werde die Kirche von einer reinen Mitglieder-Organisation zu einem Netzwerk der Gelegenheiten. Gelegenheiten für Mitgliedschaft, Zugehörigkeit, Teilhabe. Kirche sei also nicht mehr nur die Gemeinschaft der Getauften, die Menschen ließen sich nicht mehr eindeutig zuordnen.

Im Beten an die Grenze gehen

Im Gebet Jesu – dem Vaterunser – komme zur Sprache, was ein christliches Leben ausmacht: die Welt offen halten für Gott und Gott Gewicht geben in der Welt. Solches Beten präge das christliche Leben im Alltag und fordere die gesellschaftliche Praxis der Kirche heraus. Im Beten gehen wir an die »Grenze« der Wirklichkeit, sagte Scherle. Oder, wie es der Schweizer Theologe Karl Barth (1886-1986) einst sagte: »Beten ist eine Kampfhandlung«. Peter Scherle ergänzte: »Seufzen und verzweifelt sein ist die tiefste Form des Gebets.« Welche Schlüsse sind daraus zu ziehen? »Gott loben im Sozialraum – die Kirche als Netzwerk von Gelegenheiten wahrnehmen«, sagt Scherle. Diese Erkenntnis führte dann direkt zur These, dass wir – vielleicht – zu viele Gottesdienste feiern. Scherle: »Unser Gottesdienst geschieht in Zeiten, die sich ändern. Wie viel Gottesdienst braucht das Land? Hier antworte ich: Monatlich. Im christlichen Feierkalender haben folgende Zeitrhythmen traditionell einen Vorrang: der Morgen, die Woche und das Jahr. Doch die Zeiten haben sich geändert. Seit der Erfindung der elektrischen Beleuchtung ist der Abend kulturell immer wichtiger geworden. Leider habe sich keine nennenswerte wöchentliche liturgische Abendtradition entwickelt.«

Mehr geistige und geistliche Tiefe

Seit dem Wirtschaftswunder gebe es nicht nur einen Sonntag, sondern ein komplettes, manchmal sogar ein verlängertes Wochenende. Seit den 1970er Jahren heißt der Sonnabend Samstag und ist so nicht mehr vom Sonntag abhängig. Zeitgleich sei der Sonntag nicht mehr der erste Tag der Woche, an dem Jesus auferstand. Stattdessen beginne die Woche am Montag. Damit hänge der Hauptgottesdienst am Sonntagvormittag in der Luft. »Er ist nicht mehr das christliche Ritual zum Wochenanfang, sondern er finde mitten am Wochenende statt, welches den Familien zur Regeneration dient«. sagte Peter Scherle.

Einmal im Monat

Scherles Plädoyer für monatliche Gottesdienste heißt nicht, dass Gottesdienste ausfallen sollen, was kirchenrechtlich auch gar nicht möglich wäre. Mit anderen Formen des Gottesdienstes sind auch ausdrücklich nicht so genannte Event-Gottesdienste gemeint, sondern mehr geistige und geistliche Tiefe. Es könnten sich zum Beispiel benachbarte Gemeinden zusammentun und – ähnlich, wie die bereits bestehenden Sommerkirchen – im Wechsel gemeinsame Gottesdienste feiern, die ruhig auch mal einen ganzen Tag dauern können – mit gemeinsamen Essen, kulturellem Abschluss und einem Abendsegen. Peter Wagner/esz

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