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Andacht

Nichts für die Tonne

»Unser tägliches Brot gib uns heute« heißt es im Vaterunser – was man täglich braucht, achtet man

eyegelb/iStockEin Brot für die Welt.

esz / Nicole KohlheppUlf Häbel ist Pfarrer im Ruhestand und wohnt in Freienseen im Vogelsberg.

Brot wirft man nicht weg. Diesen Satz hat mir ein Lehrer vor fast 70 Jahren beigebracht. Ich ging damals mit 50 anderen Kindern in die erste Klasse der Volksschule des Dorfes Ewersbach. Der Lehrer hatte gesehen, dass ein Stück Brot im Papierkorb gelegen hat. Brot ist ein Grundnahrungsmittel. Brot ist ein Synonym für das, was man zum Leben unbedingt braucht. Das muss man wertschätzen und darf es nicht wegwerfen. Der Lehrer erzählte uns, dass viele Menschen das tägliche Brot entbehren müssen. Er erzählte uns davon, wie er als Soldat in der Kriegsgefangenschaft gehungert hat. Er erzählte von hungernden Menschen auf der Flucht. Wir haben ihm geglaubt – wir Kriegs- und Nachkriegskinder.

Heute wird in Deutschland fast die Hälfte aller Lebensmittel weggeworfen. Auch das Brot fliegt in die Mülltonne. Ein Bäcker hat mir erzählt, dass er noch eine Stunde vor Ladenschluss frisch gebackenes Brot in die Regale des Supermarktes bringen muss. Da muss immer alles voll sein, obwohl jeder weiß, dass kurz vor Ladenschluss kaum noch jemand frisches Brot einkaufen will. Am nächsten Tag ist es alt und wird weggeworfen.

Brot wirft man nicht weg. Es könnte am nächsten Tag meinetwegen zum halben Preis verkauft werden; es ist über Nacht ja nicht schlecht geworden. Die Einrichtung der Tafeln in vielen Städten ist ein guter Weg, Brot und andere Lebensmittel weiterzugeben statt sie zu vernichten.

Ich weiß, dass sich die Zeiten geändert haben von meiner Kindheit in der ärmlichen Nachkriegszeit zur heutigen Überflussgesellschaft, in der überflüssige Nahrungsmittel einfach wegfliegen. Mich stört diese Verschwendungssucht. Mich stört, dass das tägliche Brot nicht mehr wertgeschätzt wird.

Brot wirft man nicht weg. In Freienseen, dem Dorf, in dem ich jetzt lebe, gibt es ein paar Menschen, die altes oder hart gewordenes Brot sammeln und uns zum Verfüttern bringen. Wir haben ein paar Tiere – Hühner, Schweine, Hasen, Ziegen. An die verfüttern wir Essensreste und Brot. In der Scheune stehen Eimer und ein Korb dafür bereit. Ein paar Nachbarn, die alten Leute aus der Tagespflege, gelegentlich auch Kinder bringen uns was. Die Lebensmittel sollen ja nicht »zukommen«, wie man in Freienseen sagt. Als Futter für die Tiere sind sie nützlich und verwertet.

Vor dem Korb mit den Brotresten standen einmal unsere Enkelkinder und der Nachbarsjunge. Sie sind zwischen eineinhalb und sechs Jahren alt. Sie wühlten in den Brotkanten, verschiedenen Brötchen, Knäcke- und Toastbrot herum. Sie haben sich etwas herausgesucht, was sie selber essen wollten. Das wäre zum Wegwerfen zu schade, finden sie. Also wertgeschätztes Brot.

In der Küche habe ich dann den Kindern einen Holzteller gezeigt. Den hat uns ein Schreiner vor 28 Jahren zum Einzug in unser Haus geschenkt. Mit dunklen Buchstaben hat er in den Teller die Vaterunser-Bitte geschrieben: »Unser täglich Brot gib uns heute.« Seitdem hängt der Teller an der Wand. Und da bleibt er auch hängen als Erinnerung für uns und für die Enkelkinder: Brot soll man wertschätzen. Brot wirft man nicht weg.

Von Ulf Häbel

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