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Christsein weltweit


Der Glaube des Galiläers im Reich der Mitte

iStock.com/XinXingEin chinesischer Priester.Ein chinesischer Priester.

Kaum eine Kirche weltweit wächst so rasant wie das Christentum in China – dabei ist es schon 1500 Jahre alt • Von Annette Mehlhorn

Das Christentum in China boomt. Die Christen Chinas werden voraussichtlich bald die weltweit größte christliche Gemeinschaft sein. Und das in einem Land, das nicht gerade religionsfreundlich ist. Für die heutigen Herrscher im Reich der Mitte ist der christliche Glauben immer noch eine Fremdreligion. Ein Blick in die Vergangenheit des Christentums in China hilft, die Gegenwart zu verstehen.
Christentum trifft China – das ist eine bereits 1500 Jahre alte Geschichte. Sie verlief mal schiedlich-friedlich, in Blütezeiten wechselseitig höchst anregend und dann wieder als Zusammenprall der Kulturen. Die ersten christlichen Missionare erreichten das Reich der Mitte Anfang des 7. Jahrhunderts. Sie kamen aus Syrien und waren nestorianische Christen. In ihrer Heimat galten sie als Abweichler und Häretiker. So zogen sie mit den Händlern auf der Seidenstraße nach China. Dort wurden sie zunächst freundlich aufgenommen. Das währte gute 150 Jahre. Mitte des 9. Jahrhunderts verordnete ein Edikt des Kaisers von China die Schließung aller Klöster. Aktivitäten fremder Religionen waren fortan verboten.
Die zweite Missionierungswelle verdankt das Christentum den Mongolen. Sie eroberten China im 12./13. Jahrhundert. Wieder war es zunächst die assyrische Kirche des Ostens, die ihren Fuß ins Land setzte. Mehrere Prinzessinnen im Gefolge Dschingis Khans kamen aus dem Stamm der Kreaiten, der schon vorher christianisiert worden war. Bald wurde mit dem Bau von Kirchen und Klöstern begonnen. Unter dem besonderen Schutz des Groß-Khans schickten nun auch die Franziskaner aus Rom Missionare. Diese Ära endete blutig, als es mit der Herrschaft der Mongolen im 14. Jahrhundert vorbei war. Christen wurden verfolgt, fast alle Spuren der Kirche in China ausgelöscht.

Jesuiten am Hof des Kaisers von China

Eine Zeit besonderer interkultureller Fruchtbarkeit zwischen der alten Tradition Chinas und dem Christentum verdankt das Reich der Mitte dem Jesuitenorden. Franziskaner und Dominikaner hatten sich im 16. Jahrhundert erneut ins Land jenseits der Morgenröte vorgewagt.
Parallel kamen herausragende Persönlichkeiten der »Gesellschaft Jesu«, wie sich die Jesuiten nennen, nach China. Sie waren Meister der interkulturellen Kommunikation, begabt darin, den Menschen des Landes auf Augenhöhe zu begegnen. Das öffnete ihnen in Kürze die Tore zum Kaiserhof. Bis heute gelten sie in der katholischen Missionstheologie als die Begründer der Akkomodation, der Kunst der Anpassung.
Mit diplomatischem Geschick verstanden es die jesuitischen Missionare, die Eliten für sich einzunehmen. Sie erlernten Chinesisch und studierten die konfuzianische Lehre. Philosophie und Ethik des Konfuzius prägt seit Jahrhunderten die chinesische Einstellung zu Ehre und Einfluss.
Die Jesuiten kleideten sich wie Gelehrte des Kaiserhofes. Sie übernahmen deren Höflichkeitsformen und Rituale. Sie waren nicht nur hochgebildete Theologen. Zum jesuitischen Studium gehörte neben der Theologie eine zweite Wissenschaft, meist Astronomie, Geografie oder Mathematik – am Pekinger Palast hoch angesehene Künste.
Der Italiener Matteo Ricci, der Kölner Adam Schall von Bell und der Belgier Ferdinand Verbiest brachten es weit am Kaiserhof. Zwar gelang es ihnen nicht, die letzte Tabuzone rund um den Herrscher selbst zu durchbrechen. Doch ihr Handlungsspielraum und ihr Einfluss auf die Gelehrtenschaft im Palast waren enorm. Darum hatten sie bald auch erste Missionserfolge unter der Beamtenschaft und pflegten nahe Freundschaften mit einflussreichen Mandarinen. Das öffnete das Tor zur Missionierung der niedrigeren Schichten.
Ein innerkatholischer Streit bereitete der Blüte jesuitischer Mission ein jähes Ende. Zur Debatte stand die Frage, ob der traditionelle chinesische Ahnenkult heidnisch sei und mit der katholischen Lehre nicht vereinbar. Die Jesuiten verstanden die Ahnenverehrung kulturell, nicht religiös. Die verstorbenen Vorfahren zu verehren, entspreche der konfuzianischen Lehre. Das sahen die Jesuiten nicht als Konkurrenz zum christlichen Glauben. Konfuzianismus war für sie keine Religion, sondern eine Gesellschaftslehre und Philosophie.

Intrigen und Verketzerung unter Christen

Franziskaner und Dominikaner – in Europa zu jener Zeit Beauftragte der Inquisition – klagten die Jesuiten in Rom daraufhin der Ketzerei an. Nach einer Phase von Intrigen und Händeln verbot Papst Clemens XI. Anfang des 18. Jahrhunderts die Ahnenverehrung. Der chinesische Kaiser reagierte mit dem Verbot des Christentums. Die Kirche als Institution bekam bis ins 19. Jahrhundert keinen Fuß mehr auf chinesischen Boden.
Über die ganze Welt schwappte im 19. Jahrhundert eine Welle der Eroberung. Ihr Antrieb waren wirtschaftliche und politische Machtinteressen, aber auch kulturelle Neugierde und Abenteuerlust. Christliche Mission war nun zum ersten Mal im größeren Stil auch protestantisch. Sie segelte im Windschatten von Imperialismus und Kolonialismus.
Den europäischen Eindringlingen lieferten die Missionare oft das ideologische Futter und geistliche Mäntelchen für deren Eroberungszüge. Auf der anderen Seite trug das Christentum auch zu Entwicklung und Bildung bei, mancherorts sogar kulturell sensibel. In China war es schon im 18. Jahrhundert der britische Protestant Robert Morris, der sich durch seine Evangelisation im Dienst von ländlicher Entwicklung Anerkennung und Achtung erwarb. Sein Beispiel trieb den deutschen Abenteurer Karl Gützlaff als Missionar nach China. Er scheute sich nicht, sogar auf den Schiffen der Opiumbarone anzuheuern, um seine Ziele zu erreichen. Als Sprachgenie diente er der Verständigung zwischen Chinesen und Europäern.
Um die Kultur Chinas besonders verdient machte sich der Württemberger Theologe Richard Wilhelm. Er kam zwar als Missionar, verzichtete aber bald auf Bekehrungsversuche. Stattdessen widmete er sich mit Hingabe der Übersetzung großer Schriften der chinesischen Tradition. Er begann als Europas Missionar in China und wurde zu Chinas Missionar in Europa.
Wofür steht das Christentum im Vielvölkerstaat China? Ist es eine imperialistische Fremdreligion oder unterstützt es glaubwürdig die humanitäre Entwicklung der Gesellschaft? Unter dieser Frage liegt der Vulkan, auf dem die Kirchen Chinas bis heute tanzen.

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Im Osten geht die Sonne auf

Annette MehlhornDie größte Bibeldruckerei der Welt steht in Nanjing in China. Sie produziert Bibeln in allen Formen und Sprachen für den globalen Markt.Die größte Bibeldruckerei der Welt steht in Nanjing in China. Sie produziert Bibeln in allen Formen und Sprachen für den globalen Markt.

Das Christentum in China boomt – das finden inzwischen sogar die kommunistischen Machthaber praktisch • Von Annette Mehlhorn

Die Kirche voll bis auf den letzten Platz. Es ist weder Weihnachten noch Kirchentag, sondern ein ganz normaler Sonntag in ‧China. Warum ist christlicher Glaube für Chinesen so attraktiv?
Sonntagmorgen. U-Bahnhof Hengshan Road in Shanghai. Besuch im chinesischen Gottesdienst in der Guójí lĩbàitáng, der internationalen Kirche. Schon auf der Treppe der Metrostation grüßen die Vorboten, die es in der Nähe jeder Kirche gibt: Fliegende Händler haben Kreuze und Schmuck mit christlichen Motiven ausgebreitet. Auf Karren verkaufen andere die Ausstattung und Accessoires, die in China jeder gesittete Gottesdienstbesucher bei sich haben sollte: Tücher, Fächer, Taschentücher, Handschuhe, Strümpfe und Strumpfhosen. Der Weg ist von Bettlern gesäumt.
Scharen von Gläubigen streben der Kirche zu. Es ist 9.30 Uhr. Der Gottesdienst beginnt erst in einer halben Stunde. Aber die Kirche ist bereits voll. Ein Heer von Ehrenamtlichen weist den Weg in eine der Seitenkapellen. Dorthin wird der Gottesdienst per Video übertragen. Als Ausländer haben wir das Privileg, Sitze am vorderen Rand der Empore des Hauptschiffs zu erhalten. Dort können wir über Kopfhörer den Gottesdienst in Simultanübersetzung verfolgen.

Der Ansturm ist größer, als die Kirchen fassen können

Eine Helferin begleitet uns zu unseren Plätzen. Sie gibt uns ein Liedblatt mit der Liturgie und den Texten in englischer Sprache, eine englischsprachige Bibel und ein zweisprachiges Gesangbuch. Alle 800 – 1000 Plätze der Kirche sind besetzt. Ein Pfarrer und eine Pfarrerin leiten den Gottesdienst. Im Gestühl des Altarraums sitzen zwei Chöre in liturgischen Gewändern und zehn Liturgen in weißen Alben. Sie werden später in geübter Choreographie das Abendmahl zu den Gläubigen in die Reihen bringen.
Übersetzung auf Englisch, das gibt es nicht überall. Aber ansonsten ist das, was wir hier erleben, sonntäglicher Alltag in chinesischen Kirchen. Sie sind immer voll. Oft ist der Ansturm größer, als die Gotteshäuser verkraften können. Darum gibt es in vielen Kirchen zwei bis drei Gottesdienste am Sonntag, häufig zusätzlich noch einen samstags am Morgen und Abend. Zu einer Kirche wie der Guójí-Kirche gehören 5000 bis 7000 Gläubige. Das mehrköpfige Pfarrteam ist ständig im Einsatz. Es wird von Laienpredigern, neben- und ehrenamtlichen Kirchenmusikern sowie einem großen Stab Ehrenamtlicher unterstützt.
Ähnlich sieht es in katholischen Kirchen aus. Auch die nicht registrierten Hausgemeinden, die sich in Hallen oder leerstehenden Gebäuden treffen und die manche als Untergrundkirche bezeichnen, haben großen Zulauf. Gelegentlich hört oder liest man, dass staatliche Kräfte versuchen, solche nicht genehmigten religiösen Versammlungen zu unterbinden.
In China unterstehen alle religiöse Aktivitäten der staatlichen Religionsbehörde SARA. Diese will auch nicht registrierte religiöse Gemeinschaften unter ihre Kontrolle bekommen. Zu ihnen gehört die ökumenische Deutschsprachige Christliche Gemeinde Shanghai (DCGS), als deren evangelische Pfarrerin ich in Südchina unterwegs bin. Auch uns könnte man zu den illegalen, weil nicht registrierten Gemeinden zählen.
Als Geistliche aus dem Ausland bekomme ich in China keine Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung. Meine Arbeitgeberin ist die Stadt Hamburg. Für deren Büro bin ich als interkulturelle Projektmanagerin zur Pflege der Städtepartnerschaft angestellt. Die Behörden sind über meine Arbeit als Pfarrerin im Bilde. Mein Partner ist der Shanghaier Christenrat, die offizielle, registrierte chinesische Kirche. Durch diese Verbindung kann ich mich mit den Behörden darüber verständigen, welche Spielräume unserer Gemeinde eingeräumt werden.

Yin und Yang – Harmonie geht über alles

Religion steht nach chinesischem Gesellschaftsverständnis im Dienst der herrschenden Ordnung. Das gilt nicht erst, seit die kommunistische Partei das Land regiert. Das wurde auch früher so gesehen. Es entspricht dem hierarchischen Gesellschafts- und Familienbild der konfuzianischen Philosophie. Christentum trägt zur Gemeinschaft, zu Wertebildung und diakonischer Tätigkeit bei – das haben die aktuellen Machthaber längst erkannt.
Harmonie ist das erklärte Leitprinzip des Zusammenlebens in China. Es entspricht dem asiatischen Weg, weniger in Gegensätzen als in komplementären Ergänzungen zu denken (»Yin und Yang«). China erlebt seit einem Jahrhundert eine der heftigsten Krisen seiner Geschichte. Das Land modernisiert sich rasant. Dabei wurde vieles, was zum Traditionsbestand seiner reichen und hoch entwickelten Kultur zählt, an den Pranger gestellt und ausgemerzt. Dazu gehörten über mehrere Jahrzehnte neben dem Konfuzianismus die fünf heute offiziell anerkannten Religionen des Landes: Daoismus, Buddhismus, Islam, Protestantismus und Katholizismus.
1979 hat Deng Xiaoping China geöffnet. Seitdem wird vorsichtig gegengesteuert. Die Schätze der Kultur und die alten Werte sollen wieder zur Geltung kommen. Doch sie wurden jahrzehntelang verunglimpft und brutal vernichtet. Die Uhr ist nicht auf einmal zurückzudrehen. Zudem hat der Wirtschaftsaufschwung die Gier nach Erfolg und Geld geweckt. Der Sinn für Gemeinschaft bleibt dabei häufig auf der Strecke. Das macht es schwer, Halt und Orientierung zu finden.
Die kommunistische Partei versteht sich weiterhin als atheistisch. Doch ihr Führungskader hat erkannt, dass christlicher Glaube die Lebenszufriedenheit erhöht und die Bereitschaft steigert, sich konstruktiv in den Modernisierungsprozess des Landes einzubringen. Dies soll jedoch »auf chinesische Weise« geschehen, also ohne Einmischung von außen.
In diesen Tagen begeht die offizielle chinesische protestantische Kirche das 60. Jubiläum der »Drei Selbst Bewegung«: Finanziell, strukturell und inhaltlich will die Kirche unabhängig von Fremdeinflüssen sein. Gemeint ist damit die Unabhängigkeit von ausländischen Einflüssen. Mit ihren Feiern der »Drei Selbst« kommt die protestantische Kirche den Forderungen der chinesischen Regierung entgegen, das Christentum zu »sinisieren«. Die katholische Kirche mit ihrem staatlich anerkannten Arm der »Patriotischen Vereinigung« hat es mit solchen Nachweisen schwerer. Ihr »Regierungschef« ist ein Externer: der Papst in Rom.

Christentum als Weg zum persönlichen Glück

Die Gemeinschaft kommt vor dem einzelnen Menschen. Das gehört zum Traditionsbestand der chinesischen Kultur und Geistesgeschichte. Das Verständnis von Recht und Gerechtigkeit orientierte sich weniger am Einzelnen als an hierarchischen und dynastischen Vorstellungen. Inzwischen hat die Individualisierung allerdings auch in China Einzug gehalten. Christlicher Glaube erscheint für immer mehr Menschen als Weg zu persönlichem Lebensglück. Die Kirchen bieten mit ihren familienartigen Sozialstrukturen einen Ausgleich für verloren gegangene Kollektivstrukturen.
Christliche Werte geben Halt und Orientierung in einem stark materialistischen Umfeld. Ob und in welchem Maß christliche Lebenspraxis mit den Interessen der herrschenden Mächte kompatibel ist, wird ständig neu ausjustiert. Es ist offen, wie die christliche Wertschätzung des Einzelnen und seiner Verantwortung in einer explizit chinesischen Ausprägung des Christentums entfaltet wird.

Annette Mehlhorn ist Pfarrerin der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau und seit 2013 in die deutschsprachige christliche Gemeinde in Shanghai entsandt.

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»Den Sprung machen und glauben«

Nils SandrisserBettina Opitz-Chen geht für ein Jahr nach Taiwan und zeigt zuvor die Johanniskirche, durch deren Boden sich die Archäologen graben.Bettina Opitz-Chen geht für ein Jahr nach Taiwan und zeigt zuvor die Johanniskirche, durch deren Boden sich die Archäologen graben.

Eine Mainzer Pfarrerin wagt nach ihrer Pensionierung den Schritt in die Ferne: Sie geht nach Taiwan und unterrichtet dort angehende Pfarrer

Bettina Opitz-Chen ist frisch von ihren Aufgaben als Pfarrerin der Mainzer St. Johanniskirchengemeinde entbunden. In einigen Tagen fliegt sie nach Taiwan. Dort übernimmt sie für ein Jahr einen Lehrauftrag des Tainan Theological College. Zum Interview zeigt sie die Johanniskirche, durch deren Geschichte sich gerade Archäologen wühlen, und serviert taiwanesischen Pflaumentee. Den trank Nils Sandrisser, als er mit Opitz-Chen sprach.

? Frau Opitz-Chen, Sie sind auf dem Sprung nach Taiwan. Was haben Sie dort genau vor?

Bettina Opitz-Chen: Ich will mir Klarheit verschaffen über das Wesen des Schamanismus, über die Weisen, wie die Schamanen zum Beispiel mit den Störungen durch andere Mächte umgehen. Die religiösen, nicht-christlichen Taiwaner gehen ganz selbstverständlich zum Schamanen in den Tempel, zu ihrem lokalen Gott. Wenn man da dabei ist, denkt man sich: Altes Testament live. Der Schamane ist wie hier der Pfarrer. Der geht mit Kräften um, von denen wir sagen, die gibt's gar nicht. Hier gibt es eine oberflächliche Ähnlichkeit mit der im Evangelium zugesagten Vollmacht der Jünger, die Leiter und Geist-Begabte in den charismatischen Kirchen wahrnehmen. Das Neue und auch Gefährliche in der Presbyterianischen Kirche ist, dass Pfarrer in Taiwan diese Vollmacht im Heiligen Geist annehmen, unter dem Konkurrenzdruck des Schamanismus. Mir geht es um die Unterscheidung der Geister.

? Sprechen Sie Chinesisch?

Opitz-Chen: Nein, aber Taiwanesisch. Diese Sprache wurde von der Regierung Chiang Kai-sheks verboten, der mit seinem Heer 1949 vor den Kommunisten geflohen war und Taiwan zu seinem Reich gemacht hatte. Das, was wir Chinesisch nennen, ist nichts anderes als der Dialekt, den die chinesischen Eroberer sprechen. Taiwanesisch ist erst seit rund 15 Jahren wieder geduldet, von der jungen Generation vergessen, nur in der Presbyterianischen Kirche erhalten, nur dort zu lernen.

? Wie ist es um das Christentum in Taiwan bestellt? Ist es eine wachsende Religion?

Opitz-Chen: Nein. Gerade drei Prozent der Taiwaner sind Christen, aber die Zahl bleibt stabil, Die Calvinisten, die Presbyterian Chuch of Taiwan, sind die stärkste und einflussreichste Konfession. Deren Professoren haben früher in Edinburgh und Princeton ihre akademischen Titel erworben, tun das jetzt aber auch in Asien. Die Situation in Taiwan ist also anders als in Südkorea, wo das Christentum als charismatische Kirche einen unvergleichlichen Boom erlebte, aber derzeit implodiert.

? Wie unterscheidet sich Religion in Europa und in Asien?

Opitz-Chen: Die europäischen Länder, die durch die Aufklärung gegangen sind, versuchen, die Religion rational zu erklären. Der Rationalismus hat lange dominiert. Aber damit erfasst man ja nicht Dinge wie die Mystik oder den Heiligen Geist. Man muss schon einmal den Sprung machen und glauben. In den asiatischen Ländern reißt nicht der Graben zwischen Glauben und Wissenschaft auf – dass Religion mit dem zu tun hat, was unseren Verstand übersteigt, gilt ja gerade als Kennzeichen von Religion. ‧Bischof Wolfgang Huber hat das treffende Wort von unserer Selbstsäkularisierung geprägt. Das ist bedingt durch unsere theologische Ausbildung aber auch durch die unangemessene Furcht, auch die noch zu verlieren, die noch in den Gottesdienst kommen.

? Sie waren in den 1980er Jahren schon für fünf Jahre in Taiwan. Was hat sich seither in dem Land verändert?

Opitz-Chen: Als ich zuerst dort war, war es eine Diktatur der Kuomintang, die 1949 von China herüberkamen. Die damalige Regierung hielt sich für die einzig rechtmäßige, auch über das Festland China. Es herrschte Notstandsgesetzgebung. Die jetzige Regierung hat Taiwan nach China geöffnet und zielt auf one country, two systems, bei einer wachsenden Angst der Taiwanesen, dass dies zu ihrem Nachteil geschieht. Eine junge Generation wächst heran, die sagt: Wir müssen der Regierung auf die Finger schauen. Der Bildungsstand ist hoch, das politische Engagement ist äußerst diszipliniert, man ist sich der Gefahr der chinesischen Übermacht bewusst. Wirtschaftlich geht es seit der Öffnung des Landes zu China in den 1990er Jahren bergab, weil die großen Firmen nach China gezogen sind. Taiwanesische junge Männer gehen mittlerweile wegen der Arbeitslosigkeit in der Heimat nach ihrem Universitätsabschluss als Gastarbeiter für zwei Jahre in die Schlachthäuser von Australien.

? Und was hat sich bei den Kirchen getan?

Opitz-Chen: Die Presbyterianische Kirche ist weiterhin die stärkste und auch einflussreichste Konfession, die Calvinisten haben einen hohen Bildungsstand, ihr Kennzeichen von Beginn der schottischen Mission an. Die Welle der charismatischen Kirchen, die derzeit um die Welt geht, ist dort auch angekommen. Hier liegt für mich das spannende Phänomen, die verborgene Linie zwischen Magie und Vollmacht durch das Wirken heiliger Geiste ist zu beobachten, also die Unterscheidung der Geister, die dort wie hier bei uns so nötig ist und geübt werden muss.

? Was steht dort an theologischen Themen im Mittelpunkt?

Opitz-Chen: Für meine Lehrveranstaltungen bringe ich die Themen mit, die derzeit auch in der Ökumene weltweit dran sind. Die Zerstörung der Schöpfung zum Beispiel. Hier bei uns in der alten Stätte des Christentums sah man den Menschen meist nur in Bezug zu Gott und zum Mitmenschen. Dort in Taiwan ist die Naturzerstörung auch im vollen Gange, aber die heimischen Religionen, der Buddhismus und der Taoismus, tragen in sich die Weisheit zum guten Umgang mit der Welt, die sie aus deren Sicht nicht Schöpfung nennen, weil sie keinen Schöpfer kennen. Aber sie kennen die Geistigkeit der Elemente, das Qi in allen Dingen. Diese Weltsicht hilft, gemeinsam mit der christlichen Sicht der Welt als Schöpfung, Wege der Bewahrung gemeinsam zu gehen. Der calvinistische Leistungsgedanke deckt sich ganz leicht mit dem konfuzianischen Gedanken, etwas im Leben erreichen zu müssen, sichtbaren materiellen Erfolg haben zu müssen. Der Gedanke des Aussteigens oder einfachen Lebensstils ist völlig fremd in einem Land ohne soziales Sicherheitsnetz. Im Erfolg zeigt sich der Segen Gottes.

? Das klingt nach dem Klischee, das man hier von den arbeitsamen Tigerstaaten hat.

Opitz-Chen: Der tiefste Wert in Taiwan ist es, die Eltern zu ehren. Das tust du am besten, indem du Erfolg hast, materiell für deren Alter vorsorgst. Der Calvinismus passt ganz wunderbar dazu. Man ersetzt die Ehre für die Eltern einfach durch die Ehre für Gott. Wenn du dein Examen bestehst, dann ehrst du damit Gott, die höchste Christenpflicht aus calvinistischer Sicht. Das passt zur konfuzianischen Tugend, die besagt: Du musst immer dein Bestes geben. In Taiwan ist das noch stärker erhalten als im kommunistischen China, wo Mao die konfuzianische Ethik samt aller geistiger Tradition und Kunst durchs Klo gespült hat, was damals in meiner Studienzeit von den Achtundsechzigern als Kulturrevolution bejubelt wurde. Mao befindet sich derzeit in der Phase der Vergottung. Dieser Wahnsinns-Materialismus in China ist die Folge davon, dass die Ethik verschwunden ist. Übrig bleibt ein chinesischer Kommunismus, der nur aus Gier besteht.

? Was nehmen Sie aus Ihrer Gemeindearbeit hier in Mainz mit, was Sie dort brauchen können?

Opitz-Chen: Aus dem Gemeindeleben und Verständnis fast nichts. Ich gehe ja dort nicht in eine Kirchengemeinde, sondern habe einen Lehrauftrag. Ich bin also mit Leuten zusammen, die Pfarrer werden wollen. Und da muss ich natürlich erst schauen, ob ich hier gemeindliche Erfahrungen gemacht habe, die ich dort brauchen kann. Hier war mein Thema das Evangelium und New Age, das Unterscheiden der Geister. Das ist dort kein vorrangiges Thema, sondern eher Heiliger Geist, Pfarrer und Schamane. Die Vermischung ist eine andere. Es ist wohl aber eher so, dass ich von dort Einsichten hierher mit‧bringe.

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In der Welt zu Hause

Sybille und Kurt MaderFür Neuankömmlinge überwältigend: Die Skyline von Shanghai. Die deutschsprachige Gemeinde hilft, in der Megapolis heimisch zu werden.

Von Abano bis Wladiwostok bieten deutschsprachige Auslandsgemeinden ein Stück Heimat • Von Annette Mehlhorn

Deutsche im Ausland leben oft wie in einer Parallelgesellschaft: Sich im Gastland zu integrieren, ist nicht leicht. Das Leben in der Fremde ist teils faszinierend, teils befremdend. Was Heimat ist, gewinnt neu an Bedeutung. Deutschsprachige Auslandsgemeinden bieten Bezugspunkte, um sich der eigenen Identität zu vergewissern – einschließlich des eigenen Glaubens.
Sie ziehen nach Shanghai?«, fragt eine Rüsselsheimer Konfirmandenmutter. »Das beruhigt mich. Als meine Schwester vor einem Jahr dorthin aufbrach, haben viele sie für verrückt erklärt.« Bemerkungen wie diese bekam ich viel zu hören, als ich erzählte, dass ich als Pfarrerin nach China entsandt werde. Es war wie Fanpost: Die Tochter, die Tante, der Sohn, eine befreundete Familie, bei manchen gar Vorfahren in der dritten Generation – überall im Rhein-Main-Gebiet scheint es Menschen zu geben, die im nächsten Verwandten- oder Freundeskreis jemanden kennen, der oder die in Shanghai lebt.
Bevor ich vom Probegottesdienst aus der Megacity am Huangpu-Fluss zurück war, wusste man in Rüsselsheim bereits, dass ich gewählt war. Denn natürlich gab es in der Deutschsprachigen Christlichen Gemeinde in Shanghai Gottesdienstbesucher, die Menschen in Rüsselsheim kannten.
So ist das in Shanghai: Alle großen deutschen Firmen haben dort einen Sitz. Fachpersonal, das sie vor Ort nicht finden können, holen sie aus der Heimat. Ähnliches gilt für andere deutschsprachige Auslandsgemeinden. In ihnen sammeln sich Menschen aus allen Teilen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz.
Unsere globalisierten Zeitgenossen sind Nomaden. Im Rhein-Main-Gebiet ist das unverkennbar und unüberhörbar. Umgekehrt sind auch die Deutschen längst in aller Welt unterwegs: als Touristen und sonnenhungrige Winter-Aussiedler. In den bei Deutschen beliebten Urlaubs- und Rentner-Resorts am Gardasee, auf Ischia, den Kanaren, Mallorca und in Südspanien werden neben gewohnten Speisen und Getränken auch Gottesdienste in deutscher Sprache serviert.

»Expatriates« oder nur »Expats«

An anderen Orten sammeln sich deutschsprachige Gemeinden, weil sie schon Generationen vorher ausgewandert sind. In Australien, Brasilien und Kanada, aber auch in der Türkei blicken die Gemeinden bisweilen auf eine über hundertjährige Geschichte zurück. Vor allem aber halten sich Deutsche heutzutage oft nur für kurze Zeit als Arbeitsmigranten in anderen Ländern auf. Sie werden »Expatriates« oder nur »Expats« genannt: Menschen »außerhalb des Vaterlandes«. Hoch qualifizierte Ingenieure und Ingenieurinnen, Wirtschaftsfachleute, Berater, diplomatisches Personal und Medienvertreterinnen siedeln mit ihren Familien für zwei bis drei Jahre an den vom Arbeitgeber bestimmten Einsatzort in Dubai, Teheran, Moskau, Tokyo oder Shanghai.

Für die einen Schlaraffenland. Andere erleben die Hölle.

Sie finden dort deutsche Schulen, eine deutsche Außenhandelskammer, ein deutsches Generalkonsulat, deutsche Kulturvereinigungen, deutschsprachige christliche Gemeinden, deutsche Konsumgüter und deutschsprachige Service-Angebote, die ihnen das Leben in der Fremde erleichtern sollen. Als Ausgleich für viele zusätzliche Belastungen im Auslandsdienst bieten ihnen die Firmen bevorzugte Bedingungen. Neben einem vervielfachten Gehalt erhalten sie Fahrzeuge mit Fahrern, Schulgeld, großzügiges Wohnumfeld mit Haushaltspersonal und diverse Vergünstigungen für die mitreisende Familie.
Für manche wird diese Zeit zum Aufenthalt im Schlaraffenland. Andere erleben die Hölle: frustrierte Ehefrauen, permanent arbeitende, manchmal auch fremdgehende Männer. Kinder, die mit den besonderen Bedingungen nicht klarkommen, Kollisionen mit der Kultur des Gastlandes, zerbrechende Familien.
Wieder andere haben sich schon längst an das Nomadentum gewöhnt. Sie ziehen von Land zu Land, von Kontinent zu Kontinent. Für sie ist es normal, Familienurlaub, Klassenfahrt oder Praktikumszeit abwechselnd in Vietnam, Thailand oder Malaysia, Brasilien, Costa Rica oder Panama zu verbringen.
Zur seelsorgerlichen Unterstützung und geistlichen Begleitung dieser höchst unterschiedlichen deutschen Gemeinschaften entsendet die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) rund 100 Pfarrer und Pfarrerinnen in die ganze Welt. Die katholische Kirche tut das ähnlich. Das deutsche Außenministerium und seine verlängerten Arme, die deutschen Botschaften und Generalkonsulate, schätzen diesen Dienst. Er hat Bedeutung für die Vermittlung deutschen Kulturguts und der oft dringend notwendigen Unterstützung deutscher Staatsbürger in Krisenfällen.
Deutsche Unternehmen und Handelskammern freuen sich über die geistliche und seelsorgerliche Begleitung ihres stark beanspruchten Personals. Interventionen und Reflexionen im Blick auf ethische Fragen im Globalisierungsprozess werden ebenfalls durchaus offen aufgenommen. Für die EKD gelten die Pfarrerinnen und Pfarrer im Auslandseinsatz als Botschafter, die vor Ort auch die ökumenischen Kontakte zu den einheimischen Kirchen pflegen. Dort arbeiten sie oft Hand in Hand mit den Entsandten der Missionsgesellschaften oder den Partnerorganisationen in der Entwicklungshilfe, zum Beispiel in den Projekten, die »Brot für die Welt« unterstützt.

Willkommen und Abschied ist viel geübter Alltag

Am Einsatzort finden die Entsandten Gemeindesituationen und Anforderungen vor, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Die einen kommen in ein vertrautes Modell von Gemeinden mit Kinder- bis Seniorenarbeit, Taufen, Trauungen, Beerdigungen und den üblichen Gebäude- und Finanzierungsfragen. Gemeinden wie in Shanghai dagegen unterliegen einem ständigen Wandel. Willkommen und Abschied ist dort viel geübter Alltag. Kaum ist man ein wenig vertraut geworden, geht es weiter zum nächsten Einsatzort oder zurück nach Deutschland.
An deutschen Kirchensteuermitteln erhalten die Auslandsgemeinden meist nicht mehr als einen Anteil am Pfarrgehalt. Alle übrigen finanziellen Mittel müssen sie selbst aufbringen. Wer in Deutschland Kirchenmitglied ist, gehört nicht automatisch auch zur deutschsprachigen Gemeinde im Ausland. Darum muss eine Auslandsgemeinde im Wortsinn ansprechend sein und ihre Mitglieder aktiv gewinnen.
Durch die Brille dieser Gemeinden blickt man in mancher Hinsicht wie durch ein Fernglas in die Zukunft der deutschen Kirchen. Im fremden Umfeld des Gastlandes verdichten sich Fragen und Probleme der Zeit. Zugleich wird dort besonders deutlich, welchem Bedarf eine kleiner und ärmer werdende, zugleich aber interkulturell und ökumenisch für das jeweilige Umfeld offene und flexible Kirche entsprechen muss, um ihrem Auftrag gerecht zu werden.
Der kollegiale Austausch wird im Auslandsdienst zu einem kostbaren Gut, um das ständig gerungen werden muss. Er bedeutet einen erhöhten Aufwand an zeitlicher Abstimmung, Fahrtkosten und Fantasie im Blick auf die Nutzung medialer Möglichkeiten. Einmal im Jahr versammeln sich die Entsandten einer Region zu drei- bis fünftägigen Regionalkonferenzen an einem der Einsatzorte. Eine Region umfasst beispielsweise den gesamten fernöstlichen und pazifischen Raum.

 Botschafter für reformatorische Kirche

Im Juli fand die EKD-Weltkonferenz der Auslandspfarrerinnen und -pfarrer in Berlin statt. Sie schenkte den Beteiligten in Andachten, Foren und Arbeitsgruppen einen Blick in die Hoffnungen und Sorgen der ganzen Welt. Mit der neuen EKD-Auslandsbischöfin Petra Bosse-Huber und dem Ratsvorsitzenden der EKD, Nikolaus Schneider, waren zugleich Anliegen und Unterstützung der Kirche in Deutschland präsent. Im Vorblick auf das Jubiläumsjahr 2017 sind die Auslandspfarrerinnen und -pfarrer als Botschafter einer reformatorischen Kirche weltweit unterwegs. Seelenheil kann man sich und muss man sich nicht verdienen. Wir bekommen es allein aus Gottes Gnade geschenkt. Das zu leben und zu bezeugen, hat in Auslandsgemeinden seine eigene Herausforderung und Faszination. 

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