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Wohnwagen

Am Rande der Metropole

Foto: eöa/Rolf OeserEinst waren es nur Wohnwagen, mittlerweile haben sich die Bewohner der Wohngemeinschaft Bonameser Straße in Frankfurt kleine Häuschen gebaut.

Frankfurt. Es sind die meisten Frankfurter, die die Wohnanlage Bonameser Straße kennen. Vom Hörensagen. Die wenigsten Frankfurter waren wohl tatsächlich dort auf diesem bunten Fleckchen mit seinen Bewohnern, die so anders ticken als der durchschnittliche Frankfurter.

E ine Wohnung ist was Feines, das ist keine Frage«, sagt Karl Klein. In einer Wohnung habe er sich mit seiner Familie wohlgefühlt. Aber in der Wohngemeinschaft Bonameser Straße, da fühle er sich zu Hause. Und deshalb ist der Schausteller nach einer Stippvisite in einer Mietwohnung wieder zurückgekehrt in seine Wohnwagensiedlung. Wie dem 56-jährigen Karl Klein geht es vielen, die einmal auf diesem besonderen Platz am Rande der Rhein-Main-Metropole gelebt haben. Die Stadt und ihre restlichen Bewohner selbst tun sich schwer mit dieser außergewöhnlichen, bunten Truppe.

Ein Wagen nach dem anderen

Es ist kurz nach Kriegsende, als sich Schausteller, Reisende und Zirkusleute Abstellplätze für ihre Wohnwagen in Frankfurt suchen. Auf Beschluss der Stadtverordnetenversammlung 1953 sollen sich alle Wagen auf einem städtischen Gelände an der Bonameser Straße am nördlichen Ortsausgang von Eschersheim sammeln. Dass es dort keinen Strom gibt, sieht die Stadt weniger als problematisch an. Sie sieht das Ganze ohnehin nicht als längerfristiges Projekt. Bereits sechs Jahre später kündigt die Stadtverwaltung eine Räumung des »Wohnwagenstandplatzes« innerhalb der nächsten 48 Monate an. Zu diesem Zeitpunkt leben 750 Einwohner auf dem »Platz«, wie sie ihr Zuhause selbst nennen. Es sind Artisten wie die Mutter Karl Kleins, Zirkusleute, Schausteller, Schrottsammler und wenige Sinti sowie Roma. Das Lager wird nicht geräumt. Doch es bleibt der Stadt ein Dorn im Auge.

Diakonie engagiert sich für die Menschen

Für die Diakonie Frankfurt ist die Wohnanlage Bonameser Straße eines ihrer ältesten Projekte. Doch während heute mit Sonja Keil den Bewohnern eine Sozialarbeiterin und Soziologin zur Seite steht, die die Bewohner stärkt, ihnen zuhört und ihnen Hilfen anbietet, war dies früher anders. Lange galt in Frankfurt die Devise: Das Quartier muss weg. »Wir haben versucht, das Quartier wegzuentwickeln, den Bewohnern versucht zu helfen, Wohnungen zu finden, damit sie das Quartier verlassen«, sagt Diakonie-Chef Michael Frase. Der Erfolg hielt sich in Grenzen. Denn den meisten Menschen ging es wie Karl Klein. Die Wohnanlage ist ihr Zuhause, hier erleben sie Geborgenheit und Gemeinschaft.

Und nun ein Buch

Auf Seiten der Kirche hatte sich nach und nach die Erkenntnis durchgesetzt: »An der Bonameser Straße gibt es ein Wohnquartier, das so ist, wie es ist«, sagt Frase. Fortan berate und begleite die Kirche die Menschen. »Die Lebenswirklichkeit ist erhaltenswert«, so der Diakonie-Chef. Und nun präsentiert die Kirche eine Dokumentation über die Wohnanlage.

Geschichten, die berühren

Sonja Keil, seit fünf Jahren als Sozialarbeiterin für die bunte Truppe an der Bonameser Straße zuständig, hat das Buch geschrieben. Dafür hat sie alte Fotos und Dokumente gesichtet und vor allem mit den Bewohnern selbst gesprochen und ist froh, dass diese ihr vertraut haben. »Mich berühren die Geschichten der Menschen sehr,« sagt Keil. »Sie alle haben Ausgrenzung und Diskriminierung erlebt. In wohl keiner Familie wurde nicht wenigstens ein Mitglied von den Nationalsozialisten verfolgt und ins Konzentrationslager gebracht«, fügt Keil an. Noch heute fällt hier und da der Begriff »Zigeunerlager«.

Einen Dialog in Gang setzen

Sonja Keil wünscht sich, dass ihr Buch einen Dialog in Gang setzt. Dass die Menschen akzeptiert werden. »Die meisten Frankfurter haben schon ihre Kinder auf ein Karussell gesetzt oder Mandeln bei einem Menschen aus der Bonameser Straße gekauft, doch immer noch fehlt das Verständnis für sie«, sagt Keil. Es sei aber auch wichtig, dass die Stadt offen für Gespräche sei, fügt Frase an. »Wir sitzen auf einem Pulverfass«, sagt Klein. Immer wieder gebe es Ärger mit der Wohnheim GmbH. Immer wieder fühlten sich die Bewohner unter Druck gesetzt: Ein Zuzug sei verboten, Straßennamen gebe es nicht, bis heute hätten die Bewohner keine Miet-, sondern nur Nutzungsverträge für ihre Parzellen, auf denen sie zum Teil seit 50 Jahren lebten. Und legal ist die Wohnanlage bis heute nicht. Frase fordert von der Stadt eine politische Klärung. Wie es in Zukunft weitergehe, dürfe nicht der Wohnheim GmbH überlassen werden.

Stefanie Bock

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