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Bestattung auf dem Dorf

Ein ganz anderes Protokoll

JUGENHEIM. Als Christina Weyerhäuser Vikarin in der Stadt war, wunderte sie sich, dass die Bestattungsrituale dort so ganz anders waren als in ihrem Heimatdorf. Eine Idee für eine Doktorarbeit – aber auch auf dem Land ändern sich die Sitten.

Foto: Judith KesslerVoreilige Schlüsse will Christina Weyerhäuser mit ‧ihren Forschungen nicht ziehen.

Was ist das Besondere an Bestattungen auf dem Land? Diese Frage treibt Christina Weyerhäuser in ihrer Doktorarbeit »Die Bedeutung der Bestattungspraxis in den Veränderungen der spätmodernen Lebenswelt des Dorfes« um. Waren Beerdigungen auf dem Land früher ein Großereignis und Erdgräber die Regel, finden Beisetzungen heute im immer kleineren Kreis statt und auch auf Dorffriedhöfen halten alternative Bestattungsformen wie Urnenwände und anonyme Gräberfelder Einzug. Hinter dem etwas sperrigen Titel verbirgt sich auch die Frage nach einem möglichen Bedeutungsverlust von Beerdigungen.

Glockenläuten: auf dem Land obligatorisch, fehlt in der Stadt

Angefangen hat für Weyerhäuser alles mit der Erkenntnis, dass Städter ihre Toten anders unter die Erde bringen als Dorfbewohner. Während ihres Vikariats in Bingen kam die gebürtige Saul heimerin zum ersten Mal mit Beerdigungen in der Stadt in Berührung. Hier setzen Todesfälle ein ein anderes Protokoll in Gang als in ihrem rheinhessischen Heimatdorf –und das hat sie gereizt. Nicht nur das auf dem Land obligatorische Glockenläuten, das einen Trauerfall im Ort publik macht, fehlte hier. »Wer wann kondoliert, wer wo in der Leichenhalle sitzt, wer hinterher mit zum Trauerkaffee geht, dass dem Verstorbenen im Sonntagsgottesdienst in einer Fürbitte gedacht wird – das sind alles Rituale, die in meiner Wahrnehmung absolut selbstverständlich waren«, skizziert sie den Unterschied zwischen Stadt und Land.

Aber auch in ihrem zuletzt auf 7630 Einwohner angewachsenen Heimatort beginnen die Traditionen zu bröckeln: Statt der ganzen Dorfgemeinschaft nehmen immer häufiger nur noch die nächsten Angehörigen Abschied. Immer mehr Hinterbliebene wollen die Trauerfeier individuell gestalten, auf dem Weg zum Grab läuft Xavier Naidoo statt Paul Gerhardt. »Das kann man schade finden, muss man aber nicht«, enthält sich die Theologin mit Bedacht einer Wertung.

Keine voreiligen Schlüsse

Dabei hebt die 30-Jährige vor allem auf die gestiegene Einwohner-Fluktuation auf dem Land und höhere berufliche Anforderungen in Sachen Mobilität ab: »Wer arbeitet denn heute noch in seinem Heimatdorf?«, gibt sie zu bedenken. »Die meisten von uns gehen morgens aus dem Haus und kommen abends wieder. Das war früher gerade in ländlichen Regionen ganz anders.« Unter den Berufspendlern befänden sich zudem zunehmend Zugezogene, die mit den auf dem Land tradierten Beerdigungsritualen nicht vertraut seien.

Voreilige Schlüsse möchte die Doktorandin aber nicht ziehen: »Ich stehe noch ganz am Anfang.« Zehn Wochen hat die dreifache Mutter bis jetzt in ihre Arbeit gesteckt, die während der Elternzeit ruht. Im Sommer wird weiter geforscht.

Ähnliche Dörfer, aber verschiedene Entwicklungen

Zwei Dörfer möchte Weyerhäuser unter die Lupe nehmen und sie auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede abklopfen. Beide Gemeinden sollen weniger als 2000 Einwohner haben, evangelisch geprägt und im Wandel, der Wandel aber möglichst gegensätzlich sein. Für das boomende Jugenheim sucht sie für ihre Gegenüberstellung deshalb jetzt nach einem Dorf, das mit Landflucht zu kämpfen hat.

Einen Leitfaden für die Praxis möchte die Pfarrerin im Ehrenamt aber nicht erarbeiten. »Ich erhebe am Ende nicht den Anspruch, zu sagen: So funktioniert Bestattung auf dem Land. Das kann ich gar nicht.« Vielmehr möchte sie auf den großen Schatz an Bestattungstraditionen auf dem Land aufmerksam machen und den Blick für Formen und Rituale schärfen, die es festzuhalten oder loszulassen lohnt.

Judith Kessler

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