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Katalanischer Weihnachtsbrauch

Wo Obama sein Geschäft im Stroh verrichtet

Gabriela Reff-KösterJa, er kann's: Der frühere US-Präsident Barack Obama dient als eines der Vorbilder für die beliebten Caganer-Figuren, mit denen Katalanen gern ihre Weihnachtskrippen schmücken.

Die Katalanen sind ein schräges Volk. Sie betreiben den wohl seltsamstem Mannschaftsport der Welt, indem sie menschliche Türme bauen. Sie führen einen ziemlich schrägen Kampf für die Abtrennung ihrer Region von Spanien. Am schrägsten aber ist ein Brauch, der alljährlich zu Weihnachten bei Außenstehenden für Kopfschütteln sorgt: Zur Weihnachtskrippe stellen sie gern ein kleines Figürchen, das ein wenig abseits von der heiligen Familie ins Stroh kackt – den Caganer.

Menja bé, caga fort i no tinguis por a la mort!« laut ein katalanisches Sprichwort: »Iss gut, scheiß‘ kräftig und fürchte dich nicht vor dem Tod!« So sind sie nun einmal, die Katalanen: derb und direkt. Warum sie kleine Scheißer zur Weihnachtskrippe stellen, weiß niemand so genau. Aber es passt zu diesem verschrobenen, liebenswerten kleinen Volk. Auch Kirche im streng katholischen Spanien hat selbstverständlich nichts dagegen.

Prominente dienen als Vorbilder

Waren es ursprünglich Figuren in bäuerlicher Tracht mit weißem Hemd und roter Schärpe, so dienen heute vor allem Prominente als Vorbilder für die kleinen, etwa zwölf Zentimeter hohen Keramikfigürchen. Das sind in erster Linie Fußballer – praktisch die gesamte Mannschaft des FC Barcelona ist als Caganer erhältlich, aber auch Cristiano Ronaldo vom verhassten Erzfeind Real Madrid. Caganers tragen das Konterfei von Filmstars, Sängern oder Politikern keineswegs nur von der iberischen Halbinsel, sondern aus der ganzen Welt. Auch einen kackenden Teufel kann man neben die Krippe setzen oder den Gollum aus »Herr der Ringe«.

Der Ursprung ist unklar

 Seit dem 17. Jahrhundert ist der Brauch bekannt. Er soll irgendwie auf den ewigen Kreislauf des Lebens hindeuten, aber genau weiß das niemand. Ein Blick in die Geschichte Kataloniens kann den Brauch nicht erklären, aber vielleicht seinen Hintergrund erhellen.

Katalonien boomt

Die Katalanen leben in der reichsten Region Spaniens. Handel, Banken und Industrie lassen die nordöstliche Provinz rund um die Hauptstadt Barcelona boomen. Jeder sechste Spanier – 7,4 Millionen und keineswegs nur Katalanen – wohnt in der dicht besiedelten Region, die mit der Größe Belgiens lediglich ein Sechzehntel der Fläche Spaniens ausmacht.

Die Katalanen waren einmal unabhängig

Spaniens? Katalonien ist nicht Spanien! Solche Graffiti zieren landauf, landab Mauern und Wände. Die Katalanen fühlen sich unterdrückt und streben nach Unabhängigkeit. Die hatten sie einmal. Aus unabhängigen Grafschaften gründete sich um das Jahr 1000 die Staatengemeinschaft Aragon mit dem Prinzipat Katalonien. Nach der Verschmelzung von Aragon mit Kastilien durch die Heirat von Ferdinand von Aragon und Isabella von Kastilien behielt Katalonien zunächst seine Eigenständigkeit.
Der Teil nördlich der Pyrenäen fiel später an Frankreich – und blieb dort bis heute. Außer in Katalonien wird dort sowie auf den Balearen, in Valencia, Andorra und auf Sardinien Catalá gesprochen. Nach dem spanischen Erbfolgekrieg ging es 1714 im Königreich Spanien auf, unterbrochen von einer kurzen Episode im französischen Kaiserreich unter Napoleon 100 Jahre später.

Im Bürgerkrieg standen Katalanen auf der »falschen« Seite

Richtig dicke kam es für die Katalanen jedoch unter der faschistischen Diktatur von General Franco im 20. Jahrhundert. Im Bürgerkrieg 1936 bis 1939 hatten sie nämlich weitgehend auf der falschen Seite gestanden, bei den unterlegenen Republikanern. Francos Rache war unbarmherzig. Jegliche Autonomierechte der Katalanen wurden gestrichen, ihre Sprache wurde schlicht verboten .

Hinweistafeln sind zunächst katalanisch

Nach Francos Tod 1975 erhielt Katalonien mit der Re-Demokratisierung Spaniens schrittweise wieder einen weitreichenden Autonomiestatus, Katalanisch ist neben Spanisch Amtssprache. Beide Sprachen werden an den Schulen der »Generalitat de Catalunya« unterrichtet. Doch neigen die Katalanen gern zur Übertreibung in ihrem Streben nach einem eigenen Staat. In vielen öffentlichen Gebäuden sind Hinweistafeln zunächst katalanisch und englisch beschriftet, darunter – mit etwas Abstand und etwas kleiner – auch spanisch.
Von Wolfgang Weissgerber

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