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Illusionen

Die tieferen Ursachen von Verschwörungsideologien

pixabayChemtrail-Gläubige halten die Kondensstreifen von Flugzeugen für giftige Chemikalien.

Impfgegner, Chemtrail-Gläubige, Antisemiten oder das Geraune vom »Bevölkerungsaustausch«: Menschen, die überall geheime Machenschaften mächtiger Fieslinge wittern, sind derzeit sehr sichtbar. Verschwörungstheorien haben weniger mit äußeren Ursachen als mit dem Innenleben der Verschwörungstheoretiker zu tun.

Virä gibt’s doch gaar ned«, sagt die Frau in breitem Schwäbisch. »Die sen bloß e Erfindung von dera Pharmainduschdrie.« Ihre Gesinnungsgenossin neben ihr stimmt zu: »Es gibt zu viele Menschen. Die wollen sie reduzieren. Deswegen die Impfungen.«

Verschwörungsglaube ist nicht harmlos

Bernd Harder unterbricht das Video, das die beiden Frauen zeigt. »Ja«, sagt der Chefreporter des Magazins »Skeptiker«, das über Verschwörungstheorien berichtet, zu seinen Zuhörern, »Sie wissen ja alle, wie effektiv es ist, die Menschheit mittels Impfungen zu reduzieren.«
In das anschwellende Gelächter hinein sagt Harder: »Das ist nicht lustig.« Dann zeigt er Kommentare von Impfgegnern aus sozialen Netzwerken im Internet. Einer der Kommentatoren verkündet, er werde zur Waffe greifen, falls jemand versuchen solle, sein Kind zu impfen. »Verschwörungstheorien sind nicht harmlos«, sagt Harder. »Sie konstruieren Feindbilder und sie radikalisieren Menschen.« Und diese Theorien haben derzeit Konjunktur, so scheint es: Das Internet ist voll von Behauptungen wie jener, dass »Chemtrails« die Menschheit vergifteten, die von Flugzeugen versprüht würden, oder dass Politiker die deutsche Bevölkerung durch Muslime austauschen wollten.

Merkmale einer Verschwörungsideologie

Harder, Mitglied der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) in Roßdorf bei Darmstadt, ist im Zentrum Oekumene der beiden hessischen Landeskirchen in Frankfurt einer der Referenten.
• Immer gehe es darum, dass eine kleine Gruppe allen anderen Menschen schaden wolle. »Ich habe noch nie eine Verschwörungstheorie gesehen, die uns zum Nutzen gewesen wäre«, sagt er.
• Sie hätten außerdem einen starken Appellcharakter: Die Menschen sollten doch bitteschön endlich aufwachen und sich wehren.

Unterschied zwischen kritischem Denken und Verschwörungsglaube

Wobei Harder klarstellt: Verschwörungen gibt es durchaus. Der NSA-Abhör- und der Dieselskandal sind Beispiele dafür. Nur: Zur Aufklärung all dieser Skandale habe noch nie ein Verschwörungstheoretiker etwas beigetragen. Als die »Washington Post«-Journalisten Bob Woodward und Carl Bernstein bei der Watergate-Affäre 1973 die Lügen des US-Präsidenten Nixon aufklärten, schafften sie das durch akribische Recherche, die sie selbst immer wieder in Zweifel zogen und überprüften. »Die beiden saßen eben nicht nur nachts vor dem Rechner in geschlossenen Facebook-Gruppen«, macht Harder den Unterschied zu Verschwörungsideologen deutlich.
Zwischen kritischem Denken und einer wahnhaften Verschwörungsidee gibt es Harder zufolge wesentliche Unterschiede. Der wichtigste ist eben die Bereitschaft, seine Überzeugungen zu überdenken und zu revidieren, wenn die Logik gegen sie spricht. »Aber einem Verschwörungstheoretiker kann man sagen, was man will, er wird sich immer im Recht sehen«, sagt Harder.

Verschwörungsglaube aus inneren Bedürfnissen heraus

Warum das so ist, versucht Felicitas Flade zu erklären. Sie ist Sozialpsychologin an der Uni Mainz. Es gibt mehrere Gründe dafür:
• »Verschwörungsgläubige wollen sich einzigartig fühlen«, sagt sie. Sie neigten zu Minderheitenpositionen. Klar ist: Ob jemand überall geheime Machenschaften wittert, hat nichts mit dessen Intelligenz oder mit psychischen Krankheiten zu tun. Aber es gebe bestimmte Menschen, die anfällig dafür seien. »Dominanzorientierte Leute zum Beispiel, die eine stark hierarchische Gesellschaft bevorzugen«, zählt sie auf, »oder Rechtsautoritäre.«
• Bei nahezu allen Verschwörungstheorien fällt auf, dass sie mit einer starken Selbstaufwertung und einer Abwertung anderer Menschen verbunden sind. Der typische Verschwörungstheoretiker hält sich für schlauer als andere, weil in seiner Vorstellung er ja derjenige ist, der hinter die Dinge blickt, während die anderen zu blöd sind, die Wahrheit zu sehen. »Schlafschafe« ist ein beliebter Ausdruck in der Szene für alle, die angeblich noch nicht aufgewacht sind und sich von der Propaganda einlullen lassen. Insofern liegt die Vermutung nahe, dass Verschwörungsglaube viel mit einem geringen Selbstwertgefühl zu tun hat. Ein solcher Zusammenhang sei plausibel, bestätigt Flade, allerdings sei er von der Forschung nicht sicher belegt.
• Das Gefühl, Kontrolle über das eigene Leben zu haben, spielt auch eine Rolle. Menschen, bei denen dieses Gefühl nur gering ausgeprägt ist, seien anfällig für Kontrollillusionen. Die Überzeugung, ein fieses Spiel aufgedeckt zu haben, kann so eine Illusion sein.
Es sei bekannt, was Verschwörungstheorien begünstige, sagt Harder – nämlich kognitive Dissonanzen, also unvereinbare Einstellungen und Wahrnehmungen. Dagegen anzuargumentieren ist meist sinnlos, da das nämlich nichts an jenen Dissonanzen ändert. Eine mögliche Strategie sei es, nur Rückfragen zu stellen. »Die Hoffnung dabei ist, dass die Leute merken, dass sie sich in Widersprüche verstricken«, erklärt er. »Bei einigen wirkt das, bei anderen nicht.«

Diskussionsstrategien mit Verschwörungsgläubigen liefert das Projekt »kleiner fünf« unter https://radikalehoeflichkeit.de/.

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