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Haus Lilith

Eine Bleibe auf Zeit für wohnungslose Frauen

epd-Bild/Heike LydingBinnur Sogukcesme in ihrem Zimmer im Haus Lilith. Sie hofft auf eine eigene Wohnung.

FRANKFURT. Es ist Winter, die Nächte sind kalt. Wohl jenen, die ein schönes Zuhause und ein warmes Bett haben. Viele Menschen müssen aber auf der Straße schlafen. Vor allem junge Frauen mit Brüchen in der Biografie sind nahezu chancenlos auf dem hart umkämpften Wohnungsmarkt. Wer im Haus Lilith der Diakonie Frankfurt einen Platz ergattert, hat Glück.

Der große, dunkle Koffer steht noch hinter dem schmalen Bett, auf dem Nachttisch das Nötigste: ein Glas Wasser und eine Packung Tabletten. So richtig angekommen ist Wanda Stefanowicz im Haus Lilith noch nicht. Erst vor drei Tagen kam die 55-Jährige hierher. Hinter der Witwe liegen schwere Wochen. »Ich hatte Pech«, sagt die zierliche Frau. Die gebürtige Polin pflegte einen alten Mann, später eine ältere Dame und wohnte für diese Zeit in deren Wohnung. Als die Senioren starben, setzten die Angehörigen sie auf die Straße.

Lange Bewerberliste

Andere der insgesamt 28 Frauen in dem Übergangswohnheim des Diakonischen Werks Frankfurt am Main leben schon deutlich länger hier mitten im Frankfurter Ostend. Die Plätze sind alle belegt, die Bewerberliste lang, wie Leiterin Mehri Farzan erzählt. Die Damen leben auf insgesamt vier Etagen, pro Stockwerk teilen sich sieben Frauen eine Küche und ein Bad mit Dusche und Toilette. Jedes der etwa zwölf Quadratmeter großen möblierten Einzelzimmer verfügt über ein Waschbecken.
»Auch hier kann man es sich gemütlich machen«, sagt Binnur Sogukcesme und zeigt stolz auf die vielen Bilder und Postkarten über ihrem Schreibtisch. »Hinfallen, Krönchen richten, weitermachen!« steht in rosa Schrift auf einer der Karten. Die 50-Jährige ist schon seit fast zwei Jahren im Haus Lilith. Heute hat sie ihren Laptop eingeschaltet und sucht im Internet nach einer Küche. Denn seit kurzem hat sie einen Job bei einer Zeitarbeitsfirma, bald zieht sie in ihre eigenen vier Wände.
Der Weg dorthin war steinig. Für einen Auslandsaufenthalt in der Türkei verließ die 1,60 große Frau die Stadt für zwei Jahre. Bei ihrer Rückkehr stand sie ohne Job und ohne Wohnung da. »Ein Teufelskreis«, wie sie im Nachhinein feststellen musste. »Wer nicht mehr arbeitet, findet keine Wohnung und ist nicht mehr gesellschaftsfähig«, sagt die gelernte Rechtsanwaltsgehilfin. Mit der Familie hatte sie den Kontakt abgebrochen, erst heute – nach dem Tod ihrer Mutter – besucht sie ihren Vater wieder regelmäßig.

Viele Frauen haben Gewalt erlebt

Bei vielen Frauen sei es Schicksal, dass sie kein Dach über dem Kopf haben, sagt Leiterin Farzan. Viele der Bewohnerinnen hatten nie ein Familienleben. Einige haben Gewalt erlebt. Die meisten seien zudem verschuldet. »Bei Frauen ist Wohnungslosigkeit viel verdeckter als bei Männern«, erklärt Farzan. »Sie leben lieber unglücklich mit einem Partner zusammen, als auf der Straße zu schlafen.« Aus Scham würden sie oft niemanden erzählen, dass sie in einem Übergangswohnheim leben.
Auch bei der Wohnungssuche komme diese Information bei den Vermietern nicht gut an. Spätestens, wenn die Bescheinigung vom früheren Vermieter vorgelegt werden soll, sehe es für die Frauen schlecht aus. Das Haus ist zwar keine Notunterkunft, ewig sollen die Bewohnerinnen hier aber auch nicht leben. »Wir wollen die Frauen wieder fit machen, auf eigenen Beinen zu stehen«, betont Farzan. Um dieses Ziel zu erreichen, arbeiten die Sozialarbeiterinnen vor Ort eng mit Jugend- und Sozialämtern sowie Jobcentern zusammen.

Knallharter Verdrängungswettbewerb auf dem Wohnungsmarkt

»Verdrängungswettbewerb« nennt Diakonie-Präsident Ulrich Lilie das Problem auf dem Wohnungsmarkt, das die Frauen hier zur Genüge kennen. Die Diakonie biete zwar mit solchen Angeboten schon einige Möglichkeiten, könne aber nicht ohne die Hilfe der Politik gegen diese Entwicklung ankämpfen. Neben mehr Sozialwohnungen forderte Lilie den Bau von Quartieren, in denen unterschiedliche Menschen zusammenkommen. Abgesonderte Zentren böten »demokratiepolitischen Sprengstoff«.
Die meisten Bewohnerinnen seien unter 30 Jahre alt, erklärt Farzan. Die Bewerberinnen würden immer jünger. »Meine Vermutung ist, dass es den familiären Halt nicht mehr so gibt«, sagt Farzan. Der Einzug in das Wohnheim ist prinzipiell für alle volljährigen Frauen möglich. Die Unterbringung erfolgt über das Sozialamt. Bemessen an dem Geld, das den Frauen durch Sozialhilfe oder einem Nebenjob monatlich zur Verfügung steht, zahlen sie einen Obolus. Zu bestimmten Zeiten ist auch Männerbesuch erlaubt.
Ansonsten leben die Frauen unter sich. Das sorgt hier und da für Konflikte. »Es kann schon mal lauter werden«, berichtet Binnur. Streit gibt es etwa, wenn sich eine Dame nicht an den Putzplan hält. »Wir leben ja hier gezwungenermaßen in einer WG«, stellt Binnur lachend fest.
Nichts für die Ewigkeit, findet auch Wanda Stefanowicz. Ab morgen will sie sich um einen neuen Job kümmern. Als Pflegerin möchte sie auch weiterhin arbeiten, allerdings nicht mehr bei den Patienten zu Hause. In ihrem Zimmer im Haus Lilith könne sie nun in Ruhe Bewerbungen schreiben. Nachdenklich zupft sie an ihrer langen, schwarzen Perlenkette und sagt leise: »Das ist Glück.« Carina Dobra/epd

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