Evangelische Sonntags-Zeitung

Angebote und Themen

Herzlich Willkommen! Entdecken Sie, welche Angebote der Evangelischen Sonntags-Zeitung zu Ihnen passen. Über das Kontaktformular sind wir offen für Ihre Anregungen.

AngeboteÜbersicht
Menümobile menu

Tagespflege

»Einen zweiten Lockdown würden viele nicht überstehen«

epd-bild / Lukas SchienkeDie demenzkranke Maja nimmt in der diakonischen Tagespflege in Goslar an der Sitzgymnastik teil. Seit einigen Wochen kann sie wieder in die Tagespflege kommen.

Die diakonische Tagespflege in Goslar kann endlich wieder Gäste aufnehmen. Mehr als 60 Prozent Auslastung sind jedoch nicht möglich. Nach wochenlanger Schließung gibt es deshalb weiter Probleme.

Goslar (epd). Um halb neun fährt Urte Schwerdtner vor der diakonischen Tagespflege in Goslar vor, um ihre demenzkranke Mutter Maja bei den Pflegerinnen abzugeben. Sie hat einen der begehrten Plätze erhalten, die die Tagespflege seit kurzem wieder anbieten kann. «Als Richterin am Amtsgericht kann ich nur sehr begrenzt von zu Hause arbeiten, um mich um meine Mutter zu kümmern», erklärt sie ihr Problem. Ohne die Entlastung wäre sie aufgeschmissen. Denn die Wochen, in denen die Tagespflege aufgrund der Corona-Pandemie für sie geschlossen hatte, hätten sie bereits an die Grenzen ihres Leistungsvermögens gebracht.

Mehr als zwölf Gäste pro Tag sind nicht machbar

Wie viele andere Einrichtungen kann auch die Tagespflege in Goslar weiterhin nur 60 Prozent der Kapazitäten ausschöpfen. «Mehr als zwölf Gäste pro Tag sind unter Einhaltung der Abstandsregeln in unseren Räumlichkeiten definitiv nicht machbar», sagt die Leiterin der Einrichtung, Birgit Fuhrmann. Hinzu komme die aufwendige Organisation des Fahrdienstes. Zwar dürfe ihr Fahrer mittlerweile durch eine Sondergenehmigung des Gesundheitsamtes wieder bis zu drei Personen auf einmal einsammeln, allerdings müsse vorher die Körpertemperatur aller Mitfahrer gemessen und das Fahrzeug nach jeder Fahrt  gelüftet werden. «Das kostet alles Zeit, so dass mehr als zwei bis drei Fahrten pro Tag für uns nicht drin sind», erklärt Fuhrmann.

Daher musste Fuhrmann die Aufnahme weiterer Gäste an die Bedingung knüpfen, dass der Transport von den Angehörigen selber organisiert wird. «Leider führt das dazu, dass teilweise diejenigen, die professionelle Pflege besonders nötig hätten, nicht zu uns kommen können», sagt sie. Darunter litten nicht nur die Betroffenen, sondern auch die pflegenden Angehörigen. «Viele sind völlig am Ende, weil sie sich ohne jegliche Entlastung sieben Tage die Woche um ihre Verwandten kümmern müssen - und das seit Monaten», berichtet die Pflegeleiterin.

Für demenzkranke Menschen sind Routinen enorm wichtig

Im Zuge der Corona-Pandemie waren im April bundesweit die Tagespflegen für mehrere Wochen geschlossen worden. Lediglich eine Notfallbetreuung für besonders Bedürftige konnte noch stattfinden. Der Großteil der Gäste konnte mancherorts monatelang das Angebot nicht nutzen, was sich laut Experten teilweise dramatisch ausgewirkt hat. «Speziell für  demenzkranke Menschen sind Routinen und der Kontakt zu Personen außerhalb des eigenen Haushalts enorm wichtig», erläutert Susanna Saxl von der Deutschen Alzheimer Gesellschaft in Berlin. Sowohl geistig als auch körperlich hätten viele Pflegebedürftige ohne die täglichen Strukturen abgebaut. Mit nachhaltigen Folgen: «Was einmal an Fähigkeiten verloren geht, ist bei Demenzerkrankten nur sehr schwer wieder aufzubauen», sagt Saxl.

Bei einer möglichen zweiten Corona-Welle dürfe es daher auf keinen Fall zu einer erneuten Schließung der Tagespflege kommen, fordert Dagmar Henseleit, Pflegereferentin der Diakonie in Niedersachsen. «Sollte es zu einem zweiten Lockdown kommen und die Betroffenen noch einmal wochenlang auf sich allein gestellt sein, würden das weder die Angehörigen noch die Pflegebedürftigen überstehen», zeigt sie sich besorgt. Ohnehin werde der Wert der Pflege oft unterschätzt. «Die Politik nimmt die Tagespflege eher als Beschäftigungstherapie von Rentnern wahr und verkennt dabei die medizinische Bedeutung der Angebote», sagt die Referentin.

Forderung nach Lockerung der Abstandsregeln

Darüber hinaus müsse ernsthaft über eine Lockerung der Abstandsregeln nachgedacht werden, fordert Einrichtungsleiterin Fuhrmann. Die Einhaltung der Maskenpflicht und Hygienemaßnahmen sei selbstverständlich und unproblematisch. «Aber wenn weiterhin jederzeit 1,5 Meter Abstand gehalten werden sollen, ist die Aufnahme weiterer Gäste unmöglich», sagt sie. Das könne den betroffenen Angehörigen jedoch nicht noch länger zugemutet werden, für die die Situation schon jetzt kaum mehr tragbar sei.

Tim Schnelle/epd

Video: https://www.epd-video.de/themen/beitrag/die-grenzen-der-belastbarkeit

 

 

Diese Seite:Download PDFDrucken

to top