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Aids und Corona

»Es werden mehr Menschen sterben«

epd/Bettina RühlChristine Awour Omondi lebt im Slum Mathare in Kenias Hauptstadt Nairobi. Sie ist HIV-positiv. Durch die Corona-Pandemie ist ihr Leben noch schwerer geworden.

NAIROBI. Viele HIV/Aids-Patienten in Afrika kommen in Zeiten der Corona-Pandemie nicht an ihre Medikamente. Es droht ein Anstieg von Erkrankungen und tödlichen Verläufen. Auch die Welt-Aids-Konferenz wurde von der Pandemie und ihren Auswirkungen bestimmt.

Christine Awour Omondi schlägt den Vorhang zur Seite, der ihr Bett von dem kleinen Wohnbereich in der Wellblechhütte trennt. Die 39-Jährige hat die vertraute Stimme von Rose Omia gehört. »Wie geht es Dir?«, fragt die Mitarbeiterin der Hilfsorganisation »German Doctors« beim Betreten der Hütte im Slum Mathare in der kenianischen Hauptstadt Nairobi. Beim Blick auf zwei Frischhalteboxen auf dem Couchtisch stellt sie zufrieden fest: »Du hast Essen bekommen.« Die Nachbarn hätten ihr etwas gebracht, bestätigt Omondi.

Ihr Mann ist an Aids gestorben

Seit ihr nach einem Unfall das rechte Bein am Oberschenkel amputiert werden musste, kann Omondi den Lebensunterhalt für sich und ihre drei Kinder nicht mehr verdienen. Ihr Mann ist vor elf Jahren an den Folgen von Aids gestorben, sie selbst wurde wenig später HIV-positiv getestet.

Viele Menschen haben ihre Jobs verloren

Durch die Corona-Pandemie ist ihr Leben noch schwerer geworden. Die Maßnahmen gegen eine Verbreitung des Virus treffen die Bevölkerung hart. Vor allem in informellen Siedlungen wie Mathare haben viele Menschen ihre Gelegenheitsjobs verloren. »Diejenigen, die ich früher um Unterstützung bitten konnte, haben jetzt selbst nichts mehr«, sagt Omondi.

Kranke haben ihre Behandlung unterbrochen

Die Pandemie habe dazu geführt, dass viele der chronisch Kranken ihre Behandlung unterbrochen haben, berichtet Maureen Githuka, die das HIV/Aids-Programm der »German Doctors« leitet. Die deutsche Organisation betreibt in Mathare eine ambulante Klinik, außerdem Programme für HIV- und Tuberkulose-Patienten. Fast 3000 HIV/Aids-Patientinnen und Patienten werden regelmäßig behandelt.
»Viele Patienten können nicht mehr zu uns in die Klinik kommen«, bedauert Githuka. Etliche sind nach dem Bekanntwerden der ersten Corona-Fälle in ihre Herkunftsdörfer gefahren und können wegen der Reisebeschränkungen nicht mehr zurück. Allein vergangene Woche seien 50 Personen nicht zu ihren Terminen gekommen, knapp 70 waren es in der Woche davor.

Das Risiko für Folgeerkrankungen steigt

Werden die Medikamente nicht genommen, steigt das Risiko für Folgeerkrankungen, sagt Githuka. Das sei schon jetzt zu beobachten: »Von unseren HIV-positiven Patienten haben sich 20 neu mit Tuberkulose angesteckt.« Dabei bekommen alle, die ihre Termine wahrnehmen, ihre Medikamente für drei Monate statt wie in vielen Fällen für einen Monat, um die Gefahr einer Corona-Ansteckung so gering wie möglich zu halten.

Klinik erstmals nicht voll belegt

Überall auf dem Kontinent müssten HIV/Aids-Patienten ihre Behandlung infolge der Corona-Pandemie unterbrechen, berichtet Gilles van Cutsem. Er leitet die internationale Arbeitsgruppe zu HIV/Aids von »Ärzte ohne Grenzen«. In einem Projekt in der südafrikanischen Provinz Kwa Zulu Natal sei jeder vierte Patient nicht zur Behandlung erschienen. In der kongolesischen Hauptstadt Kinshasa sei ihre Klinik für schwerste Aids-Verläufe zum ersten Mal seit zehn Jahren nur zu einem Drittel belegt gewesen.
Warum die Patienten nicht kämen, sei häufig unklar, sagt der Arzt. »Vielleicht sind sie sogar zu Hause gestorben.« Oder sie könnten sich das Fahrgeld nicht leisten. Oder in einer Einrichtung streike das Personal, weil Schutzkleidung gegen das Coronavirus fehle. Auch die Welt-Aids-Konferenz, die wegen der Pandemie vergangene Woche online tagte, beschäftigte sich mit den Auswirkungen der Corona-Maßnahmen auf HIV-Positive.

Hinweise an Patienten, wo es Medikamente gibt

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der »German Doctors« telefonieren ihren Patienten hinterher, wenn die zu einem Termin nicht erscheinen. »Wenn sie außerhalb von Nairobi sind, sagen wir ihnen, wo sie Medikamente bekommen können.« Aber nicht bei allen gebe es Ersatz. »Ohne Behandlung werden aber deutlich mehr Menschen sterben«, warnt Githuka.

Vielen mangelt es an Nahrung

Drastische Folgen hat auch der Hunger, der mit den Pandemie-Maßnahmen einhergeht, vor allem in Siedlungen wie Mathare. »Viele unserer Patienten haben mehr als zehn Prozent ihres Körpergewichts verloren«, sagt Githuka. Das schwächt ihr Immunsystem zusätzlich. Um die größte Not zu lindern, hat das Projekt sein Ernährungsprogramm deutlich aufgestockt. Immerhin seien in Mathare die Medikamente noch nicht knapp, sagt Githuka. »Wir sollten so bis zum Jahresende kommen.«

Unterbrechung der Produktion von Medikamenten wahrscheinlich

Gilles van Cutsem von »Ärzte ohne Grenzen« befürchtet dagegen, dass es in den nächsten Monaten Probleme mit dem Nachschub geben wird. Denn der Großteil der Medikamente werde in Indien hergestellt, einige Zutaten kämen aus China. Produktionsunterbrechungen hält er für wahrscheinlich.
Christine Awour Omondi hat vorerst genug Medikamente und trotz ihrer Vorerkrankung keine Angst vor Covid-19. Das sei »eine Krankheit wie jede andere«, sagt sie. Vielleicht beruhigt sie sich selbst, viel kann sie ohnehin nicht tun. »Wenn mich jemand besucht oder mir jemand Essen bringt, der keine Maske trägt – soll ich ihn dann wegschicken?«
epd/ Bettina Rühl

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