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»Wilhelm Gustloff«

Flucht in den eisigen Tod

picture-allianceDas ehemalige Kreuzfahrtschiff »Wilhelm Gustloff« – hier bei seiner Jungfernfahrt 1938 – diente als Militärschiff und nahm bei seinem Untergang 9000 Menschen mit in den Tod.

Die Versenkung des deutschen Flüchtlingsschiffs »Wilhelm Gustloff« durch ein sowjetisches U-Boot ist die bislang größte Katastrophe der Seefahrt – aber ein Kriegsverbrechen war sie nicht.

Die Ostsee ist rau an jenem Wintertag, das Thermometer zeigt 18 Grad Celsius unter Null. Die »Wilhelm Gustloff« kämpft sich durch die grauen Wellen. Das Schiff ist völlig überladen, mehr als 10 000 Menschen drängen sich an Bord, seit sie gegen 12.30 Uhr in Gotenhafen, dem heutigen Gdynia, abgelegt hat. Gebaut wurde der Pott als Kreuzfahrtdampfer für 1500 Passagiere, seit Kriegsbeginn dient er als Truppentransporter.
Seit Mitte Januar herrscht strenger Frost in Ostpreußen. Der zuvor aufgeweichte Boden trägt nun das Gewicht der Panzer. Darauf haben die Kommandeure der Roten Armee gewartet, sie lassen mehr als anderthalb Millionen Soldaten angreifen. Am 26. Januar erreichen die Sowjets bei Tolkemit das Frische Haff. Ostpreußen ist vom Rest des Reichs abgeschnitten.

Gauleiter verhindert geordnete Evakuierung

Der ostpreußische Gauleiter Erich Koch hatte eine geordnete Evakuierung verhindert. Jetzt ist es zu spät für eine geordnete Flucht. Die deutsche Marine kann viele Flüchtlinge von Pillau aus in westpreußische Häfen wie Gotenhafen bringen. Von dort aus soll es weiter nach Westen gehen – auf Schiffen wie der »Wilhelm Gustloff«.

Zwei Torpedoboote begleiten die »Gustloff«

Die vier Kapitäne sind sich uneins über den Kurs, den sie steuern sollen, um ihr Ziel Swinemünde zu erreichen. Sie wissen um die Gefahr durch U-Boote. Schließlich einigen sie sich darauf, nicht die Route durch flaches Gewässer zu nehmen, wo die Tauchschiffe nicht operieren können – ihr Schiff ist einfach zu voll, sie fürchten, auf Grund zu laufen. Zwei Torpedoboote begleiten die »Gustloff«, später dreht eines von ihnen ab.
Um der Aufmerksamkeit der sowjetischen U-Boot-Kapitäne zu entgehen, fährt das Schiff abgeblendet. Die Kapitäne erhalten jedoch einen angeblichen Funkspruch der Marine: Ihnen komme ein Minensucher entgegen. Die »Gustloff« setzt daraufhin ihre Positionslichter.

Ein Maschinenschaden verhindert höhere Geschwindigkeit

Ein Fehler. Anderthalb Stunden lang fährt die »Gustloff« beleuchtet, ohne dass ein Schiff entgegenkommt. Die Kapitäne schalten die Lichter wieder aus. Aber da hat sie Alexander Marinesko längst entdeckt. Der Kommandant des sowjetischen U-Boots »S 13« ist um 21 Uhr bereits auf 700 Meter an das deutsche Schiff herangekommen. Die »Gustloff« kann nur zwölf Knoten Fahrt machen, sie ist zu schwer beladen und hat einen Maschinenschaden.
Um kurz nach 21 Uhr lässt Marinesko vier Torpedos abfeuern. Eines der Geschosse jedoch, auf ihm steht »Für Stalin« geschrieben, bleibt im Rohr stecken. Die anderen drei schlagen um 21.08 Uhr im Rumpf der » Gustloff« ein. Sofort bricht Panik an Bord aus. Viele Flüchtlinge sind unter Deck eingesperrt. Wer kann, eilt zu den Rettungsbooten. Aber von denen gibt es zu wenige – die »Gustloff« ist nur für rund 2000 Menschen ausgelegt. Einige derer, die es in die Boote geschafft haben, schlagen auf die Hände jener, die verzweifelt versuchen, noch an Bord zu kommen – so berichten es später Augenzeugen.

Tausende sterben in der eisigen See

Um 22.15 Uhr verschwindet die »Gustloff« in den eisigen Fluten der Ostsee. Die exakte Zahl der Opfer ist unbekannt, weil niemand weiß, wie viele Flüchtlinge genau an Bord waren. Wahrscheinlich sterben rund 9000 Menschen, die meisten davon Kinder. Gerade 1239 Überlebende fischen herbeieilende deutsche Schiffe aus dem Wasser.
Bis heute hält sich hartnäckig die Behauptung, die Versenkung der »Gustloff« sei ein Kriegsverbrechen gewesen. Das aber weist Wilhelm Knöß vom Deutschen Marinemuseum in Wilhelmshaven zurück. »Das war es eindeutig nicht«, sagt er. »Das Schiff war nämlich kein reines Flüchtlingsschiff, sondern hatte auch das militärische Kommando der U-Boot-Flottille an Bord.« Außerdem sei sie im Geleit von Kriegsschiffen gefahren.

Tausende Tote auf weiteren versenkten Schiffen

Die »Gustloff« bleibt nicht das einzige Schiff, das in der Ostsee versinkt und viele Zivilisten in den Tod reißt. Nur zehn Tage danach versenkt Marinesko die »Steuben«, rund 4000 Flüchtlinge sterben. Am 16. April torpediert das sowjetische U-Boot »L 3« die »Goya«, 7000 Menschen überleben den Angriff nicht.
»Diese Schiffe fuhren alle auch im Geleit«, sagt Knöß. Das Versenken ohne vorherige Warnung sei durch das Kriegsrecht gedeckt gewesen. Die deutschen U-Boote, betont er, hätten das ebenso gehandhabt. Diese Praxis wurde dem Befehlshaber der deutschen U-Boote, Karl Dönitz, auch nicht vorgeworfen, als er vor dem Nürnberger Kriegsverbrechergerichtshof stand. Dönitz war unter anderem angeklagt wegen der Vorbereitung eines Angriffskriegs. Von Nils Sandrisser

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