Evangelische Sonntags-Zeitung

Angebote und Themen

Herzlich Willkommen! Entdecken Sie, welche Angebote der Evangelischen Sonntags-Zeitung zu Ihnen passen. Über das Kontaktformular sind wir offen für Ihre Anregungen.

AngeboteÜbersicht
Menümobile menu

#Kirche2060

Klingeln, warten, hallo sagen

Malte BürgerWeihnachtssingen 2019 im Kulturzentrum Kreuz (KUZ) mit Band und Organisatoren.

Fulda. Kirche ist ein Angebot unter vielen. Das wissen Pfarrer Stefan Bürger und seine Mitstreiterinnen. Deshalb gehen sie besonders auf junge Menschen zu, fragen nach deren Wünschen und Erwartungen an die Kirche. Dieses Engagement finanziert die Gemeinde zu großen Teilen aus eigener Tasche.

Einmal im Monate blättert Julia Nöthel im Gemeindesekretariat die Meldungen von neuzugezogenen Mitgliedern durch. Natürlich freut sie sich über jedes neue Mitglieder, doch ihr besonderes Augenmerk gilt Männern und Frauen zwischen 25 und 35 Jahren. Und da gibt es einige in der 20 Kilometer von Fulda entfernten Gemeinde. Die junge Kirchengemeinde wächst, und zwar deutlich. Das liegt vor allem an einem großen Neubaugebiet in den Gemeindegrenzen. Vor 20 Jahren zählte die Kirchengemeinde rund 1500 Mitglieder, jetzt sind es 2378. Tendenz steigend. Ein weiteres neues Baugebiet lässt grüßen.

Neuzugezogene werden persönlich begrüßt

Nachem sich Nöthel die Adressdaten aus dem Computer gezogen hat, macht sie sich Woche für Woche auf den Weg, die Neuzugezogenen zu begrüßen, und zwar persönlich. »Ich finde es wichtig, dass wir als Gemeinde Gesicht zeigen, nicht einen Brief per Post schicken oder den Gemeindebrief in den Briefkasten stecken«, sagt Nöthel. Einen Brief, eine Infobroschüre, die werfe man schnell weg, ein persönliches Vorstellen findet sie wesentlich eindrucksvoller. Ein nettes Gesicht mit dem abstrukten Kontrukt Kirche verbinden, das ist der jungen Frau eine Herzenangelegenheit. Bindungen zu den Menschen schaffen, das ist das Ziel - und es gelingt in Fulda hervorragend.

Was bewegt die Menschen?

Weil sie keine Telefonnummer zur Hand hat, sucht sie die Menschen unangekündigt auf, klingelt und wartet. Nicht immer ist jemand zuhause, dann muss sie unverrichteter Dinge wieder abziehen. Aber sehr oft hat Nöthel Glück und die Tür öffnet sich. Dann stellt sie sich vor, überreicht ein paar Informationen der Gemeinden und dann kommt das Wichtigste: »Zeige ich mein Interesse an den Menschen«, so die Gemeindepädagogin. »Ich will wissen, was bewegt die Menschen, was können wir für sie tun, was erwarten sie von der Kirche«. Dabei versucht die jungen Frau nie aufgesetzt, sondern immer authentisch rüberzukommen: »Wenn ich mich nicht wirklich für den Menschen, die ich dort antreffe interessieren würde, na dann könnte ich ja auch Staubsauger verkaufen«, erzählt Nöthel und lacht dabei. Schell schiebst sie aber hinterher: Bevor sie auf den Klingelknopf bei Fremden drücke, müsse sie manchmal schon tief durchatmen.
An eine deutliche Abfuhr kann sich die Gemeindepädagogin noch gut erinnern. Da wurde ihr durch die Sprechanlage deutlich gemacht, dass keinerlei Interesse bestehe und sie aufgefordert, wieder zu gehen. Meistens reagierten die Auswerwählten zunächst überrascht, dann erleichert bis positiv. »Erstmal denken sie, na wer steht da vor meiner Tür, wenn sie erkennen, ich bin von der Kirche, dann entspannt sich die Situation.« Manchmal werde sie sogar auf einen Kaffee hinein gebeten. Ein klarer Vorteil bei den Überraschungsbesuchen ist ganz klar das Alter der Gemeindepädagogin: Sie gehört mit ihren 27 Jahren genau zu der Zielgruppe, die sie auffsucht.

Kirche ist ein Angebot unter vielen

»Wir sind als Kirche eine Angebot unter vielen«, erklärt Gemeindepfarrer Stefan Bürger das Engagement seines Teams und fügt an: »Wir müsssen uns immer wieder fragen, wie können wir das, was wir tun und was wir zu bieten haben in die Welt tragen?«. Seit 21 Jahre ist er nun Pfarrer in der osthessischen Gemeinde. In dieser Zeit hat er viele Netzwerke aufgebaut. Beziehungen knüpfen und pflegen, das ist seine Stärke. Die Idee, die 25- bis 35-Jährigen aufzusuchen hatten Bürger und sein Kirchenvorstand schon lange vor der Freiburger Studie. »Uns war von Anfang an klar, dass es nicht darum gehen kann, die Leute zu Veranstaltungen oder Angeboten einzuladen. Vielmehr müsssen wir ihnen zeigen, dass es schön ist, dass sie da sind, sie nach ihren Wünschen oder ihren spirituellen Bedürfnissen fragen«, so Bürger.
Bereits damals sind der Pfarrer und seine Mitstreiter losgezogen, hinzu den Menschen, die neu in Fulda waren und haben sie begrüßt: »Ich werde nie vergessen, einmal hat eine Ärztin sichtlich erfreut zu gesagt, dass sie schon zigmal umgezogen sei, aber noch nie sei sie von der Kirche besucht worden«, so der Seelsorger.
Mit den Angeboten in den Gemeinden, sagt Nöthel, erreiche man vor allem die etablierten Mitglieder. Menschen, die noch fremd seien in der Gegend, bislang noch wenig Berührungspunkte mit der Ortsgemeinde gehabt hätten, jedoch nicht. Deshalb ist das Kreuzkirchenteam von der Beziehungspflege als wichtigstes Mittel überzeugt.

Nichts ist so wichtig wie die Beziehungspflege

Die dritte im Bunde, Christina Hufeisen, pflichtet bei. Sie kümmert sich um die Konfis und hat die Erfahrung gemacht: »Wenn wir keine Beziehung zu den Jugendlichen aufbauen, können wir sie nicht halten«. Und sie profitiert mit ihren Angeboten für jungen Familien von dem, was zuvor geleistet wurde. »Wenn Paare Kinder bekommen, orientieren sie sich oft neu, denken über Werte nach, suchen neue Kontakte«, so Hufeisen. Dann erinnerten sich viele wieder an die Begegnungen mit der Kirche. Zusätzlich hilft Hufeisen ihnen ein wenig auf die Sprünge: Ähnlich wie ihre Kollegin durchforstet sie die Sektretariatskartei und schaut, in welcher Familie ein Kind geboren wurde. Dann schreibt sie handschriftlich eine Karte: »Wenn sie Lust haben, sind wir da, kommen sie vorbei«. Hufeisen möchte gerne die Kirche in den Köpfen der Menschen als Treffpunkt etablieren und ist auf einem guten Weg: Sei es nach dem Gottesdienst, einem Lauftreff, einem großen Weihnachtsliedersingen in einer Disco - die Menschen kommen gerne, wenn die Kreuzkirche ruft.
Die Fuldarer Gemeinde hat einen großen Vorteil, den sie von vielen Gemeinde unterscheidet: Rund 45 Prozent aller Mitglieder sind jünger als 40 Jahre. Rund zehn Prozent der Mitglieder gehören der Zielgruppe der 25 bis 35-Jährigen an. Ein Drittel der Kirchenvorstands-Mitglieder sind jünger als 40. 38 Jungen und Mädchen zählt der aktuelle Konfi-Jahrgang. Und so gibt es nach dem Sonntagsgottesdienst eben auch nicht Tee und Kaffee, sondern Cappuccino und Cola. Nah bei den Menschen sein, ist hier die Grundsatz. Es gibt keinen Eintopf oder Suppe, sondern das was jeder gerne isst und seien es bayrische Weißwürste.Von Stefanie Bock
https://kreuzkirche-fulda.de

Diese Seite:Download PDFDrucken

to top