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Pfingstwunder

Überleben grenzt an ein Wunder

Stefanie BockSein Leben hing am seidenen Faden: Jonathan hat es geschafft. Er ist heute ein gesundes, entspanntes Kind, das gerne singend und summend durchs Leben geht.

Pfingsten ist mit der biblischen Geschichte von der Ausgießung des Heiligen Geistes das kirchliche Fest der Wunder. Manche Menschen erleben ihre ganz eigenen Wunder.

Mein persönliches Wunder hat mir gerade tiefentspannt gesagt, dass es oder besser er für den Schlagzeugunterricht in genau 42 Minuten neue Sticks braucht. Sticks sind die Schlägel, mit denen die Musiker auf den Trommeln und Becken die Töne erzeugen. Hatte er mir völlig vergessen zu berichten, in den vergangenen acht Tagen, seitdem sein Lehrer es ihm gesagt hatte. Während sich bei mir eine hektische Panik breitmacht, hat sich mein Wunder wieder seinen Playmobil-Figuren zugewandt und singt leise vor sich hin. Singend und summend verbringt er die meiste Zeit des Tages.

Permanente Angst um das ungeborene Kind

So gelassen und in sich ruhend wie mein Wunder durchs Leben tanzt, war sein Start mitnichten. Der stand eigentlich von Beginn an auf der Kippe. Vorzeitige Wehen bereits in der ersten Hälfte der Schwangerschaft und ein Gebärmutterhals, der schon vor Halbzeit auf so wenige Zentimeter wie bei anderen kurz vor der Geburt verkürzt war, hüllten ein glückliches Ende in große Fragezeichen. Und bescherten mir Kassenpatientin zwar eine von Chefärzten und Krankenhausseelsorgern begleitete Schwangerschaft, aber auch die permanente Angst vor dem Verlust des Kindes.

An gutes Ende hat kaum jemand geglaubt

Glück, Schicksal, Medizin, vier Monate strenges Liegen – elf Wochen davon im Krankenhaus – und was sonst noch haben möglich gemacht, woran nicht viele geglaubt haben: die Geburt eines zarten, aber doch quicklebendigen Jungen. Noch gut höre ich die Worte der Oberärztin, die mich Monate zuvor in der Notaufnahme in Empfang nahm und auch zufällig bei der Geburt dabei war: »Das ist wirklich ein Wunder, darauf hätte ich nicht gewettet.«

Hohes Fieber und Herzstillstand

Doch das erste Wunder gerät drei Tage später mächtig unter Druck. Auf der Frühchen-Intensivstation befällt ein Keim den Hirnstamm, verursacht hohes Fieber bis hin zu einem Herzstillstand. »Die Eltern müssen sofort den Raum verlassen«, ruft der Arzt inmitten des plötzlich hektischen Treibens rund um den kleinen Inkubator.
30 Stunden zwischen Leben und Tod, eine Oberärztin, die exklusiv nur für uns zuständig ist und die in ihrem stundenlangen Wachen am Krankenbett immer wieder kopfschüttelnd flüstert: »Ein so krankes Kind habe ich zehn Jahre lang nicht gesehen.« Viel tun können wir nicht, nur warten.

Niemand weiß, woher er seine Kraft genommen hat

Das kranke Kind kämpft. Stark und entschlossen um sein Leben. Und wird gesund, groß und ist mittlerweile sieben Jahre alt. Woher es in diesen Stunden und Wochen seine Kraft genommen hat, weiß ich nicht. Es ist für mich ein Wunder, das mich noch heute den Kopf schütteln lässt, wenn ich auf den Träumer blicke, der hinter seinem großen Schlagzeug kaum zu sehen ist.
 Stefanie Bock

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