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Oberhessen

Suchtberatung unter freiem Himmel

Neues Format

Kathleen RetzarAnnett Lockett und Thorsten machen gute Erfahrungen mit dem Format »Walk and Talk«.

LAUTERBACH. »Jetzt ist Schluss mit Alkohol«, sagte sich Thorsten und kontaktierte das Beratungszentrum Vogelsberg. Er war in einer Klinik, und nun würde die Nachsorge in Form von Gruppensitzungen anstehen. Wegen der Corona-Krise ging das nicht. Ein neues Angebot schafft Abhilfe.

Nach einer kurzen Begrüßung mit gebührendem Abstand geht es gleich los. Vom Beratungszentrum in Lauterbach ist es nicht weit bis zum Ortsrand. Viel Natur mit Feldern und Wald erwartet Annett Lockett und ihre Klienten. Das sind meist Menschen, die gegen eine Sucht ankämpfen. Thorsten (voller Name ist der Redaktion bekannt) ist einer von ihnen.

Videotelefonie war keine echte Alternative

Corona hat nicht nur zu Homeschooling und Homeoffice geführt. Im Bereich der Seelsorge und Therapie waren ebenfalls wochenlang keine persönlichen Gespräche möglich. Videotelefonie war keine rechte Alternative. »Man kann außer der Stimme immerhin die Mimik des Klienten wahrnehmen«, erklärt die Sozialtherapeutin und -pädagogin Lockett. »Dennoch kann man die Leute von Angesicht zu Angesicht besser einschätzen. So merke ich der Person an, wenn etwas nicht stimmt.«
Träger des Beratungszentrums ist ein kirchlicher Zweckverband. Lockett und ihr Team, aber auch die Klienten haben während der Corona-Krise den persönlichen Kontakt vermisst. So kam die Idee mit dem »Walk and Talk«: Therapiegespräche beim Spazierengehen führen.

Leichter und lockerer ins Gespräch

Thorsten war von der Idee gleich begeistert. Er kannte die Spaziergänge schon als Therapieform aus der Entzugsklinik und ist sowieso gerne in der Natur unterwegs. Der 50-Jährige ist für ein halbes Jahr in der Nachsorge im Beratungszentrum. Normalerweise heißt das: wöchentliche Treffen mit anderen, die auch von der Alkoholsucht wegkommen wollen.
Ihn stört keineswegs, dass die Treffen nun draußen mit nur einer Pädagogin stattfinden. »Ich finde es auch schön, die Natur zu erleben«, sagt er. »Man kommt hier leichter und lockerer ins Gespräch als im Büro.« Für die Mitarbeiter im Beratungszentrum war es zu Beginn auch eine Umstellung. »Wir mussten eine gute Strecke für eine Therapiestunde finden. Und nicht zu viele Termine auf einen Tag legen. Am ersten Tag lief ich zehn Kilometer«, erzählt Lockett lachend.

Bislang noch keine Rückfälle

Locket hilft im Beratungszentrum nicht nur Menschen mit Alkoholproblemen. Die Nachsorge sei bei ihnen speziell aber unerlässlich: »Im ersten halben Jahr liegt die Rückfallquote bei etwa 60 Prozent«, weiß sie. »Es ist wichtig diese Leute nach einem Klinikaufenthalt nicht sich selbst zu überlassen.« Sie und ihr Team helfen aber auch bei anderen Suchtformen genauso wie im Bereich der Eltern- und Familienberatung. Die neue Form des »Walk and Talk« wollen sie weiterhin anbieten und Treffen, die einen Spaziergang erlauben, nach draußen verlegen. Die erste Gruppensitzung hat diese Woche schon wieder stattgefunden. Und Lockett ist stolz: »Keiner von ihnen hat von einem Rückfall in der Coronakrise berichtet.«

Von Kathleen Retzar

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