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Blickpunkt

Politische Konflikte als Kulturkampf

Kirchen und Populismus

picture alliance/Hendrik Schmidt/dpa

Populisten wie die AfD legen es nach Ansicht des Politologen Jan-Werner Müller darauf an, jeden Konflikt als Kulturkampf darzustellen. Sie aus dem gesellschaftlichen Diskurs völlig auszuschließen, funktioniere aber nicht, sagte der Wissenschaftler von der US-amerikanischen Universität Princeton am Montagabend in Darmstadt.

Damit bestätige man nur ihre Behauptung, die etablierten Parteien hörten nicht zu, erklärte Müller bei einer Tagung der Schader-Stiftung über «Die Kirchen und der Populismus». Es sei ebenfalls falsch, ihnen hinterherzulaufen und ihre Positionen zu übernehmen. «Die Populisten sind immer schneller», sagte der Politikwissenschaftler weiter. «Wenn eine ihrer Forderungen erfüllt wird, legen sie eine weitere drauf.» Müller sieht jedoch keine Alternative zur offenen Auseinandersetzung. «Demokratie ist keine Konsensveranstaltung.»

Volker Jung, Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, sah sich von der Analyse des Politikwissenschaftlers bestätigt. «Wenn wir sagen 'Kirchenmitgliedschaft und AfD-Mitgliedschaft gehen nicht zusammen', dann bereiten wir der AfD eine Bühne und bestärken sie in ihrer Märtyrermentalität.» Er habe darum seine Position bewusst persönlich formuliert: «Ich halte aus meiner christlichen Perspektive die AfD nicht für wählbar.»

Die Kirchen könnten nach Ansicht von Jung aber Räume für den Diskurs eröffnen. «Sie können zur Versachlichung und Differenzierung beitragen», sagte Jung. In Köthen sei dies nach dem Todesfall gelungen. «Da war die Kirche sofort präsent und hat der Trauer und Wut eine Sprache gegeben, die sich nicht gegen andere richtet.» Rechtsextreme instrumentalisierten die Ereignisse in Köthen und Chemnitz. «Das widert mich an», sagte Jung, «weil sie kein Interesse am Schicksal der betroffenen Menschen haben».

Zuvor hatte der Leipziger Theologe und Sozialforscher Gert Pickel festgestellt, dass Christen nicht gegen Einflüsterungen von Populisten gefeit seien. Sie seien dafür aber auch nicht anfälliger als der Durchschnitt der Bevölkerung. Allerdings belegten Studien, dass intensiv praktizierende Christen eher konservativen Einstellungen zuneigten. So fänden Aussagen wie «Das Land braucht einen starken Führer» oder «Es sollte weniger Einwanderer geben» bei ihnen eine höhere Zustimmung als bei Konfessionslosen oder Menschen mit loser Kirchenbindung.

Grundsätzlich sind Pickel zufolge konservative Protestanten wie Katholiken gleichermaßen offen für Populismus. Sie nähmen Muslime als bedrohlich war, vor allem in Ostdeutschland, obwohl deren Anteil an der Bevölkerung dort geringer sei als im Westen. Gleichwohl fänden Flüchtlinge gerade in kirchlichen Kreisen viel Unterstützung, beobachtet Pickert eine «Polarisierung unter Christen»: Religiöse Toleranz und Offenheit einerseits, Islam als «Fokus gruppenbezogener Ablehnung» andererseits. Den verfassten Kirchen riet Pickel, sich stärker als Moderator für ein vorurteilsfreies Islambild zu engagieren.

Ähnlich wie Pickel bescheinigte auch Hilke Rebenstorf vom Sozialwissenschaftlichen Institut der Evangelischen Kirche in Deutschland den Christen, sei seien insgesamt «relativ unauffällig, wenn es um die Einstellung zum Islam geht». Zugleich schränkte sie aber ein: «Wenn religiöse Menschen ein Problem mit dem Islam haben, dann die regelmäßigen Kirchgänger.» Auch gäben 62 Prozent der Deutschen bei Befragungen an, sie wüssten eher wenig über den Islam. epd/Wolfgang Weissgerber

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