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Blickpunkt

Kampagne gegen Armut im Alter in Hessen

2.6 Millionen Armutsgefährdete

picture alliance / Jan Tepass

Eine steigende Altersarmut sieht der Sozialwissenschaftler Stefan Sell von der Hochschule Koblenz auf Deutschland zukommen. Er warnt davor, erst dann von Altersarmut zu sprechen, wenn Menschen Grundsicherung im Alter beantragen, wie das zunehmend Politiker täten.

FRANKFURT. Die Gruppe der Armutsgefährdeten sei wesentlich größer und werde in den kommenden Jahren stark ansteigen, prognostizierte der Sozialwissenschaftler Stefan Sell in Frankfurt. Dort startet das »Bündnis für Soziale Gerechtigkeit in Hessen«, ein Zusammenschluss von mehr als 30 Sozialverbänden, kirchlichen und gewerkschaftlichen Organisationen, die Kampagne gegen Armut im Alter in Hessen.

Schwelle für die Armutsgefährdung liegt bei 999 Euro

Etwa drei Prozent der Menschen beziehen Grundsicherung im Alter, der durchschnittliche Bedarf liege bei 800 Euro. Beschränke man Armut im Alter auf diese Gruppe, verharmlose man das Problem, sagte Sell. Nach der international anerkannten Definition von Statistikern und Armutsforschern gelte als armutsgefährdet, wer weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens der Bevölkerung hat. Derzeit liege die Schwelle für die Armutsgefährdung bei 999 Euro für eine alleinstehende Person. »Diese Menschen sind schlichtweg arm«, sagte Sell.

Boom auf dem Arbeitsmarkt hat keinen Effekt

Im Jahr 2005 waren nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 1,7 Millionen Menschen armutsgefährdet, 2016 waren es 2,5 Millionen und heute sind es nach den Worten des Sozialwissenschaftlers 2,6 Millionen. Die Zahl steige kontinuierlich, der Boom auf dem Arbeitsmarkt habe wegen des niedrigen Mindestlohns, gebrochener Erwerbsbiografien und vieler Teilzeitbeschäftigten keinen Effekt auf die Armutsquote. »Das muss beunruhigen«, sagte Sell.

Frauen gehören zur Hochrisikogruppe

Von Armut gefährdet seien Frauen, die sich nach der Heirat aus dem Berufsleben zurückgezogen und um die Familie gekümmert haben. »Sie sind eine Hochrisikogruppe«, betonte Sell. Als stark gefährdet sieht er allerdings auch ehemalige Selbstständige, die nicht fürs Alter vorsorgen konnten, und Ostdeutsche, die bei der Wende um die 40 Jahre alt waren und ihre Arbeit verloren haben. »Sie werden nicht still halten wenn sie begreifen, was auf sie zukommt«, sagte Sell voraus.
Ein »zentrales Problem« sieht der Forscher in der Rentenformel und dem deutschen »Eckrentner«. Nach dessen Einkommen wurde die Absenkung des Rentenniveaus auf 48 Prozent des früheren Einkommens berechnet. Um nach 45 Arbeitsjahren auf eine Brutto-Rente von 1.396 Euro zu kommen, müsse ein Arbeitnehmer kontinuierlich das durchschnittliche Entgelt verdient haben. 2017 lag dieses bei 3.092 Euro im Monat. Allerdings, so Sell, verdienten in Ostdeutschland im Jahr 2016 rund 1,2 Millionen Menschen in Vollzeit weniger als 2000 Euro im Monat. In Westdeutschland seien es 2,5 Millionen Menschen gewesen. Ihnen allen drohe Altersarmut.

Plädoyer für eine Rente nach Mindesteinkommen

Wer zum gesetzlichen Mindestlohn von derzeit 8,84 Euro pro Stunde Vollzeit arbeite, bekomme ein Bruttogehalt von 1.532 Euro. Um mit diesem Einkommen auf die für den »Eckrentner« ausgewiesene Monatsrente zu kommen, müsse er 90 Jahre arbeiten, rechnete Sell vor. Arbeite er »nur« 45 Jahre, komme er auf eine Rente von 691 Euro und liege damit unterhalb der Schwelle für Grundsicherung im Alter. Der Sozialwissenschaftler plädiert deshalb für eine »Rente nach Mindesteinkommen«, die im bestehenden System machbar sei.
In seinem Aufruf gegen Altersarmut fordert das »Bündnis für Soziale Gerechtigkeit in Hessen«, dass die gesetzliche Rente bedingungslos für alle das Existenzminimum übersteigen müsse, unabhängig vom Erwerbsverlauf. Außerdem plädieren die Sozialverbände für eine Eindämmung des Niedriglohnsektors und die Abschaffung von Minijobs sowie die Aufwertung und bessere Bezahlung von Erziehung und Pflege. epd

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