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Meinung

Prima Klima

In Sachen Klima muss etwas geschehen. Wie bewahrt man die Errungenschaften der modernen Zivilisation, ohne zugleich die Erde zu verwüsten?

esz / N. KohlheppWolfgang Weissgerber

Niemand will die vorindustrielle Zeit zurück. Auch Greta Thunberg vermutlich nicht, die mit ihrem anfangs stillen Protest des Schulstreiks fürs Klima eine lautstarke weltweite Bewegung losgetreten hat. Doch es muss etwas geschehen. Die Klimakonferenz in Madrid war nicht die erste und ganz sicher nicht die letzte.

Lebte die Menschheit wieder wie vor 300 Jahren, bliebe ihr viel erspart. Sie würde von globaler Erwärmung und steigenden Meeresspiegeln verschont, Dürren und Stürme blieben auf ein erträgliches Maß beschränkt. Holland und die Malediven existierten weiter. Mitteleuropa hätte warme Sommer, keine quälend heißen, und kalte Winter, keine nassen. Aber wäre das den Verzicht auf Fernsehen und Internet, Telefon, elektrisches Licht und Zentralheizung, auf Autos und Flugreisen wert? Geht es nicht auch anders?

Die Menschheit steht vor dem Dilemma, die schönen Errungenschaften der modernen Zivilisation zu bewahren und zugleich die Erde den künftigen Generationen bewohnbar zu hinterlassen. Sie steht aber auch vor dem Dilemma, dass ein großer Teil der Menschen zu vielen dieser Errungenschaften keinen Zugang hat und sehnsuchtsvoll danach strebt. Der Vorschlag von Brot für die Welt, Deutschland möge arme Länder bei der Bewältigung der Klimafolgen unterstützen, kann nur ein Anfang sein.

Das reichste Land der Welt mit dem größten Energieverbrauch pro Kopf, die USA, bestreitet den Klimawandel und den Einfluss des Menschen auf das Weltklima. Die bereits vereinbarten Schutzmaßnahmen kündigt es auf. Auch wir Europäer tun uns schwer, die gemeinsam formulierten Klimaziele – Begrenzung der Erderwärmung auf plus zwei oder besser 1,5 Grad – zu erreichen. Wie können wir da von Indern und Chinesen erwarten, auf weiteres Wirtschaftswachstum zu verzichten? Was soll den erstarkenden Mittelstand in diesen Ländern davon abhalten, sich deutsche Luxuslimousinen zu kaufen, sobald sie sich das leisten können? Immerhin hat die Regierung Chinas die Folgen von Umweltzerstörung erkannt und erste Gegenmaßnahmen ergriffen.

Während in Deutschland der CO 2 -Ausstoß in vielen Bereichen sinkt, wenn auch noch nicht genug, so weisen die Zahlen beim Individualverkehr weiter nach oben. Die technischen Möglichkeiten zur Entwicklung spritsparender Motoren werden konterkariert vom Wunsch der Käufer nach mehr Leistung. Das Drei-Liter-Auto Lupo war der größte Flop in der Firmengeschichte von VW. Selbst Familienkutschen haben heute 150 PS oder mehr und schaffen mühelos Tempo 200.

Reicht die Einsicht nicht aus, geht es nur über den Preis. Ist der Sprit immer noch zu billig, als dass der Verbrauch beim Kaufentscheid eine Rolle spielt? Oder achten nur diejenigen darauf, die es müssen, den anderen ist es egal? Solange bei Dienstwagen der Arbeitgeber die Tankrechnung zahlt, sind Appelle an die Vernunft vergebens. Auch in der Luft jagt ein Rekord den anderen. 2018 sind 1,1 Milliarden Menschen in der Europäischen Union geflogen – 40 Prozent mehr als 2010. Offenbar kostet auch Fliegen zu wenig.

Der große Wurf, mit dem alle Umwelt- und Klimaprobleme zu lösen wären, ist leider nicht in Sicht. Jede Maßnahme für sich allein bewirkt kaum etwas Messbares. Das kleine, aber reiche und wirtschaftsstarke Deutschland ist nur zu zwei Prozent am Weltausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid unmittelbar beteiligt. Das ist zwar doppelt so viel, wie es seinem Einprozentanteil an der Weltbevölkerung entspräche, aber eben nur ein Bruchteil. Ein Grund, in den Bemühungen nachzulassen, ist das aber nicht. Nur wenn die Industrienationen ihren Ausstoß senken, werden sich auch aufstrebende Länder darauf einlassen. Es dürfte kaum gelingen, die Armen davon abzuhalten, die Umweltsünden der Reichen zu wiederholen, wenn diese damit ungerührt fortfahren.

Von Wolfgang Weissgerber

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