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Meinung

Sexy Demokratie

Bürgerinnen und Bürger aus ganz unterschiedlichen Lebenswelten kommen zusammen und reden über Politik. Das passiert gerade in Frankfurt. Die Initiative »mehr als wählen«, eine Gruppe engagierter junger Menschen, hat den »Demokratiekonvent« ins Leben gerufen. Einige Monate vor der Europawahl ein guter Zeitpunkt. Bitte mehr davon! Neue Formate, damit sich auch junge Menschen für Demokratie interessieren. Spannend, lebensnah und sexy muss es sein.

Gut, Demokratiekonvent klingt erst einmal nicht so verlockend. Aber das Konzept ist es. Ausgeloste Kandidatinnen und Kandidaten erarbeiten gemeinsam Vorschläge für eine bessere Bürgerbeteiligung und übergeben sie Oberbürgermeister Peter Feldmann.

Demokratie ist nämlich keine Selbstläuferin. Vor wenigen Tagen erinnerten Politiker an die mutigen Frauen und Männer der in Weimar tagenden Nationalversammlung, die nach dem Ersten Weltkrieg die Verfassung einer freiheitlichen Demokratie entwarfen. Mit der Einführung des Frauenwahlrechts, des Achtstunden-Arbeitstages, der Trennung von Staat und Kirche sowie der Begründung des sozialen Rechtsstaats galt sie als eine der modernsten Verfassungen weltweit.

Heute ist die deutsche Demokratie in Gefahr. Prognosen für die Wahlen in Bremen, Sachsen, Thüringen und Brandenburg verheißen nichts Gutes. In mindestens einem der Ostländer rechnet sich die AfD Chancen aus, stärkste Kraft zu werden. Kein unrealistisches Ziel: Bei der Bundestagswahl 2017 lag die Partei in Sachsen mit 30,8 Prozent vor der CDU.

Jetzt ist Handeln angesagt. Abends die Tagesschau gucken und alle vier Jahre ein Kreuzchen setzen, reicht nicht. Die Bürgerinnen und Bürger müssen wissen, wie Demokratie funktioniert. Dazu gehört mindestens das Lesen der Parteiprogramme. Zu oft fallen Wähler auf Fakten-Verdreher und Populisten herein, die ihnen das Blaue vom Himmel versprechen.

Jugendliche kommen kaum von selbst auf die Idee, sich mit Freunden über Demokratie zu unterhalten. Da müssen Politik und Gesellschaft nachhelfen. Spätestens in der Schule. Davon ist Deutschland meilenweit entfernt. Die Vermittlung von Demokratie spielt im Unterricht für die meisten Lehrkräfte (95 Prozent) kaum eine Bedeutung, heißt es in einer Bertelsmann-Studie vom vergangenen November. Teilnahme an Schülerparlamenten oder Projektwochen sind demnach eine absolute Ausnahme. Das muss sich schleunigst ändern. Das Fach Demokratie gehört auf den Stundenplan.

Aber nicht nur die Schule pennt. Auch im Radio und Fernsehen verdienen Beiträge über Demokratie Plätze zur besten Sendezeit. Es ist schön, dass Politiker und Kirchenoberhäupter Vorträge halten über Fragen wie »Was hält unsere Gesellschaft zusammen?« Potenzielle Demokraten von Morgen erreichen sie damit gewiss nicht. Auch akademische Institutionen schrecken viele ab. So musste die Ausschreibung für das diesjährige Stipendium der »Jungen Akademie« der Evangelischen Akademie Frankfurt um zwei Monate verlängert werden, damit die angestrebten 30 Teilnehmer zusammenkamen. Bei dem Programm entwickeln junge Erwachsene Projekte wie das Public-Viewing-Event »Humor ist ...«. Zu jeder Ausgabe der ZDF-Satireshow »Die Anstalt« trifft sich eine Gruppe, um die Themen im Anschluss zu vertiefen.

Es braucht niederschwellige Angebote im lokalen Raum. Das können Bürgerdiskussionen sein. Aber nicht nur in der Vereinskneipe. Gerne auch in einem angesagten Café oder in Internetforen. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Wichtig sind Teilnehmer aus allen gesellschaftlichten Schichten und Gäste mit konträren Positionen. Demokratie darf auch mal laut sein. Streit gehört dazu. Nur Langeweile nicht.

Carina Dobra

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