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Meinung

Vertane Chance

In vielen europäischen Ländern ist jeder automatisch Organspender, wenn er dem zu Lebzeiten nicht ausdrücklich widersprochen hat. Da hat der Bundestag eine Chance vertan.

esz / N. KohlheppWolfgang Weissgerber

Wer die Transplantation seiner Organe ablehnt, sollte sich gründlich überlegen, wo er sein Leben aushaucht. In vielen europäischen Ländern ist nämlich jeder, auch ein tödlich verunglückter Tourist aus dem Ausland, automatisch Organspender – es sei denn, er hat dem zu Lebzeiten ausdrücklich widersprochen. In Bulgarien nützt selbst das nichts. Dort ist die Organentnahme »im Notstand« – wenn Leber, Herz oder Niere dringend benötigt werden – grundsätzlich immer zulässig. Das geht nach hiesigem Rechtsempfinden gewiss zu weit. Doch der Deutsche Bundestag hat mit seinem Beschluss zur Organspende eine Chance vertan.

Natürlich sind die Bedenken gegen die nun verworfene Widerspruchsregelung ernst zu nehmen. Entsprechend zufrieden sind mit der Entscheidung die christlichen Kirchen, weil sie »ein wichtiges Zeichen für den Erhalt und den Schutz grundlegender medizinethischer und grundrechtlicher Prinzipien« setze. In einer gemeinsamen Erklärung sehen sie weiterhin eine möglichst große Entscheidungsfreiheit gewahrt und suggerieren damit, die sei andernfalls beschnitten worden.

Aber stimmt das wirklich? Auch bei der Widerspruchsregelung wäre jeder Mensch in Deutschland frei in seiner Entscheidung, die Entnahme seiner Organe zu untersagen. Er müsste sich mit dieser Frage allerdings aktiv auseinandersetzen. Selbst wenn er das unterließe, könnten seine Angehörigen im Todesfall die Organverpflanzung untersagen.

Nun sollen wenigstens Krankenkassen und Meldeämter regelmäßig auf die Möglichkeit hinweisen, zur Organspende eine Entscheidung zu treffen, Hausärzte sollen ihre Patienten entsprechend beraten. Aber ob das wirklich ausreicht? Wer sich nicht entscheiden will, lässt es. Selbst erklärte Gegner der Widerspruchslösung sind sich ja mit deren Befürwortern einig in dem Ziel, mehr Organspenden zu bekommen. Doch die Entscheidungsregelung sorgt zuverlässig dafür, dass Menschen nur deshalb nicht als Organspender in Frage kommen, weil sie sich zu Lebzeiten um diese Entscheidung gedrückt und den Gedanken an den eigenen Tod erfolgreich verdrängt haben.

Dabei stehen laut Umfragen mehr als vier Fünftel der Menschen in Deutschland einer Organspende grundsätzlich positiv gegenüber, doch nur etwa zwei Fünftel haben das auch durch eine Patientenverfügung oder einen Organspenderausweis dokumentiert. Was hält die anderen davon ab? Manche belastet die Sorge, Ärzte könnten bei einem Schwerverletzten die lebenserhaltenden Apparate abschalten, um an seine Organe heranzukommen. Das ist eine irrationale Angst, denn die beteiligten Intensivmediziner sind nur diesem einen Patienten und dessen Leben verpflichtet. Seine Organe verpflanzen andere.

Außerdem: Selbst wen solche Ängste plagen, den beruhigt vielleicht das Wissen, im Falle einer schweren Erkrankung durch eine Transplantation gerettet zu werden. Theoretisch zumindest. Derzeit stehen fast 10 000 Todkranke auf auf der Warteliste für Verpflanzung. Knapp 1000 Menschen pro Jahr warten vergeblich darauf und sterben. Hoffnung auf Besserung gibt es so bald nicht. Von Wolfgang Weissgerber

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