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Meinung

Zwischenbilanz

Europa scheint bei Corona letzlich glimpflich davonzukommen. Die Aussicht auf einen eben noch undenkbaren Urlaub am Meer ist aber kein Grund zur Sorglosigkeit.

eszChefredakteur Wolfgang Weissgerber

Brasilien holt auf. Selbst Russland hat das nach Fläche und Bevölkerung größte Land Südamerikas hinter sich gelassen. Nach den USA erlebt das südamerikanische Land die zweitmeisten Corona-Infektionen weltweit. Das kommt nicht von ungefähr: Der rechtsradikale Präsident Jair Bolsonaro hat die Gefahr durch das Covid-19-Virus lange ignoriert, bestritten, heruntergespielt. Jetzt fährt es seine grausige Ernte ein.

Bolsonaro steht in einer Reihe mit Donald Trump in den USA, Boris Johnson in Großbritannien und Wladimir Putin in Russland, die ähnlich verbohrt und beratungsresistent agieren. Mit denselben vorhersehbaren Folgen. Dabei hätte Brasilien, neuntgrößte Wirtschaftsnation der Welt, mit die besten Chancen unter den Ländern Lateinamerikas, im Kampf gegen das Virus zu bestehen. Zumindest theoretisch, dank seines ökonomischen Potenzials – trotz großer sozialer Ungleichheit und lückenhafter Infrastruktur.

Für die meisten anderen Staaten in Mittel- und Südamerikas sieht es dagegen düster aus. Nachdem in Europa selbst die anfangs kalt erwischten Industrieländer Italien, Spanien und Frankreich das Schlimmste wohl überstanden haben und zurück zu so etwas wie Normalität streben, scheint sich der Subkontinent zum nächsten Epizentrum der Pandemie zu entwickeln.

Das bettelarme Guatemala, bislang nicht übermäßig betroffen von dem Virus, steht schon jetzt mit dem Rücken zur Wand.

Die medizinische Infrastruktur ist solch einer Krankheitswelle nicht gewachsen. Von Beatmungsgeräten können die meisten Krankenhäuser der Region nur träumen. Wenn das Virus erst richtig grassiert, schnellen die Todesraten vermutlich in Höhen, die selbst die schlimmsten Schreckensszenarien übertreffen. Doch auch der Kampf gegen Corona hat fatale Folgen.
Soziale Sicherungssysteme wie im reichen Europa fehlen in Guatemala wie in etlichen anderen Ländern Lateinamerikas völlig oder sind (wie auch in den USA übrigens) unzureichend. Lockdown-Maßnahmen zwingen nicht nur die fragile Wirtschaft in die Knie. Sie bringen gerade die Ärmsten der Armen – Tagelöhner und Wanderarbeiter – um ihren kargen Lohn, wenn es von heute auf morgen keine Jobs mehr für sie gibt. Der Hunger ist für sie weitaus bedrohlicher als das unsichtbare Virus.

Afrika hat das bereits zu spüren bekommen. Zwar sind dort die Infektionsraten bis jetzt erstaunlich überschaubar geblieben. Epizentren sind beispielsweise der anarchische Norden Nigerias oder das disparate, jeder staatlichen Ordnung verlustig gegangene Somalia, doch die meisten Länder konnten das Virus bislang mit für die Bevölkerung schmerzhaften Einschränkungen halbwegs im Zaum halten. Hilfsorganisationen rechnen als Folge nun aber damit, dass die Zahl der von Hunger betroffenen Menschen sprunghaft von 820 Millionen auf eine Milliarde Menschen steigt.

Europa scheint also überwiegend glimpflich davonzukommen. Die Aussicht auf einen eben noch undenkbaren Urlaub am Meer ist aber kein Grund zur Sorglosigkeit. Im Gegenteil – Leichtsinn angesichts erster Lockerungen könnte die Vorfreude wieder zunichtemachen.
Nur unter strengster Einhaltung der Vorsichtsmaßnahmen ist es wieder möglich, Kneipen und Restaurants, Freunde oder einen Gottesdienst zu besuchen. In Deutschland waren die Maßnahmen im Vergleich zu manchen Nachbarn ohnehin moderat. Zwei aktuelle Masseninfektionen – neben einer Baptistengemeinde in Frankfurt traf es in Norddeutschland eine Gaststätte – zeigen, wie trügerisch die vermeintliche Sicherheit ist.

Eine zweite Infektionswelle ist möglich, sogar wahrscheinlich. Wer da glaubt, auf »Hygiene-Demonstrationen« Hand in Hand mit Rechts- und Linksextremisten die Freiheit und die Grundrechte verteidigen zu müssen, hat nichts begriffen.
Von Wolfgang Weissgerber

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