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Meinung

Verpufft

esz / N. KohlheppNils Sandrisser

N un müsse man den Leuten endlich mal zuhören, hieß es vor vier Jahren, als die Pegida-Bewegung Dresdens Straßen und Plätze füllte. Weil der angeblich linke Mainstream Menschen mit konservativem Weltbild nie ernst genommen habe, äußere sich der Protest jetzt so aggressiv.

Nach vielen Runden des Zuhörens und politischen Entgegenkommens – zum Beispiel mit der Verschärfung des Asylrechts oder der Begrenzung des Familiennachzugs – bleibt die Erkenntnis, dass all das an der Aggressivität, die von Rechtsaußen kommt, nichts verändert hat. Die ehemalige Professorenpartei AfD hat sich seither mehrfach radikalisiert. Nun fordert der Leiter der Evangelischen Zentrale für Weltanschauungsfragen, Reinhard Hempelmann, eine klarere Kante. Auch die hessen-nassauische Landeskirche will ihre Werte stärker betonen.

Immer noch muss die Prämisse gelten: Sorgen der Menschen ernst nehmen! Über Abstiegsängste wird bislang aber kaum gesprochen. Unbestreitbar ist es nämlich Angst, die den rechten Furor befeuert. Zwar stimmt es nicht, dass es vor allem Arme und Abgehängte seien, die in Scharen der AfD hinterherlaufen. Die Partei hat ihre Anhängerschaft vor allem in der Mittelschicht. Das ist insofern nicht ungewöhnlich, als dass diese Gruppe auch in der Vergangenheit Träger der Radikalisierung war. Auch wer einen sicheren Job und ein kleines Häuschen hat und damit reicher ist als 90 Prozent der Menschheit, darf Angst vor Abstieg haben. Das ist nicht das Problem. Die Frage ist: Warum gelingt es vielen Menschen, mit ihren Ängsten konstruktiv umzugehen, ohne Flüchtlinge oder Muslime für alles Mögliche verantwortlich zu machen oder eine Verschwörung »der Elite« gegen »das Volk« zu wittern, während andere das nicht schaffen?

A ntworten auf diese Frage liefern die Sozialwissenschaften. Zum Beispiel die aktuelle »Mitte«-Studie der Uni Leipzig. »Die Agitatoren verführen nicht, sondern greifen fast schlafwandlerisch die Bedürfnisse ihrer Zuhörerinnen und Zuhörer auf. Diese fallen nicht auf die Populisten herein, sondern beide erschaffen sich gegenseitig«, schreibt darin der Sozialpsychologe Oliver Decker. Demnach gibt es Menschen, die autoritäre Sichtweisen verinnerlicht haben, und zwar ganz unabhängig von äußeren Faktoren wie Wirtschaftslage oder Zuwanderung. Das sind lediglich Katalysatoren. Es erklärt, warum alles Entgegenkommen bislang so verpufft ist. »Wer glaubt, Populisten seien enttäuschte Demokraten, geht in die Irre«, sagt Decker.

Sozialwissenschaften unterscheiden zwischen Einstellung und Verhalten. Schon seit Jahrzehnten wissen Forscher, dass etwa ein Fünftel der Bevölkerung antisemitisch oder rassistisch denkt. AfD und Pegida haben also nicht dafür gesorgt, dass extremistische Meinungen mehr werden, sondern sie erlauben lediglich, Einstellung und Verhalten in Deckung zu bringen.

Wer autoritär tickt, dem muss wieder klar werden, dass die Mehrheit liberal und demokratisch leben will. Damit hier keine Missverständnisse aufkommen: Körperliche Gewalt gegen Autoritäre wie mutmaßlich im Fall des Bremer AfD-Abgeordneten Frank Magnitz ist barbarisch und verbietet sich von selbst. Nicht die Menschen sind abzulehnen, sondern deren Positionen. Insofern ergibt es schon Sinn, wenn die Kirchen deutlicher darauf hinweisen, welche Werte für sie und für eine demokratische Gesellschaft nicht verhandelbar sind. Viel mehr bleibt auch nicht übrig, darauf weist zum Beispiel der Gewaltforscher Wilhelm Heitmeyer hin. Er fügt aber hinzu, dass Gegenrede auf Demos oder im kirchlichen Stuhlkreis nicht reicht. Sie muss auch im Alltag kommen.

E s ist nicht anzunehmen, dass mehr Gegenrede die Autoritären in überzeugte Demokraten verwandelt, die ihre Ängste fürderhin konstruktiv bearbeiten können und Wut auf Minderheiten als Ventil nicht mehr brauchen. Aber sie kann dazu beitragen, dass diese Menschen sich wieder als die Minderheit fühlen, die sie sind.

Von Nils Sandrisser

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