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Meinung

Gebrüll

Klar ist: Die tieferen Ursachen für Verschwörungsglaube und autoritären Rechtsradikalismus liegen auf psychologischer Ebene. Aber die Menschen kann man nicht ändern. Was also tun?

esz / N. KohlheppNils Sandrisser

Rechtsradikale Parteien haben bei der Europawahl satte Stimmengewinne eingefahren. Autoritäres Gebrüll liegt im Trend, so scheint es. Gleichfalls schwer in Mode sind Verschwörungstheorien. Die aktuelle Auflage der Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung spricht von 46 Prozent der Menschen, die glauben, dass geheime Organisationen großen Einfluss auf politische Entscheidungen hätten.

Auf den ersten Blick haben autoritäres und verschwörungstheoretisches Gedankengut nicht viel miteinander zu tun. Aber wer verschwörungstheoretisch argumentiert, plädiert damit unterschwellig für eine autoritäre Gesellschaft, darauf weist der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen hin. Denn andere Menschen sind in solchen Vorstellungswelten unwissende und daher unmündige Opfer. »Der Einzelne, das ist die logische Konsequenz, ist im Zweifel unwichtig und verzichtbar«, sagt Pörksen. Gerade in rechten Kreisen ist die Theorie des »Bevölkerungsaustauschs« beliebt: Die Regierung wolle die Deutschen durch muslimische Zuwanderer ersetzen.

Klar scheint, dass Verschwörungsgläubige vor allem aus inneren Bedürfnissen heraus an ihre Theorien glauben. Exakt die gleichen Motive liegen auch autoritären Einstellungen zugrunde. Tatsächlich heißt die eigentliche Frage, warum es vielen Menschen gelingt, ihren sozialen Stress so zu bewältigen, dass sie andere Menschen nicht abwerten müssen, und anderen das nicht gelingt.

O bwohl es sich um psychologische und nicht um politische Probleme handelt, verbietet sich eine psychologische Lösung. Da muss man nicht erst auf die Sowjetunion unter Breschnew verweisen, der alle Regimegegner für geisteskrank erklären und in Psychiatrien verschwinden ließ. Menschen mit autoritären Einstellungen haben Entwicklungsdefizite und können unangenehme Zeitgenossen sein, sind aber nicht psychisch krank, und sie haben Anspruch darauf, dass der Rest der Gesellschaft sie auch entsprechend behandelt. Sie haben allerdings keinen Anspruch darauf, dass der Rest der Gesellschaft ihren Forderungen – Grenzen dicht! Kopftücher verbieten! Kein Holocaust-Gedenken mehr! – nachgibt. Denn die sind in weiten Teilen menschenverachtend. Das Problem ist nur, ihnen klarzumachen, dass sie darauf keinen Anspruch haben.

Die Politik tut derzeit genau das Falsche und gibt den Forderungen nach. Sie beschließt ein »Geordnete-Rückkehr-Gesetz«, das Bemühungen zu mehr Integration hohnspricht. Bayern pfercht Asylbewerber in »Ankerzentren« zusammen, obwohl alle Sachverständigen warnen, dass dies Gewalt hervorruft. Ein Ruf nach Gesetzesverschärfung folgt dem anderen.

Das alles hat das Gebrüll der Autoritären nicht verstummen oder auch nur leiser werden lassen. Natürlich nicht. Denn wenn man davon ausgeht, dass die Ursachen für dieses Gebrüll vor allem in den Leuten selbst liegen – und man muss davon ausgehen, wenn man nicht alle Erkenntnisse von Psychologie und Pädagogik ignorieren will –, dann bräuchte es Antworten auf ganz andere Fragen. Wie die Menschen in Zukunft ihre Miete bezahlen sollen, zum Beispiel. Wer sie pflegt, wenn sie alt sind. Welche Arbeit sie machen werden, wenn die Digitalisierung viele Jobs wegfallen lässt. Wie man die Investmentbanken davon abhält, die Weltwirtschaft erneut in den Abgrund zu treiben. Wie man Steuerbetrüger stoppt, die mit »Cum-Ex«-Geschäften den Staat um Milliarden schröpfen. Wie man einen Zerfall der Euro-Zone abwendet. Wie man die Erderwärmung begrenzt.

A ll diese Fragen hat die Regierungskoalition ignoriert, weil sie seit 2015 kaum noch ein anderes Thema als Flüchtlinge kennt. Dabei sind das die Fragen, die den Menschen wirklich Angst machen. Flüchtlinge sind bloß Sündenböcke. Wir können nichts daran ändern, dass manche Menschen ihre Ängste durch Abwertung anderer bearbeiten. Ginge man an die wirklichen Themen heran, würden aber jene Ängste weniger werden. Dann würde das autoritäre Gebrüll allmählich leiser werden.

Von Nils Sandrisser

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