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Meinung

Im Griff

Corona hat das Land fest im Griff. Die Welt ist eine andere geworden, und sie wird auch danach eine andere sein.

eszChefredakteur Wolfgang Weissgerber

Corona hat das Land fest im Griff. Buchstäblich die ganze Welt, auch die bislang noch weitgehend verschonten Länder, bereiten sich auf die Pandemie vor oder sind längst voll im Kampf gegen den Virus engagiert. Die Welt ist eine andere geworden, und sie wird auch danach eine andere sein.

Die meisten Betriebe und Verwaltungen haben ihre Belegschaft nach Hause geschickt – aber keineswegs in die Freizeit. Homeoffice heißt das neudeutsche Zauberwort. Das gab es auch schon vor Corona. Doch bislang war es eine Ausnahmesituation, die je nach Sichtweise als Garant von Freiheit und Flexibilität oder als perfides Instrument der Ausbeutung galt. Jetzt ist Homeoffice der Regelfall. Es ist nicht ausgeschlossen, dass es so bleiben wird, zumindest aber auch nach Corona deutlich häufiger vorkommen wird – mit allen Vor- und Nachteilen.

Viele Beschäftigte scheinen in der Heimarbeit aber eine Chance für individuelle Freiheit zu sehen und verlagern – das wollen wir freundlich unterstellen – die Tätigkeit fürs Unternehmen in die Abend- und Nachtstunden. Tagsüber werden, sofern keine Kinder zu beaufsichtigen sind, Haus und Garten auf Vordermann gebracht, längst überfällige Reparaturen erledigt, Keller und Dachböden entrümpelt. Vor Baumärkten war Anfang voriger Woche jedenfalls kaum ein Parkplatz zu bekommen, und die Stadt Frankfurt bat ihre Bürgerinnen und Bürger, die Wertstoffhöfe nur noch in dringenden Fällen aufzusuchen.
Andere spüren in der Heimarbeit noch mehr Leistungsdruck als in der herkömmlichen Büroumgebung und wissen buchstäblich kaum noch, wo ihnen der Kopf steht. Die ungeheuren Datenmengen, die plötzlich kreuz und quer durchs Land fließen, zeugen nicht nur von ungebremster Schaffenskraft. Siebringen Netze und Server an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit. Auch die Kirchen tragen mit vielfältigen, fantasievollen E-Alternativen für Gottesdienst und Seelsorge nicht nur zur Erbauung einer verunsicherten Gesellschaft, sondern auch zum Datenstau bei. Die Digitalisierung offenbart Lücken, die nun geschlossen werden müssen.

Mehr und mehr scheint die Einsicht Oberhand zu gewinnen, dass allein der Verzicht auf alle nicht unbedingt notwendigen Kontakte die Verbreitung des Virus eindämmen oder zumindest verzögern kann. Bund und Länder haben Freiheit und Freizügigkeit teils empfindlich eingeschränkt, ohne dass sich nennenswerter Widerstand regt. Doch nicht nur Verfassungsrechtler fragen sich, ob der Staat da nicht zu weit geht. Andere Länder, das vom Corona-Virus schwer getroffene Italien zum Beispiel oder auch Frankreich, haben noch drastischere Maßnahmen in Kraft gesetzt. Liberale Rechtsstaaten gebärden sich in der Krise auf einmal autoritär.
Die westeuropäischen Demokratien sind aber allem Anschein nach soweit gefestigt, dass Befürchtungen, es bleibe dabei auch nach der Krise, wohl unbegründet sind. Populistisch regierte Länder wie Polen, Tschechien, Ungarn und selbst das einst so liberale Dänemark, die als erste die Grenzen auch zu ihren Nachbarn in der EU schlossen, könnten sich in der Einschränkung von Bürgerrechten aber bestärkt fühlen.

Die Folgen der Corona-Krise für Handel und Gewerbe, aber auch für die Kultur sind immens und noch kaum abzusehen. Hotels, Gastronomie, Luftfahrt und Tourismus stehen am Abgrund. Die Industrieproduktion steht schon teilweise still. Das Milliardenpaket der Bundesregierung wird vielleicht Großbetriebe und Mittelständler retten. Ob es aber auch Kleinkünstler, Friseure, Wirte und andere Selbstständige, deren Geschäftsmodell über Nacht zerbröselt, vor dem Untergang bewahrt? Was ist mit säumigen Mietern, die zwar vorerst Kündigungsschutz genießen, wenn die Einnahmen wegbrechen, aber anschließend auf einem Berg von Schulden sitzen? Wie belastbar ist unser krankgespartes Gesundheitssystem? Fragen über Fragen – die Antworten stehen noch aus. Von Wolfgang Weissgerber

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