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Meinung

Mutig handeln

Mit noch so gut gemeinten Reden alleine schützt man keine Menschen vor dem Ertrinken. Auf dem Mittelmeer braucht es dazu Schiffe.

esz / N. KohlheppRenate Haller

Man lässt keine Menschen ertrinken. Punkt.« Klare Worte der Hannoveraner Pfarrerin Sandra Bils beim Abschlussgottesdienst des Evangelischen Kirchentags vor drei Wochen in Dortmund.

Dort war sie war nicht die einzige, die sich mehr Engagement für Flüchtlinge wünschte, die versuchen, über das Mittelmeer nach Europa zu kommen und dabei ihr Leben aufs Spiel setzen. Palermos Bürgermeister Leoluca Orlando verlangte unter großem Beifall offene Häfen zum Schutz von Flüchtlingen, der Journalist und Kirchentagspräsident Hans Leyendecker prangerte das tägliche Sterben an und forderte dazu auf, Haltung zu zeigen.

Konkret wurde der Europaabgeordnete der Grünen, Sven Giegold: Gemeinsam mit der Juristin und Publizistin Beatrice von Weizsäcker und anderen forderte er die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und ihre Gliedkirchen auf, mutig zu handeln: »Schickt selbst ein Schiff in das tödlichste Gewässer der Welt. Ein Schiff der Gemeinschaft, der Solidarität und Nächstenliebe. Ein Schiff von uns, von euch, von allen.« Die entsprechende Petition haben inzwischen etwa 34000 Menschen unterzeichnet.

»Schickt ein Schiff!« Konkreter geht es nicht. Naiver auch nicht, mag der eine oder die andere denken. Hat die Kirche wirklich nichts anderes zu tun, als sich als Reederei zu betätigen?

Vielleicht nicht unbedingt als Reederei, aber als eine Organisation, die es nicht beim Reden belässt. Die Kirchengemeinden tun in Deutschland viel, und im vergangenen Sommer besuchte der rheinische Präses Manfred Rekowski Malta, als dort die Behörden Rettungsschiffe festgesetzt hatten. »Solange es so ist, dass Menschen mit Booten flüchten, müssen wir dafür sorgen, dass diese nicht zu Tode kommen«, betonte er damals. Der Vorsitzende der EKD, Heinrich Bedford-Strohm, war Anfang Juni diesen Jahres auf Lampedusa und Sizilien, um auf die Kriminalisierung der Seenotretter aufmerksam zu machen.

Zu ihnen gehört Carola Rackete, die Kapitänin des privaten Rettungsschiffes »Sea-Watch 3«, die derzeit große öffentliche Aufmerksamkeit erfährt. Ihr wird in Italien unter anderem Beihilfe zur illegalen Einreise vorgeworfen. Sie und ihre Besatzung hatten Mitte Juni insgesamt 53 Menschen aus dem Mittelmeer gerettet und 40 von ihnen ohne Erlaubnis nach Lampedusa gebracht.

Wäre die »Sea-Watch 3« nicht zur Stelle gewesen, wären diese 53 Menschen mit hoher Wahrscheinlichkeit in die Statistik eingeflossen, die das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen kürzlich veröffentlicht hat. Demnach starb im 2015 jeder 269. Mensch bei der Flucht nach Europa. Ein Jahr später war es jeder 71., in diesem Jahr jeder 45. Traurige Folge dessen, dass die private Seenotrettung verhindert wird und die Europäische Union die Seenotrettungsmission Sophia eingestellt hat.

Die Europäische Union hat mit der Dublin-Regelung eine Situation geschaffen, die die Belastung durch Flüchtlinge bei den Mittelmeeranrainern konzentriert. Demnach ist für ein Asylverfahren das europäische Land zuständig, das einen Schutzsuchenden zuerst registriert. Das ist falsch und macht den Ärger Italiens verständlich. Den Ärger, nicht die Haltung von Innenminister Matteo Salvini von der rechtsgerichteten Lega, der Seenotretter für Verbrecher hält.

Die Dublin-Regelung gehört abgeschafft, die Europäer müssen sich endlich einigen, wie sie mit dem weltweiten Problem Flucht umgehen. Wenn das nicht mit allen Ländern gelingt, muss es eine »Koalition der Willigen« geben. Solange das aber nicht der Fall ist, sollte sich die EKD an einem breiten zivilgesellschaftlichen Bündnis beteiligen, das gemeinsam ein Schiff auf den Weg schickt. Das allein wird das Problem nicht lösen, aber Menschenleben retten. Es wäre zudem ein Zeichen der Humanität und würde all jenen Mut machen, die Flüchtlingen zur Seite stehen.

Von Renate Haller

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