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Meinung

Reset

Im wahren Leben lässt sich nichts ungeschehen machen. Aber der Mensch kann versuchen, aus dem, was geschehen ist, das Beste zu machen.

esz / N. KohlheppWolfgang Weissgerber

Ostern ist das Fest der Auferstehung. Jesus starb am Kreuz und war dann irgendwie doch nicht tot: »Am dritten Tage auferstanden von den Toten«, sprechen Christen seit etwa 1500 Jahren ihr Glaubensbekenntnis. Der Tod wurde rückgängig gemacht, alles war wieder wie vorher. Naja, nicht ganz – bald darauf ist er »aufgefahren in den Himmel«.

Die Auferstehung war nicht gedacht, um Jesus noch einmal von vorn beginnen zu lassen und dem Kreuzestod zu entgehen. Doch der Heiland hat durch die Auferstehung den Tod überwunden, dem Furchtbarsten überhaupt seine Macht und seinen Schrecken genommen.

Auch in der digitalen Welt gibt es eine Art Auferstehung: die Reset-Funktion. Sie wird genutzt, wenn nichts mehr geht, wenn scheinbar alles verloren und hinüber ist. Mit Reset stellt man bei elektronischen Geräten – vom Mobiltelefon bis zum Computer – alle Einstellungen zurück auf den Originalzustand. Dann geht es von vorne los, als wäre nichts geschehen.

Eine Art Reset-Taste wünschte sich manch einer auch für das wirkliche Leben. Ob die Kanzlerin, wenn sie nicht einschlafen kann, von einem Reset träumt, mit dem sie ihren legendären Satz »Wir schaffen das« einfach ungesagt machen könnte? Viele Briten würden gewiss gern erneut über den Brexit abstimmen. In Deutschland hätten manche gern die Mauer zurück, andere wünschen sich, die Teilung hätte es nie gegeben.

Doch so eine Reset-Funktion ist eine große Versuchung. Sie ist für den totalen Systemabsturz gedacht. Wenn nichts mehr geht, ist sie das kleinere Übel. Denn sie macht alles platt. Ein Mensch, der Reset wählt, wenn er sich nur ein wenig im Programm verheddert hat, bügelt nicht nur den einen Fehler aus, sondern revidiert sämtliche individuellen Einstellungen. Besser, man lässt die Finger davon.

Zurückgenommen hat Angela Merkel ihren Satz zwar nicht. In der Flüchtlingspolitik hat sie sich, haben sich die Länder der gesamten Europäischen Union gleichwohl für Reset entschieden. Mittlerweile geschieht, was sich ein Teil der Deutschen schon 2015 gewünscht hat, sogar noch mehr: Nicht erst an der Grenze, sondern schon auf halbem Wege werden Flüchtlinge abgewiesen. Viele hängen in Nordafrika fest. Was ihnen dort blüht, ist nur schwer zu ertragen, bleibt dem Anblick der Wohlstandsbürger Europas aber erspart. Doch an der Flucht an sich ändert die neue Härte gegenüber Migranten gar nichts.

Im wahren Leben gibt es kein Reset. Nichts lässt sich ungeschehen machen. Aber der Mensch kann versuchen, aus dem, was geschehen ist, das Beste zu machen.

Für uns Europäer heißt das ganz konkret: Flüchtlinge sollen nicht im Mittelmeer ertrinken oder in der Wüste verdursten. Sie könnten in der Sicherheit Europas eine neue oder zeitweilige Heimat finden. Besser noch: Europa muss dazu beitragen, dass Hunger, Armut und Krieg sie gar nicht erst zur Flucht treiben. Die Briten dürfen bleiben oder gehen, ganz wie sie wollen. Das vereinte Deutschland kann weiter zusammenwachsen.

Der Glaube an die Auferstehung im Jenseits gibt Menschen Hoffnung. Er soll aber nicht davon abhalten, nach einem besseren Leben im Diesseits zu streben.

Von Wolfgang Weissgerber

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