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Meinung

Frauen und Frieden

Die künftige kurhessische Bischöfin Beate Hofmann ist die erste Frau, die in Hessen ein solches Amt übernimmt. Es gab und gibt in Deutschland aber schon mehrere Bischöfinnen.

esz/N. KohlheppWolfgang Weissgerber

Hurra, es ist ein Mädchen«, titelte die linksalternative »tageszeitung« einst, als Angela Merkel zur ersten deutschen Kanzlerin gewählt wurde. Für solch flapsige Überschriften gibt es bei der künftigen kurhessischen Bischöfin Beate Hofmann keinen rechten Anlass. Zwar ist sie in der Tat die erste Frau mit diesem Titel in Hessen, für Ministerpräsident Volker Bouffier ein »historische Ereignis«. Bischöfinnen gab und gibt es in Deutschland aber schon mehrere.

Die erste überhaupt, auch weltweit, war 1992 Maria Jepsen in Hamburg. Ihr folgten Margot Käßmann (Hannover), Ilse Junkermann (Magdeburg) sowie – mit dem Titel Präses, aber der Funktion einer Bischöfin – Annette Kurschus (Bielefeld) und zuletzt Kristina Kühnbaum-Schmidt (Schwerin). Zuvor hatte bereits 1988 mit Helga Trösken erstmals in Deutschland – und in Hessen – eine Frau ein bischöfliches Amt übernommen, allerdings »nur« mit dem Titel Pröpstin. Auf dieser Ebene ist die Frauenpower – von Susanne Breit-Keßler (München) bis Ulrike Trautwein (Berlin) – inzwischen schon deutlich größer.

Auch nach 30 Jahren, also einer ganzen Generation, haftet der Wahl einer Frau in ein hohes Amt aber immer noch etwas Besonderes an. Wie viele Generationen es wohl noch dauern wird, bis das Geschlecht nicht mehr nur formal, sondern auch gedanklich im gesellschaftlichen Bewusstsein keine Rolle mehr spielt? Immerhin ist die Kirche, die evangelische jedenfalls, da schon ein ganzes Stück weiter als die Wirtschaft, wo die Führungsetagen weiterhin vorwiegend Männerdomänen sind.

Raus aus dem Amt funktioniert bei Frauen in der Kirche übrigens sehr viel leichter als der Weg hinein. Aber ob das ein Fortschritt ist? Käßmann trat nach einer Alkoholfahrt zurück, Jepsen wegen ihres Umgangs mit sexuellem Missbrauch. Junkermann hätte nach ihrer ersten Amtsperiode gern noch bis zum Ruhestand weitergemacht, durfte aber nicht. Der Landeskirchenrat war dagegen. In Hessen-Nassau blieb Vize-Kirchenpräsidentin Cordelia Kopsch 2011 die Wiederwahl auch ohne Gegenkandidat(in) versagt. In beiden Fällen hielt sich die Aufregung in Grenzen. Bei Männern hätte das im auf Konsens programmierten System Kirche vermutlich ein mittleres Erdbeben ausgelöst.

Bei dem wohl ersten derartigen Vorgang in der neueren Kirchengeschichte, als Propst Felix Rau (Darmstadt) 1968 nach 18 Jahren ebenfalls nicht wiedergewählt wurde, erschütterte dies die hessen-nassauische Kirche noch erheblich. Die kennt sich mit Erdbeben allerdings bestens aus. Die ersten löste ihr Kirchenpräsident Martin Niemöller aus, der mit seiner Agitation gegen die Atomrüstung und seiner vermeintlichen Nähe zur Sowjetunion für Aufsehen sorgte. Es folgten die Auseinandersetzungen um Jungpfarrer in der DKP und die Erweiterung des Frankfurter Flughafens sowie einige kleinere Rumpeleien.

Das Erbe des knorrigen Martin Niemöller schien bei der jüngsten Synoden-Tagung der EKHN indes in Vergessenheit geraten zu sein. Ein Erdbeben gab es da zwar nicht, doch eine kleine Blamage. Im Entwurf einer »Friedensethischen Stellungnahme«, im Auftrag des Synodalvorstands von einer Arbeitsgruppe verfasst, wollte die Synode der »Ächtung von Atomwaffen« nicht zustimmen. Schließlich habe die nukleare Abschreckung in Europa für sieben Jahrzehnte Frieden gesorgt, lautete ein Einwand (Seite 5). Auch der Hinweis auf »ein Wirtschaftssystem, das weltweit tötet und bei uns den sozialen Frieden gefährdet«, stieß auf Widerspruch.

Nun sind solche Formulierungen gewiss undifferenziert, der dahinter stehende Drang zur Weltverbesserung womöglich ein wenig naiv. Gleichwohl ist es eine neue und befremdliche Erfahrung, wenn eine Synode – und dann noch ausgerechnet die der streitbaren und politischen EKHN – es auch nur in Erwägung zieht, nicht gegen Massenvernichtungswaffen zu sein.

Von Wolfgang Weissgerber

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