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Oberhessen

»Eine Anspruchshaltung gibt es nicht«

Ein Nierenspender erzählt

LAUTERTAL. Die Möglichkeit der Nierenlebendspende ist nach Meinung von Thorsten Backwinkel-Pohl viel zu wenig im Bewusstsein der Menschen. Der Pfarrer aus Engelrod wurde selbst zum Spender. Wie es dazu kam, welche Hürden bis zur Transplantation zu nehmen waren und wie es ihm und der Organempfängerin inzwischen geht, erzählt der 57-Jährige im Gespräch mit Michaela Rojahn.

Foto: eöa/Michaela RojahnThorsten Backwinkel-Pohl sagt, er sei kein Gutmensch.

Herr Backwinkel-Pohl, wie kamen Sie auf die Idee, eine Niere zu spenden?

THORSTEN BACKWINKEL-POHL : Persönliche Betroffenheit. Im Herbst 2014 erfuhr ich vom Schicksal unserer befreundeten Familie, deren Tochter aufgrund einer Autoimmunerkrankung eine neue Niere benötigte. Man geht in die Sache rein mit dem Gedanken: »Wird sowieso nichts.«

Wie ist das, wenn man einmal angefangen hat mit all den Untersuchungen und immer klarer wird, dass die Werte passen, die Konstitution gut ist, gibt es dann irgendwann den Punkt, wo es kein Zurück mehr gibt?

BACKWINKEL-POHL: Es gibt viele Möglichkeiten, das Ganze zu stoppen. Allein bei den psychologischen Gutachten reicht der geringste Zweifel. Bei mir wäre die Spende fast an der Ethikkommission gescheitert. Nachdem alle Tests durch waren, musste ich zu diesem Gespräch nach Frankfurt, wo mich ein Mediziner, ein Jurist und eine Psychologin intensiv befragt haben. Mediziner und Jurist hatten keine Einwände, die Psychologin aber stellte die Enge der Beziehung zur Organempfängerin infrage.

Die Kommission lehnte Sie ab oder wurde die Person von den beiden anderen überstimmt?

BACKWINKEL-POHL: Weder noch. Die Kommission verweigerte im Anschluss die Stellungnahme und forderte ein weiteres psychologisches Gutachten. Erst danach gab es grünes Licht. Der OP-Termin war durch diese Verzögerung nicht mehr zu halten, so dass wir warten mussten, bis im Fuldaer Klinikum zwei OPs gleichzeitig frei waren und die Teams zur Verfügung standen.

Das Transplantationsgesetz schreibt das Gutachten einer unabhängigen Ethikkommision vor: Freiwilligkeit und Unentgeltlichkeit sollen geprüft werden und auch die Qualität der Beziehung. Letzteres scheint ja besonders schwer möglich zu sein.

BACKWINKEL-POHL: Das hängt zusammen. Die Kommission muss unabhängig sein, weil natürlich die behandelnden Ärzte ein Interesse an einer Transplantation haben. Eine Kommission, die weder Spender noch Empfänger zuvor kennt, soll da neutral ohne Eigeninteressen drauf gucken. Man geht ja davon aus, dass die enge verwandtschaftliche oder freundschaftliche Beziehung zwischen Spender und Empfänger die Gefahr der Kommerzialisierung bannt. Auch das kann ich nachvollziehen. Aber das Kriterium, dass Organspende immer freiwillig sein muss, wird doch schon im engen Familienkreis ganz schön schwierig. Da gibt es ja viel eher diese Gemengelage von persönlicher Betroffenheit und dem Zugzwang, sich zur Verfügung zu stellen, wenn es das eigene Kind ist oder Geschwister oder der Partner und so weiter.

Hatten Sie auch Erwartungen an die Empfängerin Ihrer Niere?

BACKWINKEL-POHL: Eine Anspruchshaltung gibt es meinerseits nicht. Sie hat mir vorher gesagt, dass sie das Motorradfahren nicht aufgeben möchte.

Sie sind Ehemann und siebenfacher Familienvater – erhebt die Familie keinen Einspruch dagegen, dass sie so ein Risiko eingehen?

BACKWINKEL-POHL: Man spricht natürlich viel und lange mit der eigenen Familie. Sicher, wenn eines meiner Kinder erkranken sollte, kann ich keine Niere mehr abgegeben. Von der Lebendspende ausgeschlossen sind übrigens auch Menschen, deren Beruf mit schwerer körperlicher Arbeit verbunden ist oder die ein erhöhtes Unfallrisiko haben. Eine Niere weniger heißt ja auch, dass der verbleibenden nichts passieren darf. Das alles ist uns klar gewesen. Es gab aber keinen Einspruch.

Und was ist mit dem Risiko, weniger leistungsfähig zu sein oder nicht mehr für die Familie sorgen zu können? Welche Folgen oder Einschränkungen haben Sie zu tragen?

BACKWINKEL-POHL: Beim Essen und Trinken muss ich mich gar nicht einschränken. Einmal jährlich gehe ich zur Nachuntersuchung, wohl bis ans Ende meines Lebens. Ein Narbenschmerz ist geblieben, der hat mich zum Beispiel auch heute Morgen geweckt und erinnert mich immer wieder an jenen Tag im Sommer 2016. Später, in einigen Jahren, könnte noch erhöhter Blutdruck als Folgeerkrankung hinzukommen. Aber so weit bin ich noch nicht.

Klingt harmlos.

BACKWINKEL-POHL: Es ist auch harmlos. Ich habe aber volles Verständnis dafür, dass man Angst vor Krankenhäusern und Operationen haben kann. Und es ist von Vorteil, wenn man so ein Körpergefühl hat wie ich. Manche Menschen würden sich durch so eine lange Narbe vielleicht entstellt fühlen. Mir war vorher klar, dass ich mit solchen Dingen kein Problem haben würde. Das halte ich für den entscheidenden Unterschied zur Leichenspende: Als Lebendspender weiß man halbwegs, worauf man sich einlässt. Wir haben zwar eine Diagnostik für den Hirntod, aber was im Sterben noch alles passiert, außer dass die Hirnströme weg sind, das weiß doch kein Mensch. Und trotzdem sollen wir vorher entscheiden, was wir dann vermutlich wollen würden.

Was steht dann in Ihrem Organspendeausweis?

BACKWINKEL-POHL: Ich habe keinen, und auch keine Patientenverfügung. Meine engste Familie weiß, dass ich nicht endlos an Maschinen angeschlossen sein will, aber die konkrete Situation ist für mich völlig irreal. Wie soll ich die vorher einschätzen?

Stehlen Sie sich da nicht etwas aus der Verantwortung, indem Sie das anderen überlassen?

Backwinkel-Pohl: Das würde ich nicht so sehen. Ich muss mit dieser Entscheidung ja nur sterben, aber meine Angehörigen müssen damit leben. Also ist es doch besser, sie treffen auch die Entscheidung, was mit mir passiert.

Wie haben die Leute reagiert, nachdem die Transplantation geglückt war?

BACKWINKEL-POHL: Ich bin kein Gutmensch, und jeder, der mich kennt, weiß das. Im Dorf spricht sich so etwas natürlich rum. Da lässt sich eine gewisse Idealisierung nicht verhindern. Im Krankenhaus hatte ich viel Besuch nach der OP, von beiden Familien, von Freunden, und auch Gemeindeglieder kamen vorbei. Für mich war es dennoch eine Selbstverständlichkeit: Jemanden leiden sehen und dann sogar helfen können, das ist doch ein Geschenk. Dieser Moment im Aufwachraum, wenn der Arzt ans Bett tritt und sagt: »Die Niere hat angefangen zu arbeiten.« Sie war so eingeschränkt, und nun hat sie Reisen gemacht, lebt ohne Dialyse – eine ganz andere Lebensqualität für eine Frau Mitte 20. Das ist doch toll. Mir ist aber auch klar, dass es keinerlei Verpflichtung geben darf. Wer mir näher- steht, für den bin ich auch bereit, mehr zu tun. Ich verstehe Nächstenliebe auch nicht so, dass man für alle alles tun muss. Für diese junge Frau wollte ich das tun.

Dieses »Wollen« hätte ja aufgrund der Gesetzeslage beinahe nicht ausgereicht, wenn sich die Ethikkommission anders positioniert hätte. Sollte sich an der Gesetzgebung Ihrer Meinung nach etwas ändern?

BACKWINKEL-POHL: Unbedingt. Der Kreis der möglichen Spender sollte erweitert werden. Wer aus Angst vor Kommerzialisierung andere von einer Organspende abhält, verlängert unnötig Leiden und gefährdet Menschenleben.

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