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Rheinhessen

Was junge Menschen stark macht

Vortrag des Psychiaters und Psychologe Michael Huss

Judith KesslerDer Leiter der Fachstelle Bildung und Erziehung Richard Auernheimer (von links), Schulrektorin Silke Grimsel und Experte des Abends Michael Huss.

WÖRRSTADT. Die Digitalisierung wartet mit vielen Herausforderungen auf, sagt Michael Huss. Auch mit Herausforderungen für den Selbstwert unserer Kinder. Das, was sie stark macht, ist aber genau dasselbe wie seit eh und je.

Wenn Kinder Schwierigkeiten machen, sind niemals sie selbst das Problem. Sie zeigten mit ihren Schwierigkeiten stets nur die Fehler im System an, sagt Michael Huss. Der Ärztliche Direktor der Rheinhessen-Fachklinik in Alzey, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie sowie Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Rheinhessen-Fachklinik in Mainz soll vor Eltern, Pädagoginnen und Pädagogen ein für allemal klären, was Kinder und Jugendliche brauchen, um zwischen Digitalisierung, Körperkult, Flucht oder Trump ein gelingendes Leben zu führen. In die Wörrstädter Neubornschule eingeladen hat die Fachstelle Bildung und Erziehung des Dekanats Wöllstein.

Huss zählt die aktuell wichtigsten Fehler im System auf: verschwimmende Grenzen zwischen den Generationen, den Kult um ein völlig unrealistisches, dank Photoshop aber omnipräsentes Körperideal, einen »extrem schnellen, beschleunigten Wandel« und den dramatisch erhöhten Schaden, den Mobbing im digitalen Zeitalter anrichten kann.

Innenwelt und Umwelt der Jugendlichen verändern sich

Dabei seien Kinder und Jugendliche heute keinesfalls roher oder brutaler als früher, sagt der 55-Jährige mit den vielen Titeln. Während man aber zum Beispiel ein kompromittierendes Foto früher einfach habe wegwerfen können, könne das Kind heute nie ganz sicher sein, ob auch wirklich jede Kopie gelöscht sei. Dass sich Innenleben und Umwelt der Heranwachsenden immer rasanter verändern, macht Huss an der »Fridays for Future«-Bewegung fest: Noch vor wenigen Jahren habe er seinen vier Töchtern politische Lethargie vorgeworfen. »Und plötzlich setzt sich irgendwo in Schweden ein 16-jähriges Mädchen hin und hält ein Schild hoch«, spreche beim UN-Klimagipfel in New York und mit dem ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama. »Das haben wir mit unseren Lichterketten damals nicht erreicht«, stellt Huss fest. »Respekt.«

Ein fast militaristischer Kleidercode

Während auf Pausenhöfen »ein fast militaristischer Kleidercode« herrsche, bei dem jeder Code etwas anderes bedeute, nahm der Psychologe und Psychiater bei den verzerrten Körperidealen für Frauen wie Männer die Erwachsenen in die Pflicht: »Wir haben den Kindern und Jugendlichen ihren Körper entfremdet« und »in einer rücksichtslosen Weise zur Ware« gemacht. Wo Huss die Grenze zwischen den Generationen zieht, blieb jedoch unklar, sind die ersten »digital natives« und pausenhofuniformierten Bauchfrei-Trägerinnen der 1990er dem Jugendalter doch längst entwachsen. Auch Definitionen der eigenen Geschlechtsidentität, die vom binären Mann-Frau-Denken abweichen, stellte der 55-Jährige in den Kontext jugendlicher Abgrenzung und ließ damit unter den Tisch fallen, dass zum Beispiel zuletzt medial immer häufiger thematisierte transidente Menschen weder ein Novum noch ausschließlich Jugendliche sind.

Ohne Liebe und Zuwendung geht nichts

Was Kinder resilient – oder eben stark – mache, habe sich jedoch von seiner bis zur heutigen Generation nicht verändert: »Wenn Liebe und Zuwendung fehlen, wachsen wir nicht.« Das gelte für Heran- genauso wie für Erwachsende. »Einen Menschen lieben, heißt, ihn so zu sehen, wie Gott ihn gemeint hat«, bemüht Huss den russischen »Schuld-und-Sühne«-Autor Fjodor Dostojewski, um seine Erkenntnisse aus über zwei Jahrzehnten Forschung, Lehre und therapeutischer Praxis auf den Punkt zu bringen.

Erziehungstipps wolle der vierfache Vater eigentlich nicht geben, schließlich sei er »nicht weiser als die Natur selbst«. Die anwesenden Eltern lassen Huss aber nicht so einfach vom Haken. Die Frage, welche Rolle Achtsamkeit für sich selbst und andere spiele, entlocken Huss doch noch ein seliges Lächeln. Ob Smartphone-Nutzung, schulischer Erfolg oder sprachlicher Umgang miteinander – Ziel sei es nicht, Extreme im Verhalten der Kinder und Jugendlichen zu bestrafen oder zu belohnen, sondern eine ausgeglichene Mitte zu finden.

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