Evangelische Sonntags-Zeitung

Angebote und Themen

Herzlich Willkommen! Entdecken Sie, welche Angebote der Evangelischen Sonntags-Zeitung zu Ihnen passen. Über das Kontaktformular sind wir offen für Ihre Anregungen.

AngeboteÜbersicht
Menümobile menu

Süd-Nassau

Vegan zum Weltfrieden

Kabarettist Martin Zingsheim

Foto: Anja Baumgart-PietschMartin Zingsheim nimmt in der Hochheimer Kirche kein Blatt vor den Mund.

HOCHHEIM. Bei seinen Witzen bekommt auch die Kirche ihr Fett weg. Der Kölner Comedian Martin Zingsheim erntet in Hochheim trotzdem viel Applaus.

Auf den Schluss-Gag hat er in der Kirche dann doch verzichtet– aber »Verzicht« war ja auch Teil des Programms: Kabarettist Martin Zingsheim, gastierte in der Hochheimer Kirche und behielt seine Klamotten an. Kritiken anderer Abende mit dem Kölner Wortakrobaten berichten vom finalen Kleidungs-Verzicht. Denn das meiste, was man so trägt, kommt aus schrecklichen Dritte-Welt-Schneiderfabriken. »Kultur in der Kirche«, eine Initiative von Hochheimerinnen, die von Kabarett über Konzert bis Ausstellungen auch mal Provokantes in den künstlerisch gestalteten Raum bringen, in dem sonst Gottesdienste gefeiert werden, hatte Zingsheim bereits zum zweiten Mal eingeladen.

Neues Programm verschont auch die Kirche nicht

Sein Programm »aber bitte mit ohne« hat den Verzicht auf Besitzstreben und Konsumrausch zum Leitmotiv. Das passt ganz gut in eine Kirche, auch wenn Zingsheim ziemlich religionskritisch daherkommt. »Aber wenn ich jemals wieder einer Kirche angehören sollte, dann dieser hier«, lobt er die Organisatorinnen in Hochheim. Schon 27 Jahre lang organisieren sie die über die Grenzen der Stadt hinaus bekannten Veranstaltungsreihe, die in Kooperation mit der örtlichen Buchhandlung stattfindet.

Zingsheim, der einmal drei Kabarettpreise binnen dreier Tage erhielt und Träger des Deutschen Kleinkunstpreises ist, überzeugte mit scharfzüngiger Gesellschaftskritik und witzigen Einblicken in den Alltag eines vierfachen Familienvaters. Dass er zudem promovierter Musikwissenschaftler und ein scharfer Beobachter des Absurden ist, sorgte für niveauvolle Unterhaltung. Und mal ehrlich: Haben wir nicht wirklich alle zuviel Zeugs, zu viele herbeigeredete Probleme, die eigentlich gar keine sind? »Ja, ich mache hier einen Abend mit pseudo-intellektuellem, linksgrünversifftem Gutmenschengedöns«, sagte der Kölner selbstironisch. Verschwörungstheoretiker, Internetsüchtige, Helikoptereltern und Hipster bekamen ihr Fett weg.

Genervt von Hipstern und »Salafisten«-Christen

Warum lesen Eltern ihren Kindern nicht mehr selbst vor, sondern schenken ihnen einen elektronischen Lesestift? Wer hört »krasse Musik, trägt einen langen Bart und braut sein eigenes Bier? Das waren früher die Mönche, heute die Hipster.« Der Rückblick auf das Luther-Jubiläum im katholischen Köln fällt da eher mager aus: »Ja, wer war das, dieser Luther, fragt mich mein Sohn. Ich weiß gar nicht, vielleicht der Lebensgefährte von Margot Käßmann?« Macht ja nichts, dafür ist Zingsheim im Plan der örtlichen Pfarrfeste ebenso versiert wie im karnevalistischen Brauchtum und postuliert, manche Christen seien »Salafisten ohne Migrationshintergrund«. Zum Schluss verrät er sogar noch das Rezept für den Weltfrieden, wie er es auf einer Dose Sprühsahne fand: »Halal, Koscher, vegan, glutenfrei.«

Anja Baumgart-Pietsch

Diese Seite:Download PDFDrucken

to top