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Süd-Nassau

Hoffen auf den Neustart

Ansgar Wucherpfennig warnt vor »Steinbruchexegese«

Juliane SchneiderAnsgar Wucherpfennig äußert sich positiv zur Segnung homosexueller Paare.

NEUENHAIN. Aufarbeitung und Prävention. Der katholische Priester Ansgar Wucherpfennig findet klare Worte, wenn es um sexuellen Missbrauch in der Kirche geht.

Dass ein kleines Zeitungsinterview so einschlagen kann, damit hatte Ansgar Wucherpfennig nicht gerechnet. Seit 2014 schon hatte sich der katholische Priester, Professor und Rektor der katholischen Hochschule Sankt Georgen für die Segnung homosexueller Frauen und Männer an der Frankfurter Stadtkirche eingesetzt. Erst ein Interview mit einer Lokalzeitung 2016 rief Rom und die Bildungskongregation auf den Plan.

»Im Oktober war klar, dass ich den Posten als Institutsleiter nicht antreten kann«, erinnert sich der 53-Jährige bei einem Vortragsabend im Augustinum Neuenhain zum Thema »Kirche denkt neu nach – Bibel, Sexualität, Fragen der Gesellschaft«. Das Zittern sei weitergegangen, aber auch eine überwältigende Welle der Solidarität. Schließlich habe man sich darauf geeinigt, dass er die Glaubenslehre der katholischen Kirche fair wiedergebe, aber auch seine eigene Meinung als Christ sagen dürfe. In einem offenen Brief an Kardinal Reinhard Marx forderte er Anfang des Jahres im Verbund mit acht weiteren Unterzeichnern Reformen.

»Nicht der Schutz der Kirche steht im Vordergrund«

Hintergrund ist die Missbrauchsdebatte. Die habe ihn auch persönlich bewegt, sagt Wucherpfennig. Vor vielen Jahren schon habe ihm ein Freund erzählt, dass er als 13-/14 Jähriger über einen Zeitraum von eineinhalb Jahren von einem Jesuiten vergewaltigt worden sei. Ein Trauma, das Spuren hinterlassen habe.

Ernstnehmen, was passiert ist, und Zuhören: Das sind für Wucherpfennig die ersten Schritte, die vonseiten der Kirche zu tun sind. »Nicht der Schutz der Kirche steht im Vordergrund, sondern Aufarbeitung und Prävention.« Dazu gehört für den Theologen die Erkenntnis, dass die Engführung in der katholischen Kirche und die fehlende Gewaltenteilung sogar Missbrauch begünstigten. Es dürfe nicht sein, dass der Ansprechpartner für Missbrauchsopfer ein Bischof sei, von dem man nicht wisse, ob er nach dem Motto handle: »Eine Krähe hackt der anderen nicht das Auge aus.«

Bibelstellen nicht aus dem Zusammenhang reißen

Ein Umdenken fordert der Theologe bei der Rolle der Frau. Auch eine menschengerechte Sexualethik sei notwendig. Der Katechismus richte sich zwar gegen eine Ausgrenzung homosexueller Menschen. Genau das passiere aber, wenn gleichzeitig von widernatürlicher Neigung die Rede sei, was auch für viele Priester, die selbst so empfinden, ein großes Dilemma sei. Das Auslöschen persönlicher Tendenzen könne im Zynismus und einem noch größeren Risiko für sexualisierte Gewalt enden.

In einer kurzen Analyse der wenigen biblischen Stellen über gleichgeschlechtliche Liebe, wendet sich der Theologe gegen eine »Steinbruchexegese«, die Stellen aus dem Zusammenhang reiße und die Wertmaßstäbe damaliger Zeit außer Acht lasse.

Mit der Weltkirche und Ländern, die Homosexualität teilweise noch unter Strafe stellten, sei eine Reform derzeit schwer. »Aber ich habe die Hoffnung, dass sich überall in Deutschland ein Neustart ermöglichen lässt.«

Konkrete Ziele bis zum Ökumenischen Kirchentag

Aber auch er selbst ist für viele Anwesende ein Hoffnungsschimmer in Zeiten, in denen viele mit ihrer Kirche hadern. Die Reihen im Saal sind gefüllt, die anschließende Diskussion zeigt Zustimmung bis hin zur Dankbarkeit. »Sie sind für mich ein großer Lichtblick, wenn es darum geht, meinen Enkeln unsere Kirche nahezubringen«, sagt eine Frau. Ob er Chancen auf Verbesserungen in nächster Zukunft sehe, fragt jemand. Seine nächste Hoffnung sei, dass es bis zum 3. Ökumenischen Kirchentag in Frankfurt 2021 erlaubt sei, gemeinsam Abendmahl zu feiern.

Juliane Schneider

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