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Gebärmutter ist<br/>der Sitz für Gefühle

Zu: »Unter Mühen gebären«; Evangelische Sonntags-Zeitung Nr. 52/53, 24. Dezember 2017.

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Ja, Jesus ist nicht das einzige Kind, von dessen Geburt die Bibel erzählt. Denn zeugen und gebären (im Hebräischen können sie beides bedeuten) nimmt in den biblischen Texten einen zentralen Stellenwert ein. Schon allein in den Aufzählungen der Geburtsketten der Stämme Israels oder in der Ankündigung der Geburt eines wichtigen Mannes wird das Heilsgeschehen Gottes mit Israel gesehen. Schade, dass der Artikel das Bild von Eva als der »Urmutter der Sünde« heraufbeschwört oder auf die Unreinheit der Mutter nach der Geburt im alten Israel abhebt; denn um die Geburt wurde sehr viel mehr sorgfältig geregelt. Es gibt unzählige biblische Quellen, die die Erfahrungen von Frauen im Zusammenhang mit Schwangerschaft und Geburt – auch in seiner Bedeutung für unseren Glauben – positiv aufnehmen. Die Gebärmutter ist beispielsweise nach dem Herzen das in der Hebräischen Bibel am zweithäufigsten genannte innere Organ. In ihr ist der Sitz für Gefühle wie Mitgefühl, Empathie oder Mitleid, also die leidenschaftliche Befürwortung der Lebensbewahrung. Uwe Birnstein hat diesen Gedanken, der auch auf die Gottesvorstellung übertragen wird – als eines weiblichen, mütterlichen Gottes in Jes. 66, 13 zitiert: Wie eine Mutter tröstet, so will ich euch trösten ….

Die romantischen Bilder von der Geburt Jesu, die Birnstein kritisiert, sind für mich Ausdruck des ehrfurchtsvollen Staunens über das Wunder, das uns befällt, wenn wir vor einem Neugeborenen stehen. Wir ahnen die Einmaligkeit und Einzigartigkeit des kleinen Menschleins, als einem Neuanfang, ausgestattet mit einer Kraft, die Neues schaffen und etwas Besonderes, Einzigartiges in die Gestaltung der Welt einbringen wird; so beschreibt es die Philosophin Hannah Arendt. Sie sagt, »wegen dieser Einzigartigkeit, die mit der Tatsache der Geburt gegeben ist, ist es, als würde in jedem Menschen noch einmal der Schöpfungsakt Gottes wiederholt und bestätigt«. Frauen haben mit ihrem Körper Anteil daran. Was Frauensolidarität in der Schwangerschaft bewirken kann, erfahren wir in der Begegnung des jungen Mädchens Maria mit der alten Frau, Elisabeth (beide schwanger, für beide keine einfache Situation): es ermächtigt sie, ihr Befreiungslied, das Magnificat, zu singen. Das Lied der beiden Frauen ist auf dem Hintergrund der historischen Situation eines besetzten Landes unter römischer Herrschaft »als Sprache des Widerstandes zu verstehen«, urteilt die Theologin Claudia Janssen. Sie benennen das, was nicht gesagt werden durfte. Und die beiden Frauen loben Gott, weil Gott durch sie in der Geschichte handelt. Sie singen von Gott, der auf der Seite derer steht, die erniedrigt werden, hungern und keinen Einfluss haben. Sie verkünden das Ende der Unterdrückung und sie »erfahren in ihrer Begegnung den Beginn dieser Veränderung«, den Beginn des Reiches Gottes, so Janssen. Von den beiden Frauen lernen wir, dass »das Kommen des Reiches Gottes ein Prozess ist, ein Werden und Wachsen, das manchmal mit Ängsten und Schmerzen, aber auch mit unerwarteter, großer Freude verbunden ist«,wie bei einer Geburt, so Karin Böhmer und Stephanie Franz in Gottesdienstmaterialien, herausgegeben von den Evangelischen Frauen in Hessen und Nassau.

Renate Drevenšek; Brensbach

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