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Rückfall in religiöses Standesdenken

Zu: »Geistlich und chic« und »Geistlich mit Stil«; Evangelische Sonntags-Zeitung Nr. 43 vom 27. Oktober 2019.

»Geistlich und chic« beziehungseise » geistlich mit Stil« sollen Pfarrpersonen öffentlich in Erscheinung treten, wenn es nach dem Marketing einer schwedischen Modedesignerin geht. Münchner Kolleginnen und Kollegen haben anscheinend bereits angebissen. Sie wollen nach eigenem Bekunden » sichtbar und sexy« als Kirchenrepräsentantinnen und -repräsentanten auf sich aufmerksam machen. Skepsis gebe es nur unter unverbesserlichen älteren Kollegen, für die Kollar gleich katholisch sei. Ich frage mich, ob das Kalkül dieser Strategie aufgehen kann, als Kirche ansprechender in Erscheinung zu treten. Eher befürchte ich einen umgekehrten Effekt.

Berechtigterweise gab es einen öffentlichen Sturm der Entrüstung über die Vielzahl von Missbrauchsfällen im kirchlichen Zusammenhang. Dass auch die evangelische Kirche (ohne Pflichtzölibat) davon nicht ausgenommen blieb, betrübt mich sehr. Die publik gewordenen Missbrauchsfälle sind aktuell noch lange nicht ausreichend aufgeklärt, geschweige denn geahndet. Und ausgerechnet (!) in dieser Zeit sollen evangelische Geistliche sich kleidungsmäßig ebenfalls in die klerikale Riege einreihen? Wurden nicht Standesallüren mit als Gründe aufgedeckt, die zu dem jahrelangen Vertuschen von sexuellen Übergriffen innerhalb des Klerus wesentlich beigetragen haben?

Mir ist bewusst, dass der clergy collar in manchen anderen Ländern den geistlichen Stand verschiedener christlicher Denominationen äußerlich kennzeichnet. In Deutschland ist das mit guten Gründen nicht so. Hierzulande würde letztlich das Zurückfallen in ein elitäres religiöses Standesdenken signalisiert. Und gerade dadurch soll neues Vertrauen zu Pfarrpersonen wachsen? Eher wächst die Skepsis gegenüber Menschen, die beruflich Seelsorge anbieten und gleichzeitig einen Mangel an Empathie mit Verletzbarkeiten zur Schau tragen.

Frank Nocher, Pfarrer im Schuldienst; Worms

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